flm Loten See.
Roman von RobertKohlrausch.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
'Ein hohes Gefühl von Kraft und Freude war in Basso Ws Bru-st. Doch ging es nicht in erster Linie von dem Fiunde aus, den er mit sich brachte. Vielmehr waren seine Gedanken bei der Baronin, und ein beglückendes Empfinden sagte ihm: „Diesen Mann liebt sie nicht." In der letzten Stunde hatte die schon in seinem Herze:: wohnende, frohe Beruhigung sich immer noch mehr z'u Hellem, heiterem Glücksgefühl gesteigert. Sein Zusalmnensein mit Breitenbach, seine plötzlich objektiv gewordene Beobachtung von dessen Persönlichkeit hatten es ihm bestätigt. „Diesen Mann kann sie nicht lieben." Und nun gärte in ihm ein mächtiger Drang, sich ihr gegenüber zu betätigen, zu handeln, ein Geheimnis ganz arrs dem Wege zu räumen, zu den: er den Schlüssel vielleicht bereits in diesem Augertblick bei süh trug. Der in den Baumkronen des Waldes wühlende und rauschende Wind schien ih:r anzufeuern und vorwärts zu treiben.
Als er der Stelle nahekam, wo er den Diener zurückgelassen hatte, sah er mit freudigem Herzklopfen, daß die Baronin selbst an dessen Platz getreten war. Bei seinem Nahen erhob sie sich von der Steinbarrk, auf der sie gesessen hatte, und kam ihm rasch entgegen. Schon aus einiger Entfernung rief sie: „Das Rätsel ist gelöst, Ihr Versuch ist glänzend gelungen! Ich war ja vorbereitet auf Ihren Schuß, aber ick) bin doch vor Schrecken zusammen- gefahren; denn es war wieder, als wem: er unmittelbar neben mir ab gefeuert würde. Es ist kein Zlveisel mehr: von dorther, vom toten See ist auch an jenem Abend meines Mannes Hilferuf herüb er geklungen. Daß wir aber früher derartige Dürre nicht gehört haben, erklärt sich ebenso gut. Erst in: letzten Mai hat ja der Windbruch die Wald loa nd niedergelegt, über die kein Laut herüberdringen konnte. Dazu der selten hier wehende Sühwmd, — eins lvenigstens wissen wir nun mit Bestimmtheit."
Sie sprudelte die Worte rasch hervor, wie ein Mensch, der ungeduldig darauf gewartet hat, eine wichtige Mit- teilung vom Herzen loszuwerden. Wer Bassow machte nur eine zustimmeude, eilige Kopfbewegnng; ihm brannte noch Neueres auf den Lippen. Er legte die gefundene Decke auf die Bank, breitete sie auseinander, daß ihr Inhalt sichtbar wurde, und sagte: „Wir lvisserr heute noch :nehr, Baronin. Hier liegen die Sachen vor Ihnen, die der Mörder meines Vetters geraubt hat."
„Wo, — wo haben Sie das gefunden?"
Er begann zu erzählen, sorgfältig, ausführlich. Sie aber stand mit nrederblickenden, starr auf die mattfunkelnden Gegenstände gerichteten Augen. Ihre Stirn hatte sich
über der Nase zusammen gezogen; ihr Geist a^eitete offenbar angestrengt und rasch.
Auch als Bassow seinen Bericht beendet hatte, bewahrte sie Stellung und Ausdruck unverändert, wie hypnotisiert von dem Anblick. Die Worte wägend, leise begann sie dann zu sprechen: „Es war also kein Raubmord."
Bassow stutzte; dieser Gedanke war ihm noch nicht gekommen. „Meinen Sie, — warum?"
„Ein Raubmörder wirft nicht fort, was der Preis des Verbrechens ist."
„Vielleicht hat er Angst bekommen, daß ihn die gestohlenen Sachen verraten könnten."
Sie schüttelte derhKopf, aber die Richtung ihrer Blicke veränderte sich nicht. „Nein. Er überlegt sich das vorher. Der Gewinn ist sein Ziel, die Tat ist Mittel zum Zweck. Diese Dinge sind nur zum Schein geraubt worden."
„So vermuten Sie ein arideres Motiv des Mordes?"
„Ja, — ein anderes Motiv."
„Und welches?"
„Ich weiß es nicht, — noch nicht."
Beide schwiegen. Der Wind schien ihnen etwas zuzuflüstern, aber sie verstanden seine Sprache nicht. Jetzt fragte die Baronin: „Sie sagten, daß er — daß Breitenbach zornig war, weil man das Boot benutzt hatte?"
„Ja, — sehr zornig."
Wieder das drückende, seltsame Schweigen, in dem Geheimnisse schlummerten. Diesmal war es Bassow, der es unterbrach: „Baronin, ich habe eine Bitte. Legen Sie die Sache jetzt in meine Hand. Es ist nicht Frauensache, einem Verbrecher nachzuspüren. Und wenn Sie den Verdacht, van dem Sie gestern sagten, noch immer nicht aussprechen wollen, — es muß auch ohne das gehen. Ich bin im allgemeinen kein scharfer Denker, aber der Wunsch, Ihnen zu dienen, wird meinen Geist rege machen." Er begleitete seine letzten Worte mit einem gntnrütigen, ein wenig verlegenen Lächln, doch das Blitzen seiner Äugen verriet, wieviel Eifer mrd Energie dahinter schlummerten.
Sie hatte langsam den Kopf erhoben und sah ihm in die Augen; ein weicher Ausdruck war auf ihrem Gesichte, den er sich nicht erklären konnte. „Sie sind gütig," sagte sie dann, und auch ihre Stimme war weich. „Und vielleicht haben Sie recht, wenn Sie meinen, daß ein Mann mehr auszurichten vermag in solchen Dingen. Aber ich kann es doch nicht erlauben."
„Warum nicht?"
„Weil Sie sich nicht in Gefahr begeben sollen, nicht in Gefahr um meinetwillen!" Sie hatte die Worte rasch und lebhaft hervorgestoßen und war mit ausgestreckten Händen aus ihn zugetreten.
Ihm aber lveckte dieser Ausdruck nichts als hellen Jubel in der Seele. Sie wollte ihn schützen, ihn halten, sie zitterte für sein Leben, — gab es ein größeres Glück? Er wagte nicht, ihre Hände zu ergreifen, doch der ini:ere Jubel klang


