Mittwock. den 2. -eevruar
1916 — Nr. 18
Km toten Lee.
Roman von RobertKohlrausch.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Jetzt waren beide wieder an dem Punkte angelangt, von dem sie ausg-egang-en waren; die Dunkelheit wuchs rasch und beängstigend um sie her. In tiefem Sinnen blieben sie gleichzeitig stehen.
„Kann ein Tier so geschrien haben?" fragte die Baronin halblaut, als wenn sie sich vor dein Klang ihrer eigenen Stimme fürchtete.
„Nein, nein, so schreit kein Tier. Es war eine menschliche Stimme."
„Sie war es auch damals — es war seine Stimme."
„Heute klang es wie die eines Kindes. Wir aber haben uns überzeugt, daß kein Mensch in der Nahe war. An etwas üebernatürliches kann ich nicht glauben, also —"
„Also?"
„Es gibt Ohrentäuschungen, wie es auch Augentaw schlingen gibt. Unter besonderen Umständen kann man Töne ganz aus der Nähe zu hören meinem wenn sie auch in Wahrheit aus ansehnlicher Entsennmg kommen. Ich weiß das als Jäger, ich habe ein paar sonderbare Fälle dieser Art erlebt."'
„Sie meinen, wir hätten weiter umhersuchen sollen?"
„So ganz ohne weiteren Anhalt wäre das wohl allzu schwierig gewesen. Mer durch die Ermordung Ihres Gatten hat sich der Ton erklärt, den Sie damals gehört haben, vielleicht erklärt sich auch dieser."
Schweigend standen sie einander einen Augenblick in der steigenden Dunkelheit gegenüber; keiner vermochte mehr die Züge des anderen genau zu erkennen. Dann begann die Baronin langsam: „Jetzt will ich Ihnen auch sagen, weshalb ich nicht sortgehen kann von hier, — an deuten wenigstens. Was mich hält, ist der Wunsch und Wille, den Mörder meines Mannes aufzufinden um jeden Preis. Ich muß dies Ziel erreichen, meiner selbst wegen fast noch mehr, als um des Verstorbenen willen, der in Frieden schläft. Ich brauche reine Lust, um atmen zu können."
„Und Sie meinen, von hier aus Ihr Ziel am besten erreichen zu können?"
„Ja, das meine ich."
„Sie haben einen Verdacht?"
Den Bruchteil einer Sekunde zögerte sie mit der Antwort, aber dann kam sie fest und klar Herbor: „Ich habe einen Verdacht."
„Wollen Sie mir nicht sagen, gegen wen?"
„Nein, heute noch nicht. Verdacht ist kein Bewe^, und erst wenn ich einen solchen fest in meinen Händen halte, darf und werde ich sprechen. Gegen Sie zuerst."
„Und bis dahin kann ich gar nichts Um, um Ihnen beizustehen?"
„Sie können mir helfen. Lassen Sie uns gemeinsam zu ergründen pichen, woher die rätselhaften Töne gekonr- men §ind, damals und heute. Wenn wir das erst wissen^ dann sind wir des Rätsels Lösung um einen großen Schrrtt näher." , ! i
„Ich werde suchen." . .
„Für heute lassen Sie uns hineingehen, — es ift Nacht geworden. Und halten Sie bei Ihrem Suchen das eure fest: von derselben Stelle, von wo der schreckliche Ton damals gekommen ist, kam höchstwahrscheinlich auch der heutige Schrei. Und wenn wir die Stelle keimen, dann wissen wir damit auch: an diesem Platze wurde mein Mann ermordet/
9. Kapitel.
Bassows Gefühle waren plötzlich verwandelt. Sobald sich Schrecken und Aufregung ein wenig verloren hatten, füllte ein immer mehr steigender Jubel sein Herz. Das befreiende Lachen der Baronin bei seiner eifersüchtigen Behauptung, sie liebe Breitenbach, hatte schon eine schwere Last von ihm genommen. Und jener geheininisvolle Ton — so schrecklich und erschütternd an sich — bedeutete doch für ihn eine weitere, mit Heller Freude begrüßte Befreiung. Denn dieser Ton war der Beweis dafür, daß die Baronin damals nach ihres Mannes Ermordung die Wahrheit gesagt hatte. Aus dem einen Wahrheitsbeweis aber schöpfte Bassows nach Vertrauen so sehr verlangendes Herz eine Rechtfertigung für ihr ganzes Wesen, einen frohen Glauben an die Zuverlässigkeit all ihrer Worte. Wieder und wieder flüsterten seine Lippen an diesem Abend: „Ich darf ihr jetzt glauben — sie hat nicht gelogen!"
Frieden und Ruhe senkten sich mit dem ersehnten Vertrauen zugleich auf ihn herab, und er schlief zum ersten Male, seit er in Garchim hauste, einen tiefen, traumlosen Schlaf. In der Frühe freilich war er zeitig wieder wach, und seine Gedanken wunderten weit umher, um einen Punkt zu finden, von dem aus er seine Bemühungen im Sinn und im Interesse der Baronin beginnen konnte. Wider alles Erwarten kam ihm dabei der Zufall zu Hilfe. Der Diener Franz, der ihm gewohntermaßen den Kaffee um sechs Uhr auf sein Zimmer brachte, dehnte seine Anwesenheit ein wenig länger als nötig aus; es hatte den Anschein^ daß irgend eine Neuigkeit ihn drückte, die er gern losgeworden wäre. In seiner guten, aufgefrischten Laune tat ihm Bassow den Gefallen, zu fragen, was es gäbe, und nun kam Franz Mit seiner Wissenschaft heraus. „ ^ „
„Ein Unglück hätt' es beinahe gegeben, Herr Baron."
„Ein Unglück?"
„Ja, drüben in Lünzin, am toten See. Der älteste Junge vom Vorarbeiter Nissen —' er hat so seine zehn Jahre, der Junge, — wäre da um ein Haar ertrunken."
„Um welche Zeit?"
„So zwischen acht und neun Uhr gestern abend soll es gewesen sein."
„Sagen Sie mir genau, was man Ihnen erzählt hat.
„Ja, das ist so gewesen. Der Junge hat mit seiner Schwester, die so um zwei Jahre jünger ist, noch draußen


