Ausgabe 
31.1.1916
 
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Man kann sich Vörstetten, daß dies« ebenso unerwarteten Me erstaunlichen Ankündigungen eine Wirkung hatten, die nicht ohne Berechtigung mit dem Platzen einer Bombe verglichen zu werden vermag. Wohl waren prophetische Männer und Frauen, ümunftsdeuter und Geisterbeschwörer in dein abergläubischen Paris nichts Neues, ganz besonders im Kriege, da dieses im doppelten Sinne dunkle Gewerbe in hoher Blüte stand. Man ließ sich das Wohlergehen der Verwandten und Fremide im Felde aus dem Satz in einer KaffeAasse deuten, man zitierte in spiritistischen Sitzungen dm Geist Napoleons, Um ihn über seine Meinung be- »effs des Weltkrieges zu befragen. Aber ein richtiggehender Kriegsberrchterstattergeist das hatten die kühnsten Gemüter, die gläubigsten alten Weiber und kindlichsten jungen Männer [idj mpt träumen lassen. Und nun war er wirklich in Erscheinung getreten, der kriegsberichterstattende GeistAutoine", und seine ^brkündigunaen «mußten selbst den hartnäckigsten Zweifler zur Wt,sensck)ast der Geister, zum Kult der vierten Dimension bekehren.

Denn ganz wie eS auf den Anpreisungen zu lesen war vlntotne . erschien tatsächlich jeden Nachmittag pünktlich um vier Uhr rm Sitzungszimmer der geisterkundigen Herren Gaspard und Ferrol m der Rue de Rivoli, uiid jedermann, der zur Ent­richtung von zwanzig Franks Eintrittsgeld bereit war (und das waren nicht wenige), konnte sich von der untrügerischen Wahrheit des Phänomens überzeugen. Denn die Kriegsnachrichten, die der in Mbelschleiern emportauchende Kopf des Herrn Antoine verkündete, entsprachen tatsächlich dem Kriegsbericht, der ganze vier Stunden später vom offiziellen Kriegspresseamt veröfeentlicht wurde.

Die Leute, die des Glückes teilhaftig geworden waren, der unglaublichen Offenbarung beiznwohnen (wegen des außerordent- :An Andranges mußte man sich tagelang vormerken lassen), schilderten den Vorgang wie folgt:

Die Teilnehmer an der Sitzung nahmen in einem recht eckigen Gemache Platz, dessen Wände mit schwarzem Samt aus Seschlagen waren. Sie setzten sich auf eine Reihe im Halbkreis auf- gestellter StWe und reichten einander die Hände, die sie während der ganzen Vorführuiig festhielten, damit der magnettsche Strom durchlaufen und so die für das Erschein eit und Verbleiben des Geistes unbedingt erforderliche Erhebung und Läuterung der Ge­müter betrurkt werden konnte. Hierauf wurde der Raum verdunkelt, w daß nicht der leiseste Lichtschimmer zu sehen war, und eine Sphärenmusik (bte einige Ironiker allerdings als die Klänge eines' Harnroniums bezeichnet^) hob die Genttiter der Anwesenden in lene Abgeklärcheit, die einzig und allein die Materialisierung eines Geistes möglich nracht. Plötzlich, Mitten in einem gedehnten Ak­kord brach die Musik ab, und eine bange Sttlle ließ den schweren Atem nnes unsichtbaren Lebewesens vernehmlich werden Dann folgten einige rhhthmffche Klopftöne, und dann herrschte wieder Sttlle. Hierauf ging es wie ein kalter Hauch und ein Säuseln durch die Luft, die Wände des Raumes schienen zu zittern und zu ächzen, und dann wurde ein feiner, grünlichgelber Lichtstrahl sichtbar, der sich allmählich ausbreitete und wie eine dünne Wolke in der schwarzen Luft schwebte. Lang wallende weiße Schleier zerteilten diese Wolke, und Maischen ihüen tauchte ein fahler, schwarzbartiger Kopf entpor, der in langsamen, sehr deutlich zu verstehenden Sätzen den Kriegsbericht verkündete und nach dem letzten Wort auf ebenso Unerklärliche Weise verschwand, wie er gekommen war. Das grüne Licht ,erlosch, das Zim'mer wurde wieder Wl und die noch gebannten Zuschauer und Zuhörer blickten sich mit anfge risse neu Augen in die blassen Gesichter

- V? L'bnn dann in den Abendblättern um acht Uhr der offtzielle Bericht er-schien, las man darin alle Neuigkeiten, die der Geist Ailtoine bereits bekannt gegeben hatte.

w ^ war ein Wunder unerklärlichster, aufregendster

Art. Und seine unleugbare, Währhafttakeit, Pünktlichkeit und Ge­nauigkeit waren ft klar erwiesen, daß die Sensation hierdurch alles überbot ^brete beretts Dagewesene um ein gewaltiges Maß

* ar ftü - rr ^ Staunen und Verblüffung. Am verblüff­testen aber ,var ein Mann nämlich der Pariser Polizeipräfekt

Mubarunaeii des Öernt Antoine, dem der geistige Be- sitz des offiziellen KriegspreffeaMtes eine selbstverständliche Kost In &,rhl rf) s en ' sonder Regierung alles eher als angenehm. Und f° ^^de denn der Herr Polizeipräfekt von sehr hoher Stelle mit der Untersuchung dieser mehr als verdächtigen Angelegenheit be- auftiagt. Es gab nur zwei Möglichkeiten: mtiveder man hatte es imt einem ebenso genebenen wie unerwünschten Schwindel zu tun °d« - es gab wirklich einen Geist/der sich seM der fran°

zosischen ^Regrerung^ überlegen zeigte. Doch wenn die erstere

MjW nicht weniger als einen Materialisier bm

Geist handle. Der Polizeipräfekt fluchte, da es ihm unnröglich war, diese kecke Behauptung zu widerlegen. Das Einzige, was sperren hÄlr ' erHellseherinftitnt" behördlich

Diese MaßnaKite aber erregte bei allen Beteiligten die größte Unzufriedenheit. Das neugierige Publikum war wütend, die Rc- "Nerung war unbeftiedigt, und Herr Piffet, einer der jüngsten polczeibeamten, erlaubte sich seinem hohen Vorgesetzten gegen-? über die Benrerkung, haß dies das sicherste Mittel sei, um den Zusammenhang memals aufzudecken. Er erklärte zugleich, daß er, wenn der Gelsterbetrieb in der Rue de Mvoli Meder ge-- stattet rvurde, sich verpflichtete, innerhalb drei Tagen das Rätsel zu tosen.

. So wurden die Sitzungen wieder gestattet, und an: Tage der Mitten Vorführung betrat Herr Piffet, Maskiert als harniloser Kleinbürger und ausgerüstet mit allerlei in seinen Rocktasckven verborgenen Hilfsmitteln, den vielbesprochenen Sitzungsraum.

Wieder wurde es dunkel, wieder erklang die Musik urck ver­stummte, und wieder erschien der Köpf Antoines in grünlich­magischem Lichte. Da plötzlich, mitten in der Verkündung, strahlte Raum hellauf, einen Aiigenblick nur, das Magnesiumlicht des pftfftaen Piffet zischte wie eine Feuerschlange, alles sprang i u '' im ^ bine unbekannte Hand schaltete die gewöhnliche Beleuchtung ein. Piffet erwischte noch im letzten Augenblick den Mit einer phosphorbestrichenen Gesichtsmaske, zwei lange Gaze- Meiern und einem kleinen Handscheinwerser ausgestatteten Herrn Gajpard, als dieser gerade durch einen Schlitz in der schwarz- wchteiieii Wandbekleidung entfliehen wollte. Zugleich packten zwei B xt ® erschienene Helfer Herrn Ferrol, der aiis ebendemselben Wandschlitz hervorgestürzt kam und nnt der Nase an Gaspard (alias Antoine) stieß. Ferrol hielt in der Mernden Hand einen Zettel, auf deni der Kriegsbericht säuberlich ausgeschrieben war . . .

Die mm folgenden aufflärenden Erinittelungen und Gestand- nffje der beiden Missetäter ergaben in Kürze diesen Sachverhalt; Tie Taugenichtse Gaspard und Ferrol besaßen keinerlei Bekannt- schaft nnt der Geisterwelt, dagegen eine zweijährige Kenntnis des Pari,er Strafgefängnisses, das sie erst vvr Jahresfrist verlassen hatten. Außerdem waren sie mit einem Diener am Kriegs- nnuisterium, einem alkoholliebenden Männe namens Miguel, be- rreundet. Der offizielle abendliche Kriegsbericht langte stets um drei Uhr nachmittags aus dein Hauptquartier im Kriegsministerium em. Dort wurde er von einem Geheimschreiber auf einen be­sonderen Aktenbogen gesetzt, und dieses Dokument wirrde um ein Viertel nach drei Uhr durch deu Diener Miquel dem staatlichen Pres,eches ubergeben. Der pflichtvergessene Miquel nuu verfertigte gegen einen Judaslohn von täglich 50 Franks eine Abschrift, die et demHellseherinstitut" durch Eilboten übersandte. So konnten Gaspard und Ferrol mit den leicht zu erratenden Mitteln ihres Gewerbes den Geist Antoine um vier Uhr seine Verkündigung aus­sprechen lassen, während der Original bericht im Kriegs presse amt Umredlgiert, Umstilisiert und gegen Uhr an die Zeittmgen ge­meldet wurde, die ihn in den Achtnhrausgaben veröffentlichten.

Als der Untersuchungsrichter in Gegenwart des Polizeipräfekten und des Chefs des Kriegspcesseamtes Mit seinen Ermittelungen ftrtrg geworden war, warteten die Herren schweigend, bis die drei Verbrecher ans dem Amtszimmer geführt worden waren. Dann sagte der Untersuchungsrichter:Schade um die Burschen . . ." Der offizielle Pressechef fügte hinzu:Sie sind klüger als die meisten unserer Polizeiorgane . . ." Worauf der Polizeipräfekt mit ernem ^eitenbück auf den Pressechef schloß: .. .und fast noch amt^^ l^lgsrnchev als unser bewnndernsivertes Kriegspresse-

Aus dem reden Friedrich Mckerts.

Zu seinem 50. Todestage, 31. Januar.

nicht Lutraf so ging man wohl

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Der dräsekt nahui sich mit großer Energie der Sackre mt

Wscwichk und derart hiuum, dab sie alle /ealeu

r unö Geister zur Hölle verfluchten Dock

Lerren^Äs^, ?Äs^n stthrte zu nichts. Man gina zu den l lri l ^rrol. Man nahm sie ins Gebet, veranstaltete KjÄ e,T ^.^ch'wtpeinliches Kreuzverhör - alles unttonst un ^ behaupteten steif und fest daß sie

tatsächlich magnettsche Kräfte besäßen, und daß es sich 'in Wahr-

( J^ ei Verehrung ulid der vielen Freiindschaft, die Fried- rich Rückert genvsten hat, ist er im Grilnde doch'zeit seines Lebens em Einsamer gewesen und geblieben. Er ist seinen Weg fiir sich £5, n gegangen und hat nie Aiischluß an liter«rische Sippen ver- [ 7 ! c>der gefunden^ die größte Zahl seiner Lebensjahre hat er aus dem Lande, rm Schoße der von ihm über alles geliebten Natur oder aber doch m mittleren, vom Weltleben mehr oder weniges N^wrnten Stadteu zugebracht, und schließlich hat ihn auch feine Doppelwirk,amkeit als Geehrter und Dichter in eine gewisse gedrängt. Es prägte sich das Besonder-e seines aanzen Wesens schon m seiner äußeren Erscheimmg ans: in der hoben fast reckenhaften Gestalt nnt den langwallenden Lockeil und dem ftnsteren Blicke aus den tiefliegenden braunen .Augen In de'- l2Ä U v Ü ? n Rom.ergriff er einmal eine römische A.nme beim Anblicke dieser nordiich-wundersamen Erscheinung erschreckt die Flucht, rndom ,ie angstvoll schrre:Wehe mir, Simon der ckan ^ ttchE^^^n^^äauberer!" So abergläubisch waren nun 'frei- lv\v? * e ,,Hellen Beiliiier nicht, aber wenn sie zu der um

^ r rE rj> e ii°^ ^..orientalisck^n Sprachen u,id Literaturen ^"cver,itat lmrkte, dem Dichter bei seinem tag Spaziergange über die Linden zum Tiergarten nachblickten

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