Montag, den Z\. Januar
Um toten See.
Roman von Robert Kohlrausch.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Ein Imbiß, der zur Nachhause fahrt stärken sollte, trennte die Baronin von Breiteubach. Sie bekam jetzt ihren Platz zwischen dem Kreisphysikus und seiner Frau, doch schien es Bassow, der von Breitenbach in ein lebhaftes landwirtschaftliches Gespräch gezogen wurde, daß die Baronin zerstreut sei und im Sprechen häufig die Blicke auf seinen eigener: Nachbar richte. Und vielleicht hatte das nun endlich auch Breitenbachs Braut bemerkt; wenigstens mahnte sie plötzlich, noch ehe die kleine Mahlzeit ganz beendet war, unter Hinweis auf den inzwischen drohend umwölkten Himmel zum Aufbruch. Sie blieb auch dabei trotz Breitenbachs Versicherung, daß es frühestens am späten Abend zum Regen kommen würde, und erklärte, lieber eine Zeitlang bis zur Ab fährt ihres Zuges auf der Bahnstation warten zu wollen, als während eines Gewitters, vor dem sie sich fürchtete, im Wagen unterwegs zu sein.
Man trennte sich mit eiligem Abschied von den freundlichen Wirten, und auch Bass-ow bestieg an der Seite der Baronin den Wagen zur Heimfahrt. Aber wie sehr hatte sein Gemüt sich wieder verdüstert in den wenigen Stunden! So tief und schwer wie die graugelb ineinandergeschobenen Wolken am scheinbar zur Erde niedergesunkenen Himmel wogten seine Gedanken durcheinander. Er zweifelte nicht anehr daran, daß die Baronin Breitenbach, trotz dessen Verlobung, noch liebte, wenn ihm ihr offenes Zurschautragen dieses Gefühles nach allem, was geschehen war, auch seltsam, unerklärlich erschien. Nach allem, was geschehen war, — denn hinter der klaren Erkenntnis dieser Liebelei lauerte ja verborgen der viel häßlichere Verdacht, den er so gern aus dem Herzen gerissen hätte, der aber stets wieder mit warnender, drohender, mahnender Stimme zu ihm sprach
Stumm, ohne nur den Versuch zur Unterhaltung zu machen, saß Bassow neben der Baronin. Solange der Wagen auf dem stoßenden Pflaster lärmte, schien es ihr nicht aufzufallen, daß er schwieg. Ms aber die glatte, leise Landstraße wieder unter den Rädern lag, schaute sie vorsichtig', mit halbgeschlossenen Augen zu ihm hin.
„Sind Sie müde?" fragte sie.
„drein, ich bin nicht müde," gab er kurz und hart zur Antwort, um gleich aufs neue in Schweigen zu versinken.
Sie versuchte jetzt nicht mehr, seine verschlossenen Lippen zu öffnen. In tiefer, trauriger Stille saß er neben ihr, sah sie auch nicht an, sondern blickte starr, von ihr abgervandt, aus die Chausseebäume am Wege, die beim raschen Lauf des dem Stalle zueilenden Pferdes eilig an ihnen vorüberzogen. Eine glühende, von kurzen Windstößen gepeitschte Schwüle war in der Luft um sie her, eins glühende Schwüle war in seinem Herzen.
Als der Wagen vor dem Schloßportale von' Garchim hielt, sprang Bassow zuerst hinab und hob die Hand, um der Bavonin behilflich zu sein. Aber es tvar etwas Gehemmtes, Widerwilliges in dieser Handbewegung, als. wenn eine unsichtbare Macht seinen Arm niederdrückte. Die Bavonin mußte dies liaum bemerkbare Zaudern auch wahr- gervommen haben, denn sie verschmähte die dargebotene Hilfe und stieg allein behend und sicher vom Magen.
Wortlos gingen sie nebeneinander die Stufen zum Portal empor. Wortlos betraten sie den weiten, leeren Flur. Draußen war es noch ziemlich hell, hier aber schlich sich die Dämmerung bereits aus den Winkeln hervor.: schwarz, drohend hing die große, schmiedeeiserne Laterns in der Mitte des Raumes. Die Baronin blieb stehe::, als wenn sie mindestens ein Abschiedswort von Bassow erwartete. Doch er schwieg auch jetzt, schlug nur die Hacken zusammen und lüftete seine:: Hut. Da nahm sie das Wort, rasch, ein wenig atemlos.
„Lassen Sie uns nicht so auseinandergehen, Baron. Der Tag fing so hübsch und heiter an, und ich hofft« schon, — Sie sind verstimmt aus irgend einem Grunde, von dem ich nichts ah:re. Darum brauchen wir aber doch nicht so fremd oder gar feindselig nebeneinander zu leben wie bisher. Ich gehe noch ein wenig in den Park. Es ist hier im Hause weit schwüler als draußen, — ganz unerträglich für mein Gefühl. Wollen Sie nicht auch hinauskommen?"
Er kämpfte mit sich; es zog ihn an und stieß ihn zurück zu gleicher Zeit, doch es war ihm nicht möglich, nein zu sagen.
„Ja, ich will."
„Das freut mich. Dann also in zehn Minuten, n:cht wahr? Wir kö:rnen uns bei der Bank, unter meinen Fenstern, treffen. Da sind wir gleich wieder in Sicherheit, wenn ein Untvetter kommt. Also aus Wiedersehen."
Sie ging rasch voran, die Treppe hinauf; er folgte langsam, den Kopf in Gedanken gesenkt. Auf seinem Zimmer blieb er nur einen Augenblick. Er hätte in seinen Eifersuchtsqualen dem Zusammensein mit der schönen Frau gern auch jetzt noch widerstrebt, aber sein Her^ trieb ihn gewaltsam zu ihr hin. Vor der bestimmten Zeit war er mt Park an der verabredeten Stelle. Eine sonderbare, von graugelbem Lichte geheimnisvoll noch durchleuchtete Dämmerung lag über dem Garten, färbte die dunklen Laubwände mit einem kranken Schimmer und schien eine Stimme zu gewinnen in den kurzen, von Pausen unterbrochenem! Windstößen, die jedesmal eine Glutwelle wie aus feurigem Ofen mit sich brachte.
Mit hastigen, unruhigen Schritten ging Bassow vor der Steinbank an der finsteren Hecke auf u:ck> nieder, bis die Stimme erklang, auf die sein durstiges Ohr gewartet hatte.
„Da sind Sie ja, — das ist schön von Ihne::."
„Ich hatte versprochen, zu kommen, und ich pflege zu halten, was ich verspreche."


