Ausgabe 
26.1.1916
 
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Mittwoch, den 26. Januar

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Km toten Lee.

Roman von Robert Kohlrausch.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Siebentes Kapitel.

Mit einem Eifer, der zu groß war, um ganz gesund zu erscheinen, stürzte sich Bassow in die Arbeiten, die seine neue Stellung mit sich brachte. Die Freude darau aber wollte nicht kommen. Immer wieder gingen seine..Gedanken den­selben Weg, hinüber zu der Frau, die so nahe und so fern zugleich von ihm war. Sie hatte auf seinen Brief nicht ge­antwortet, aber sie war geblieben. Ihr zu begegnen, vermied er, nur zuweilen sah er sie von weitem. Seine Antritts­besuche auf den benachbarten Gütern schob er über Gebühr lange hinaus, um nicht auch Herrn von Breitenbach be­suchen zu müssen. Daß die Baronin diesen Mann liebte, daß hier die Erklärung für ihr sonderbares Verhallen lag, wurde ihm auch beim stets erneuten Grübeln über diesen Punkt nicht zweifelhaft. Und nur das bereitete ihm eine kleine Genug­tuung, daß ihre Liebe dort nicht erwidert wurde; denn sonst wäre Breitenbachs Verlobung so rasch nach ihres Mannes Tode, gerade in diesem Moment, nachdem sie frei geworden war, doch wohl unmöglich gewesen.

Es war vierzehn Tage nach Bassows endgültiger Uebcr- nahme von Garchim, als er sich an einem trüben, schwer­mütigen Nachmittage wieder einmal gewaltsam der ihn mar­ternden Gedankenflucht entzog und auf den Hof hinunter­ging, um die begonnenen ^rntearbeiten persönlich zu be­obachten. Als er aus dem Hause trat, sah er zu seiner Ueber- raschung eine Equipage von altmodischer Eleganz aus dem Hofe halten. In seine nach dem Park hinaus gelegenen immer war kein Näderton hinaufgedrungen. Der fremde utscher, der mit Hilse eines Stallknechts eben dabei war, die Pferde auszuspannen, antwortete auf die Frage nach dem Wagen, daß er Herrn von Breitenbach gehöre, und daß sein Herr in Begleitung seiner Braut gekommen sei, um der Frau Baronin Besuch zu machen. Der Name, den er hörte, verursachte neuen Schmerz in Bassows Brust, bis das Gefühl, daß die Baronin unter dieser Begegnung leiden Müsse, wie er selber litt, eine grausame Freude in ihm erzeugte.

Um seine Bewegung zu verbergen, wandte sich Bassow Mit verdoppeltem Eifer dem Arbeitstreiben auf dem Hofe zu, nahm Bericht entgegen und gab seine Befehle. Mitten darin sah er, wie die Blicke der Leute unaufmerksam wurden und sich alle nach einer Seite wandten. Ihnen mit den Augen folgend, bemerkte er, daß eine fremde und eigen­artige Frauengestalt von der Landstraße her auf den Hof getreten war. Sie trug eine schwarze, halb weltliche, halb geistliche Tracht, wie die Krankenpflegerinnen es tun, auch wenn sie keinem Orden angehören. Dock milderte hier keine

weiße Haube unter dem schwarzen Kopstuch den düsteren Eindruck des Ganzen. Gleich einer finsteren Erscheinung unter dem trüben Himmel kam die Frau mit schwerfälligen, zögernden Bewegungen daher. Nach einer kleinen Pause der Ueberlegung trat sie danil mit gleicher Unsicherheit auf euren Arbeiter zu, an den sie offenbar eine Frage richtete.

Bassow war an diesem Tage noch mehr als sonst für alles dankbar, was ihn von den eigenen, bohrenden Gedanken ablenkte, auch war in der Frauenerscheinung etwas Beson­deres, die Aufmerksamkeit Herausforderndes. Darum ging er selbst mit großen Schritten auf sie zu und fragte:Wen suchen Sie? Wünschen Sie jemanden hier W sprechen?'

Mit blassen Augen schaute sie aus ihrem breiten, flachen Gesicht mit unverhältnismäßig kleiner Nase ungewiß auf ihn, um nach einem Zaudern zu antworten: Ja, ich suchte wohl jemaiiden hier."'

Mich selbst vielleicht?" ^ r

Wieder eine Pause. Dann ein Schütteln des Kopses. Nein, keinen Herrn, eine Dame."

Und wie heißt diese Dame?"

Sie antwortete nicht, sondern tat eine neue Frage. Dies ist doch Schloß Garchim?"

Gewiß. Und ich bin der Besitzer von Garchim.'

Sie so wirklich? Aber ich möchte zu der Dame, zu der Frau Baronin von Bassow, deren Mann, deren Gemahl"

Ermordet wurde, wollen Sie sagen?"

Ja, das wollte ich sagen. Ich habe "davon gehört, weil überall davon gesprochen wurde. Zeitungen lese ich nicht; sie ziehen die Gedanken zu sehr ab von der Ewigkeit. Aber tveil ich ihn doch gekannt hab-e"

Sie haben ihn gekamrt?" Mit lebhafter lverdendem Interesse blickte Bassow auf die merkwürdige Fraueilgestalt. Ern mißtrauischer Blick ans den blassen Augen war die Ant- wort aus seine Frage. Sie trat, verlegen von einem Fuß auf den andern.Das wäre eigenUich wohl zu viel gesagt. Gesehen habe ich ihn und auch gesprochen ein- oder zweimal, aber nur flüchtig, nein, gekannt habe ich ihn eigentlich nicht."

Handelte sich's um eine Krankenpflege, daß er nnt Ihnen sprach. Sie sind doch wohl Pflegerin?"

Ja, das bin ich. Schwester Barbara ist mein Name, Barbara Zinsmeister. Hier ist meine Karte mit meiner Adresse, wenn der gnädige Herr mich einmal irötig haben sollten."

Er lächelte.Vorläufig kann ich keinen Gebrauch machen von Ihrem freundlichen Anerbieten. Ich bin gesund."

Man weiß nie, wann Gott eine Krankheit schickt. Hier, nein, das ist sie nicht, aber gleich werde ich die Karte haben."

Sie hatte angefangen, in einer schwarzledernen Hand­tasche zu suchen, die sie trug, und hatte dabei zunächst ein ausgerolltes, mit einem schwarzen Barrd umwundenes Schriftstück hervorgezogen. Dann kamen ein Nähzeug, ein in