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Selbes Papier gewickeltes Paket, ein Hausschlüssel und ein Strickzeug hervor. Ganz zuletzt fand sich auch ein kleines, abgegriffenes Täschchen für Visitenkarten, dem sie eine der Karten entnahm.
„So, da ist die Karte," sagte die Fremde, indem sie Bassow ihre Visitenkarte überreichte. „Wenn der gnädige Herr die Güte haben wollten, sie aufzubewahren. Meine Adresse in Berlin steht darauf. Von dort bekomme ich alle Briefe nachgeschickt, auch wenn ich unterwegs bin. Ich bin sehr viel unterwegs auf auswärtiger Pflege. Auch jetzt bin ich auf solch einer Fahrt, ich habe nur hier einen Zug überschlagen, weil ich doch einmal in der Nähe war. Das kostet ja nicht mehr, und ich wollte gern der Frau Baronin —"
Sie stockte wieder, als wenn sie fürchtete, zu viel gesagt zu haben. Bassow drängte sie auch nicht, ihre Rede zu Vollender,; ihn beschäftigten viel mehr die Worte über seinen Vetter, und er fragte: „Stammt Ihre Bekanntschaft mit den: verstorbenen Baron Bassow bereits aus früherer Zeit?"
„O nein, — das heißt, — nein, es muß ganz kurz vor seinem Tode gewesen sein, daß er bei mir war."
„Also er war bei Ihnen?"
Sie schüttelte unmutig den Kopf. „Ach, das ist doch einerlei. Um was es fick handelte, das war ja sowieso schon lange her. Und es wiro auch für. die Frau Baronin kaum ernen Wert haben, aber ich wollte es ihr doch bringen."
Ihre mystischen Worte bekamen eine Art von Erklärung durch die Papierrolle, die sie nicht gleich den übrigen Gegenständen wieder in ihre Tasche versenkt hatte, sondern unsicher in der Hand hin und her bewegte.
™ kW Rolle, die Sie der Frau Baronin geben
wollen r
„Ja, — es ist möglich."
„Wenn sich dies Papier in irgendeiner Weise auf den Tod des verstorbenen Barons bezieht —"
Weise" ne ™' k arnu f nicht! Nein, nein, darauf in keiner
„Oder wenn es Wichtigkeit für den gegenwärtigen Be- sitzer von Garchim hat, — ich bin jetzt hier Majoratsherr und IMße Bassow, wie mein verstorbener Vetter."
„Nein, NLin, für Sie — Herr Baron muß ich doch
Bedeutung " ^ ^ ^ €trn ^ aron hat es gewiß gar keine
~ Sie meinen, daß es fiir meines Vetters Witwe
Bedeutung hat?"
ks nicht, — vielleicht. Ich habe nur gemeint, weil doch der Herr Baron, - ich dachte, die Frau Baronin
mt r vielleicht das Geld geben, das der verstorbene Herr Baron mir dafür versprochen hatte."
^ein Geschäft wollen Sie machen?" Seine Blicke und sein Ton wurden ktihler.
e§ so nennen wollen, — jeden-
S mSä?" fe $apiere 9ern bec 5cau ® arontn
„Da Serben Sie warten müssen. Ein GutsnachSar ern Herr von Breitenback), ist bei ihr zu Besuch/- ^ '
„Brertenbach, — Herr von Breitenbach —
„Kennen Sie vielleicht auch den Herrn „Min nein, gewiß nicht. Zch habe ihn me gesehen j“ ® v^etteccÄ könnten der Herr Baron mir
^ißt?-"^ ® en ’ Don Breiienbach mit Vornamen Erich
. - ®. verstärktem Erstaunen blickte Bassow in
das ansdruckvlose, flache Gesicht. „Ich muß bedauern, kich bin erst sert kurzem hier und kenne den Herrn von Breitem buch selbst nur ganz flüchtig. Wenn Sie warten wollen
„Sehr gern gewiß. Ich habe eine ganze Menge Zeit - mein Zug geht erst am libend. Wenn der Herr B«on w,r nur vielleicht sagen wollten, wo ich warten darf
Die 'Jvw.TrJvn 4 ie in§ . ^Ä'ltbotenzimmer führen lassen. Icht^gelLi -.^bu Taste Kaffee -nacksen. ich werde
Sütia.™ ei " €n gehorsamsten Dank. Herw Baron sind zu
Dies)^bin«n kurzen Kopfnicken ivandte Bassolv sich ab ,e J e Schwester Barbara war iyin wenig angenehm Aber !w-r* tle Gedanken für einige Zeit von der Begegnung zwischen der Baronin und Breitenbach abgezogen ^mrd er war ch- dankbar dafür. Auch beschäftigte ihn die anst
Pflegerin ^Wie'warÄ Otters mit einer Kraulen-
-t* rü0 r - v kazu gekommen, was bedeutete des Papier m ihren Händen? Die Baronin konnte ihm Aus
kunft geben, sobald sie die geheimnisvolle Schrift gelesen hatte, zwischen ihm und ihr aber waren die Brücken abgebrochen Aufs neue legten sich ihm Schmerz und Mißbehagen beklemmend aus die Brust. Er gedachte der vielen einsamen Abendstunden, die er seit seinem Einzug in Gar- chlm m dem itillen, großen Schlosse verlebt hatte, der Augenblicke vor allem, wenn der Gesang einer Frauen- jtimme von wundersam zauberhaftem Reiz durch die nächtliche Stille zugleich mit sanften Düften der Sommernacht in sem Zimmer hineingedrungen war und ihn aufgescheucht hatte von seinen Büchern und Schriften.
Langsam, tief in Gedanken, ging er ins Schloß zurück un>? rn sein Arbeitszimmer. Doch trieb ihn innere Unruhe gleich wieder vom Schreibtisch empor und an das Fenster, wo der Blick nach dem andern Flügel und auf die Terrasse unten frei war. Die meisten der Glastüren zu den dort gelegenen Zimmern standen offen; in einem von ihnen, dem 6^oßen Empfangs- und Musiksalon, mußte sie gegenwärtig srwiy ^ a - nne Wirrer Braut gegenüber sitzen, den sie liebte! ^elch eine Stunde für sie! Welch' ein Gefühl aber auch für i ihn lelber, hier am Fenster stehen zu müssen mit solchen Ge- oanken. Ein wilder Haß loderte flammend, verzehrend in ftinem Herzen auf, — aber seltsamerweise nicht gegen die Frau, sondern gegen den Mann. Für den Augenblick wurden Mißtrauen und Verdacht gegen die Baronin erstickt von nnem stärkeren Gefühl, vom Haß gegen diesen Herrn von Breitenvach, der ihm den Weg zu ihrer Seele versperrte.
einem Gefühl, das'ihn kalt überrieselte, trat Bassow rasch einen Schritt in das Zimmer zuriük und ließ den Vorhang zufallen, den er vqm Fenster fortgeschoben hatte. Als wenn seine Gedanken den Mann herbeigezaubert hätten, kp gewesen war, sah er ihn plötztich aus der Tür
•t; auf die Terrasse hinaustreten. Und nur
ihn allem. Von den beiden Damen war keine in seiner Begleitung. Scheinbar, um ein wenig Luft zu schöpfen, ging er mit langsamen Schritten auf der Terrasse entlang, wäh- rend seine Blicke an den Türen und Fenstern des Erdgeschosses umhertasteten. An einer der offenen Glastüren blieb er^ stehen, zauderte einen Augenblick, schaute nach beiden zetten und trat hinein. Es war das Zftnmer, in dem die Leiche des Ermordeten gefunden worden war.
Bassow sagte sich, daß es eine ungeheuer natürliche Sache sm, wenn der Freund des Toten sich das Zimmer betrachtete das er sicher oft genug in Begleitung des Lebenden betreten hatte, daß er den Ort aufsuchte, wo dann unerwartet Schreckliches geschehen war. Mer trotzdem er- > s^^^^lick ihn auf merkwürdige, ihm selbst unerklär- liche Weise. Und auf einmal packte ihn ein unwiderstehlicher I ß u was Breitenbach in jenem Zimnier tat.
t.r überlegte nicht, er ging zur Tür und öffnete sie. Aber ganz leise, ganz vorsichtig, obwohl ein Ton von hier unmöglich in das Erdgeschoß hinunterdringen konnte.
rc nicht in den Sinn; er hatte das
Empfinden des Jagers, der ein Wild beschleichen will und jeden verräterischen Laut, selbst einen vernehmbaren Atemzug, veuneiden muß. In' dieser Stimmung schlich er die hinunter Mid ging auf den Zehenspitzen den Kor- rrdor rm Erdgeschoß entlang, ohne auch nur eineii schwachen Wioerhall zu wecken. Vor der Tür, die er suchte, hielt er emen Augenblick still; er wußte, sie lourde nicht mehr verschlossen gehalten, seit das Gericht seine Untersuchung beendet hatte. Die Papiere, die auf'dem Schreibtisch des Toten gelegen hatten, befaßen sich in Bassows eigener ^Wahrung. Er brauchte nur einzutreten, aber sein^Herz klopfte so laut, als wenn er aus dem Wege zu einem Verbrechen wäre. Dann griff er entschlossen, doch mit immer gleicher, leiser Vorsicht nach dem Drücker der Tür und öffnete sw ganz rasch. * ul UUL
, Jr* H ttc i ? seiner aufgeregten Phantasie allerlei durch^inandergleitende Bilder gemacht, wie er den Eindrina- lmg hier finden würde. Was er aber nun sah, überraschte ihn trotzdem, ^zhm den Rücken zuwendend, kniete Breiten- baa) nahe dem Lchreibtisch auf dem Boden, während er mit seinen Händen au, dem Teppich umherzutasten schien. s non Breitenbach!" Laut, beinabe
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(Fortsetzung folgt.)


