Ausgabe 
24.1.1916
 
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Noch war er nicht weit gegangen, da sah er weit vor stch leine geduckte Gestalt über den Weg huschen.

Verdammt," seufzte Mertens, riß Mund und Nase auf und bekreuzigte sich. Ob er nun mit Gottes oder mit Teufels Hilfe den Spuk gebannt hatte, genug, er war weg, spurlos verschwunden.

Nach minutenlangem Zögern traute sich der Mertens endlich weiter. Und als er an die Stelle kam, wo die Gestalt über den! Weg gehuscht, da war weit und breit nur der Angstschlag seines! Herzens zu hören. Zu sehen war nichts mehr.

Tief atmete Mertens auf. Das hatte noch mal gut gegangen. Wso weiter. Weiter ging er aber doch nicht, ohne zur Vorsicht für alle Fälle sein großes Laschenmesser aufzuklappen und alle drei Schritte sich plötzlich umzudrehen, um jeder Ueberraschung Vor­beugen zu können.

So kam er bis zu einem Erlengebüsch, das an und für sich schon bedrohlich -aussah und als er ganz nahe dabei war, raschelte es darin und ein schwerer Körper siel zur Erde.

Gleichzeitig fiel Mertens Herz in den linken Stiefel und sein Besitzer, der damit sein Gleichgewicht verloren, hielt sich mühsam schioankend aufrecht. Seine langen Beine wurden in den Knie­kehlen so schwach, daß das ganze dürre Knochengestell durchein­ander schlotterte und von einem leisen Angstschweiß überrieselt wutde.

Es half kein Fluch und half kein Gebet, das Rascheln blieb. Diesmal war Mertens kein Opfer eingebildeten Spukes. Diesmal war es wirklicher Spuk. Da sich aber dieser wirkliche Spuk weder durch Fluch, noch Gebet bannen ließ, so mußte er wohl! menschlicher Natur sein, und da Mertens nicht immerfort auf der Landstraße stehen bleiben konnte, so zog er sein Herz an dem Zwirnsfaden, woran es hing, wieder an den richtigen Fleck zurück und tat einen beherzten Schritt vorwärts.

Damit schimmerte vor ihm im Mondlicht ein breiter roter Stteisen ans lehmfarbenem Untergründe auf.

Und nun hatte Mertens eine Erkenntnis und diese Erkenntnis briillte er in seiner Ueberraschung wie einen Angstschrei in die Gegend hinein:

Ruß!"

Als sei dies ein Kommando gewesen, sprangen ein zwei drei Russen auf und standen stramm. In ihren Gesichtern spie­gelte sich nicht weniger Angst und Ueberraschung, als in dem Mer­tens. Tenn mit den Geistern, die er da beschworen, wußte er erst recht nichts anzufangcn.

Drei entsprungene Russen. Und Mertens hatte nur sein Messer und leinen Henkelmann.

Da konnten nur Geistesgegenwart imd Entschlossenheit helfen. Laufen lassen konnte er sie nicht. Er mußte sie bis zum nächsten Dorfe bringen Das war aber ein gefährliches Stück ^Arbeit, denn die pveie konnten den einzelnen, nur mit einem Messer Be­waffneten leicht um die Ecke bringen und Reißaus nehmen.

Das alles sagte sich Mertens in einem verzweifelten Augenblick, daun ließ er sein Messer im Mondlicht blitzen und zeigte gebieterisch nach der Mitte der Straße. Woher ihm dieser Mut kam, wußte er nicht, da er doch selbst am liebsten Reißcurs genommen hätte.

Sie kamen aber schön hervorgekrochen, die drei Russen und stellten sich dahin, wo Mertens wollte. Ihre dicken Mantelsäcke schleppten sie mit sich.

Los" kommandierte Mertens, und da sie ihn nicht verstanden, gab er dem einen einen gelinden. Tritt in eine nicht näher zu! bezeichnende Körpergegend und dem zloeiten einen Stoß mit dem Henkelmanne. Das verstanden sie und setzten sich mit kläglich hangenden Köpfen in Marsch.

Mertens wollte schon einen stillen Triumph feiern, der ihn an: Stammtisch auf etwa die gleiche Stufe mit dein großen Rnssen- sänger Hindenburg stellen mußte, aber so leicht wurde ihm der Triumph denn doch nicht gemacht.

Es ging auf ein Wäldchen zu und der eine Russe, der sich immer schon etwas seitab drückte, begann ans seine Schicksals­genossen lebhaft 'einzureden.

Mertens wußte, was dos zu bedeuten hatte. Sic wollten ihn Überfallen und unschädlich machen. Eine Heidenangst stieg in ihm auf, aber diese Heidenangst lieh ihm zum zweiten Male Witz und Geschicklichkeit.

Halt," rief er.

Tie Rassen blieben stehen, um zu wissen, was er wolle. Auf den breiten stupsnüsigen Gesichtern lag das Mondlicht und ließ die brutale Rohheit der Züge schreckerregend hervortreten.

Mertens wußte, daß es um sein Leben ging und ob die Angst selbst schmerzhaft durch seine Gedärme runrorte, so bezwang er sich doch »oenigstens äußerlich. Ja nichts anmerken lassen. Darauf jam es letzt an.

Wieder hob 'er sein Messer und sagte:

Nix paverjepap."

Dabei schlug er sich zur Erläuterung seines Befehles auf den Mund. Sie hatten verstanden, die Russen, denn sie begannen zu brummen, zumal der eine, der ihm besonders verdächtig vorkam.

Wollt ihr wohl still sein?" rief Mertens und schwang be­drohlich den Henkel mann über ihren Köpfen. Sie schioiegen, bis wus den einen.

Wart Freundchen," dachte Mertens, nahm den beiden Russen Mantelsäcke, Mäntel, alles, was sie bei sich hatten, ab und belud

den dritten damit, daß er die Arme nicht mehr frei bewegen konnte.

So, und nun gehst du schön in der Mitte, damü du nicht ausrückst."

Widerwillig ließ sich der Russe an die ihm bestimmte Stelle schieben.Marsch!"

Abermals setzte der Zug sich in Bewegung ans das Wäldchen zU. Nicht ganz hundert Meter lang führte der Weg hindurch und jen­seits lag Mertens Haus, aber die hundert Meter waren das gefähr­lichste Stück Weges.

Mertens war bald am Ende seiner seelischen Kraft. Noch einmal rettete ihn ein glücklicher Einfall. Wie andere Angsthasen im Walde zu singen anheben, so Hub er an zu fluchen, daß sich die Aeste bogen. Fluchte und drohte, daß die Russen ganz Kusch wurden und sittsain ihres Weges zogen, denn jedes Zögern, jeder Laut slawischer Zunge zog einen Rippenstoß des Henkelmannes nach sich. Am meisten aber wirkte sein Fluchen, denn damit bewies er ihnen gegenüber am ohrenfälligsten seine Autorität.

Wie eine Erlösung aus tieffter Hölle war es Mertens, als er mit seinen drei Gefangenen in seinem Hofraume angelangt war. Ihm war eingefallen, daß er eine alte Vogels che ibenbnchs e zu Hause hatte, vom Großvater ererbt. Das Tang war nicht mehr zu brauchen, denn der Hahn war mit der Pulverpfanne zusammen­gerostet. Er sagte sich aber sehr richttg, daß es nur auf den Schein ankomme.

Mertens stellte seine Russen mit dem Gesicht der Hauswand zugekehrt nebeneinander auf, zückte das Messer hinter ihrem Rücken U7ti) böllerte mit dem Henkelmanne so lange gegen die Türe, bis seine Frau oben im Fenster erschien.

Einen Jauchzer hätte er ansstoßen mögen. Nun war er halb gerettet aus Russennot und -Gefahr. Aber nichts anmerken lassen, wenn die Tat nicht an Wert verlieren sollte.

Hallo, Frau, Mfgemacht, schnell, schnell, aufgemacht. Die Büchse her, schnell, schnell, die Donnerbüchse!"

Waaaaaas?"

Tie Büchse, ei verflucht noch mal, die Donnerbüchse solllst du mir geben. Ich Hab doch drei Russen gefangen."

Ach, du lieb Herrgottche."

Zum Donnerwetter, gib doch die Büchse her. Drei Russen ge­fangen, ja. Kannst stolz sein ans deinen Mann. Wollt ihr wohl still sein, ihr verfluchten Kerle? Frau, kommst du denn noch nicht bald? Das ist denn doch . . ."

Endlich ging die Türe auf und Mertens Frau erschien mit der Büchse und einer brennenden Kerze, die sie aber beim Anblick der drei Gestalten zitternd zu Boden fallen ließ.

Ach du lieb Herrgottche, die hast du gefangen?"

Ja, ich ganz allein," sagte Mertens und loarf sich in die Brust.Jetzt«chft aber keine Zeit. Nachher erzähl ich dir. Ich muß zum "Gemeindevorsteher."

Ach, du lieb Herrgottche, nochmal fort mit den Hallunken?"

/Jetzt, wo'ich die Büchse Hab, hats keine Bange mehr. Heh, Ruß, kennt ihr das?" damit hielt er den Lauf auf. sie gerichtet.

Ta hoben die drei beschwörend die Häirde und flehten:

Nix kaputt. Nix kaputt."

Mertens nickte befriedigt. Nun war er seiner Ueberlegenheit enblid) versichert, wenn das Ding auch nicht geladen war.

Marsch," kommandierte er,bis gleich, Fram"

Wiederum zog er weiter und seine Frau jammerte nur ein übers andere Mal hinter ihm her: i

Ach, du lieb Herrgottche. Ach, du lieb Herrgottche."

Mertens brachte seine Gefangenen diesmal richtig zum Ge­meindehause, wo er viel Ueberraschung und Verwirrung anrichtete, bis die Russen eublid> im Spritzenhäuschen unter Obhut des Nacht­wächters, der seinerseits auch die alte Donnerbüchse übernahm, untergebracht waren.

Mertens,, darauf müssen wir anstoßen," sagte der Gemeinde­vorsteher,ich hol eine, gute Flasche aus dem Keller."

Und als sie dann saßen, meinete er:

Nun mal erzählt, mein Lieber, wie denn, wo denn, loerden wohl froh gewesen sein, die armen Deubels, daß sie im wildfremden Lande jemand fanden, der sich ihrer annahm?"

Dal wurde aber der Mertens wild, ails man ihm so seine Helden­tat verkleinern wollte. Mit der Faust schlug er, allen Respekt vor denn Gemeindeoberhaupte außer acht lassend, ans den Tisch:

^,Ohv, Herr Gemeindevorsteher. Wenns nicht ein beherzter Kerl wie ich, war, dem der leibhaftige Satan nicht bange machen kann, dann hält' ers nicht geschafft. Und das sag ich trotz allein Stolz, wo ich jetzt Hab, wenn ich wüßt, daß mir morgen noch mal drei übern Weg liefen, dann tat ich lieber scckis Stunden Umwog wachem."

Mit diesem Ausspruche war aber Merten- Ehrlichkeit erschöpft, von nun ab »oar er-, so oft er seinen Ricssenfang erzählte und er erzählte ihn oft genug von nun an mar er nur der unerschrockene Hell», der sich vorm leibhaftigen Satan nicht fürchtet.