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bevor eins von ihnen wieder zu sprechen begann, wurden sie gestört. Aus dem Laubgang hervor tönten Schritte, und gleich erschien auch der Diener, der zwei Briese von großen: Format in der Hand hielt.
,,Was bringen Sie?" fragte die Baronin ein wenig ungeduldig. „;;yeiU ist doch nicht Postzeit.".
„Nein, Frau Baronin^ entschuldigen, die beiden Briefe sind soeben von dem Lnnzlner Diener persönlich abgegeben worden."
„Vom Diener des Herrn von Breitenbach?" ^
„Jawohl. Der eine ist für die Frau Baronin, der
andere für den .Herrn Barm:."
„Für mich?"
„Ja. Ich war auf'dem Zimmer vom Herr:: Baron, aber weil der Herr Baron —"
„Es ist gut. Geben Sie nur her."
Der Diener gab jedem einen der ganz gleich gestalteten Briese und ging. Mit einem halblauten „Gnädigste Baronin gestatten" erbrach Bassow den seinen. Was er in Händen hielt, war eine Verlobnngsanzeige. Rittergutsbesitzer Erich von Breitenbach gab sich die Ehre, seine Verlobung mit Miß Edith Lowfeller aus Philadelphia mit- zuteiten.
Gleichzeitig faltete Bassow das Papier wieder zu- sam:nen, um dann in äußerstem Erstaunen auf die Baronin zu blicken. Was ihn völlig kalt gelassen hatte, schien diese Frau in tiefster Seele zu bewegen. Ihre Augen glühten, ihr Atem ging rasch, ihre Hände bebten. Sie starrte nieder auf die entfaltete Anzeige, weit länger, als es nötig war, un: sie zu lesen. Und auch nachdem ihre Hände mit dem Papier langsam herabgesunken waren, behielten ihre schräg zu Boden gerichteten Blicke immer noch den Ausdruck eines leidenschaftlich gespannten Süchens uno Fragens.
Bassow trat einer: Schritt auf sie zu. „Baronin —"
Sie aber hob die Hand, sich gegen die Störung ihrer Gedanken wehrend. Ihre Lippen bewegten sich, doch vernahm er zunächst keine Worte. Plötzlich aber warf sie den Kopf zurück und sagte laut: „Ich habe meine Absicht geändert; ich mache von meinem Rechte Gebrauch und bleibe hier." Dann ging sie mit einem kurzen Abschiedswinken rasch an ihm vorüber und fort.
Bassow blieb allein und schaute mit einem-der Bestürzung nahen Erstaunen umher, als wenn das alles ein Traum gewesen wäre. Sein Blick fiel ai:f die Statue der Diana, die höhnisch herabzulächeln schien. Dann ging er langsam den Weg, den die Baronin so eilig vorangeschr:tten svar. Er mußte seine Gedanken erst ordnen, bevor er anfangen konnte, nach einer Begründung für ihr seltsames Betragen zu suchen. Welche Bedeutung hatte diese Verlobungsanzeige für sie, wie konnte des Papiers Inhalt sie so ganz ergreifen und beherrschen? Bassow wußte nichts von dem Herrn von Breitenbach, als daß er der nächste Gutsnachbar von Garchim war und ein Freund seines verstorbenen Vetters. Darin lag doch kein Grund für der Baronin fassungsloses Betragen, — denn so war es zu nennen. Und wenn, — plötzl:ch blieb Bassow stehen, wie sestgehalten durch einen unsichtbaren Arm. Er atmete tief und schnell, seine Auge:: starrten auf den Boden, wie die der Baronrn es vorher getan hatten. Dann begann er zu lache::, em heiseres, häßliches Lachen, und schlug sich mit der Hand auf die Stirn. Wie war er blind, wie war er dumm gewesen, das nicht gleich zu sehen! Sie liebte diesen Mann, diesen Herrn von Breitenbach? Damit war alles erklärt. Nur d:e Berlobungsanzeige eines Menschen, den man liebt, kann solche Wirkung üben. Dann aber war drese Liebe auch schon in ihr gewesen, als ihr Mann noch lebte und wenn das der Fall war — zuerst erschrak Bassow vor dem Gedanken, um sich nach und nach mit einer schmerzhaften Wollust in ihn zu vertiefen — dann war hier das eigentliche, verborgene Motiv eines Verbrechens. Hier fand er den geheimen Grund für die Möglichkeit ihres Verlangens, von den Ehefesseln frei zu fern, vor allem aber, ern abgeandertes Testament ihres Gatten zu verhindern Daß Brerteiw ach sie trotzdem verschmähte und eine andere vorzog, war ke:n Grund, um die Liebe der Baronin zu ihm unmöglich oder auch nur unwahrscheinlich zu machen, wohl aber gab diese Liebe die Erklärung für ihr fetziges Verl-alten. S:e blieb in Garchim, weil sie nahe bei Lünzin ble:ben wollte, weil sie hoffte, Breitenbachs Ehe mit einer anderen doch vielleicht noch zu verhindern.
Je mehr er darüber nachdachte, üm so mehr wurde für ihn diese Möglichkeit zur Gewißbeit. All das langsam hin geschw undene Mißtrauen stand mit einem Male wieder vor ihm gleich einem drohenden Gespenst. Er hatte ge- zweifelt, er batte vertraut, und er zweifelte nun mehr denn je zuvor. Aoer warum tat ihm das Herz bei dem Zweifel so weh? Was ging es ihn an, ob die Frau, die plötzlich wieder so tief gesunken war in seinen Augen, diesen Breitenbach liebte oder nicht? Er fragte sich-'s, er versuchte wieder zu lachen, aber zugleich schrie etwas in ihn: laut auf. Ja, es ging ihn an, es empörte ihn, es zerriß ihm das Herz! Nicht ihre Schuld mehr, ihre Liebe war es, was ihm so wehe tat. Mit einem tiefen Grausen vor sich selbst empfand er es zum ersten Male klar in diesem Augenblick: er selbst liebte diese Frau. Was er sorgsam im Dunkel gelassen hatte, woran er vorsichtig vorbeigeschlichen war, das richtete sich, von der aufzuckenden .Eifersucht plötzlich grell beleuchtet, vor ihm auf in kalter Deutlichkeit: er liebte sie, deren Schuld ihm niemals wahrscheinlicher gewesen war als eben jetzt.
Taumelnd, mit unsicheren Schritten wie ein Kranker oder Trunkener ging er zurück ins Schloß. Er versperrte hinter sich die Tür seines Zimmers, schlug die Läden vor dem Fenster zu, das nach dem anderen Flügel hiuübersah, und lief stöhnend auf und nieder in dem Raume wie ein gefangenes Tier. So trieb er es, er wußte selbst nicht wie lange. Ein paarmal setzte er sich an den Schreibtisch, nahm Papier her und warf einige Zeilen darauf, um es immer gleich wieder in kleine Fetzen zu zerreißen. Endlich, als die Sonne schon zu sinken ansing, war er mit sich ins Reine gekommen, was er schreiben wollte. Nun war ein Brief in wenigen Augenblicken vollerchet, und er las die festen, energischen Zeilen mit gedämpfter Stimme sich selber vor: „Gnädigste Baronin! Unsere heutige Unterredung ist gestört worden, bevor sie eigentlich zu Ende war. Sie hatten allerdings die Gnade, mir mitzuteilen, daß Sie Ihre Absicht geändert hätten und in Garchim bleiben würden. Hinsichtlich der Gründe für diesen plötzlichen Willenswechsel überließen Sie mich aber meinen Vermutungen. Jedenfalls rechne ich mit der Tatsache. Unser Zusammen- oder vielmehr Nebeneinanderleben hixr im Schlosse dürfte sich meiner Ansicht nach am besten gestalten, wenn jeder tunlichst ein Leben für sich führt. Mit vorzüglicher Hochachtung" — Bassow lachte laut auf, als er diese Worte las — „Euer Hochwohlgeborcn ergebenster Kurt Freiherr v. Bassow."
Nachdem der Brief gesiegelt war, klingelte Bassow dem Diener und übergab ihm das Schreiben, um es der Baronin hinüberzutragen. Als er wieder allein war, begann er sein unruhiges Umherwandern und Jnsichhineingrübeln aufs neue. Plötzlich blieb er stehen, die Arme sanken ihm schlaff am Leibe herab, seine Lippen zuckten in herber Bitterkeit, und er murmelte vor sich hin: „Für andere Menschen bedeutet die Liebe das Glück, auf meinem Leben liegt sie als Fluch!" Und als wenn er sich seiner Weichheit schämte, hob er sich gleich darauf stolz empor, schlug mit der Hand in die Luft und sagte: „Ach was, auch damit muß ein Mann fertig werden." Und er flüchtete sich an seinen Schreibtisch in die Arbeit.
(Fortsetzung folgt.)
Lin Held wider willen.
Von Franz Neinhold Zen z.
< em lang aufgeschossen er Hüne imrner ein Heldenherz in
der Unken Brustseite schlagen haben? Nein. Die lange:: Nippen tuns allerne nicht, sonst wäre der Mertens wohl der herzhafteste Kinl :n der ganzen Umgebung gewesen, statt der verzagteste Hasenfuß zu fern. Anmerken ließ er sich das zwar nicht, denn es wäre fhm doppelt schmachvoll gewesen, bei seiner Länge, aber es graulte :hn des Nachts vor mutmaßlichen Gespenstern, und so fluchte er Mut an, wenn er nach einer Nachtschicht die zwanzig Mmuten Weg durch Hecke und Gebüsch nach seiner Wohnnüg machen mußte.
So auch heute, da obendrein Vollmond am Himmel stand und Busch und Strauch beängstigende Formen annahmcn. Was half es, er mußte doch nach Hause. Eine Ausrede, niM,zu gehen, fand er nicht, und de: ferner Frau hätte er seine ganze Autorität ver- lomi, wenn er seine Hasenfüßigkeit eingestanden.
, Also faßte er den „Henkelmann" fester, jenes Dopfgestell, m dam chm fern Essen zur Fabrik gebracht wurde u:ü> schritt langsam in die Mondnacht hinaus, »rwbei er de:: täglich von ihm begangenen Weg so vorsichtig abtastete, als sei es ein schwenkender Psao durch unbekanntes Sumpf gelgnde.


