Ausgabe 
24.1.1916
 
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Um toten See-

Roman von RobertKohlrausch,

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Hefter dem Park lag die große, sonnige Stille des heißen Tages. Die Schwalben allein, die pfeifend hin uub weder schossen, brachten leise, Helle Töne in das tiefe Schweigen. Aber nnn Bassow hatte wohl eine halbe Stunde nur Fenster dort gestanden erweichte plötzlich ein anderer Klang. Musik! Die Akkorde eines von unsichtbaren Händen gespielten Flügels kamen durch den Sonüenglanz daher, "chu eine Stimme gesellte sich zu diesen Tönen, tveich, mild und inächtig zugleich, wie sie Bassow kaum jemals gehört hatte. Zuerst war es nur eine atemberaubende Ueber- raschnng, die er fühlte, dann runzelte sich seine Stirn. Es komrte niemand anders als die Baronin sein, die da sang. Hier in dem Trauerhause, in dem vor so kurzer Zeit ihres ermordeten Gatten Leiche gelegen hatte, konnte sie singen! War das nicht ein Beweis für ihres Herzens Kälte?

Bassow versuchte, sich den her an dräng enden Tönen zu entziehen, wandte sich ab und ging weit ins Zimmer zurück. Aber es war wie ein Zauber, der ihn faßte, der Gesang! verfolgte ihn auch dort und zog ihn aufs neue ans Fenster. Sein Ohr hatte jetzt erkannt, was die Frau dort sang. Isoldens Liebestod war es, und er wußte nun: ja, das! durfte sie singen, auch im Trauerhause! Das war eine Klage, so gewaltig, nne das Mensch emrort allein sie niemals auszudrücken vermochte. Besiegt, versöhnt, hingerissen stand Bassow regungslos auf seinem Lauscherposten: mit Wonne trank er die Wundertöne dieser Stimme. Was ihm erst Frevel geschienen hatte, war ihm jetzt Offenbarung einer tief empfindenden, reinen Seele. Eine Frau, die so singen konnte, war keine Berbrecherin.

Erschüttert vom jähen Wechsel und Widerstreit seines Gefühls, blieb er noch eine Weile stehen, auch als der Gesang schon verklungen war. After dann zog es ihn hinab in ften Park. Es war ihm eng und sehnsuchtsvoll urns Herz; es trieb ihn in die Freiheit, in Grün und Sonne. Und viel­leicht, aber das gestand er sich nicht ein, was hinter dieser Sehnsucht schlummerte.

So ging er hinunter und aus der Terrasse entlang. Kein menschliches Wesen war im Park zu erblicken. Dre Sorme glänzte, brütete, reifte die Geschenke des gütigen Sommers. Aus dem Lichte trat Bassow hinein in die schat­tigen Gänge des Parkes. Dort war die Marmorftank, auf der er die Baronirr am Tage der Beifetzuug belarrscht hatte. Jetzt war die Stelle leer; rrur die Status der Diana daneben lächelte ihn an mit ihrem versteinerten Lächeln. Er setzte sich auf die Bank urrd sann vor sich hin Es war ihm wohl und weh zugleich. Plötzlich aber klopfte sein Herz nrit ver­doppelten Schlägen. Der leise Ton eines Fußes auf denr Kies war zu ihm gedrungen. Und nun kanr eine schwarze Gestalt

aus der grünen Wölbung des Laübganges hervor, ganz langsam, tief in Gedanken, den Kopf zur Erde geneigt Im sicheren Gefühl, allem und unbeobachtet zu sein, näherte die Frau sich mit instinktiver Kenntnis des vertrauten Weges dem Platze, wo Bassow saß, und blickte rnm erst auf, unmittelbar vor ihm.

Er sah, wie heißes Rot ihr ins Gesicht stieg, ohne Frage das Rot des Zornes. Sein Klang war auch in ihrer Stimme, als sie nach einer kleinen Pause der Ueberraschung die Sprache fand.Das ist wider die Abrede!"

Er war aufgesprungen.Ja, ich weiß es. Aber ich bin früher zurückgekommen, um Sie noch einmal zu sprechen, und ich wußte, Sie würden meine Rückkehr nicht erwarten, wenn ich Nachricht gab. Ich möchte Sie um etwas bitten^

lim was?"

Bleiben Sie noch hier! Es ist Ihr gutes Recht, und mir ist es ein furchtbar peinliches Gefühl, Sie aus Ihrem Besitz zu verdrängen. Wir werden uns einrichten, ich werde Ihnen aus dem Wege gehen und Sie in keiner Wmse durch meinen Anblick belästigen. Das Schloß ist groß genug."

Sie schüttelte langsam den Kopf.Nein, ment Ent­schluß ist gefaßt. Ich verlasse Garchim. Wahrscheinlich kehre ich zur Bühne zurück."

Zmn Theater?"

Ja. Meine Natur taugt nicht für ent stilles, untätiges Privatleben. Hier hat mir die Verwaltung eines großer: Hausstandes Ablenkung in genügendem Matze geboten. Das ist um: vorbei."

Also darum haben Sie gesungen?" sagte er langsam.

Haften Sie mich gehört?"

Ja, vorhin."

Und Sie haben sich darüber gewmrdert. Sie haben gedacht: in eurem Trauerhaufe soll man nicht singen."

Er war betroffen, wie richtig sie sein Gefüftl und seine Gedanken erkannte. Doch hob er den Kopf nna sagte, ihr in die Anger: blickend:Ja, znerst habe ich das gedacht. Aber mein Urteil hat sich gänzlich geärrdert, als ich hörte, was und tvie Sie gesungen haben."

Ein tveicherer Ausdruck verklärte ihr Gesicht.Das ist ein gutes Wort," sagte sie nrit freundlich verwandeltem Ton.Ich danke Ihnen dafür. Und Sie müssen ja auch bedenken, daß die Musik mein Beruf gewesen ist urrd in Zukunft meine einzige Liebe sein wird."

Könnte sie das nicht sein, auch wenn Sie der Bühne fernblieften ?"

Hassen Sie das Theater?"

Nein. Ich habe es einmal sogar sehr geliebt. Aber ich habe dann ertcrmrt, daß dort die Lüge zu Hause ist."

Man kcurn auch beim Theater der Wahrheit treu bleiben. Wenn Sie mich besser kennten, tnnrden Sie den Beweis dafür in meinem Leben finden."

Er suchte nach einer Antwort, er hätte sie gern über­redet. Im Suchen aber blieft er eine Sekunde lang stumm. Stolz erwiderte sie feinen auf sie gerichteten Blick. Urrd