Ausgabe 
20.1.1916
 
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mir wird, aus meiner Men und einfachen Existenz Hera liS mich in verworrene, zweifelhafte Verhältnisse hineinzlufin- den. Und wenn ich unhöflich gewesen sein sollte dann ver­leihen Sie mir, bitte, auch das. Ich bin eine'lebhafte Natur, mag ich nach außen hin auch still und ruhig er chernen. Und ich danke Ihnen trotz allein sehr für dre Aufklärung, M* Sie mir gegeben haben. Leben Sie wohl."

Leben Sie wohl, mein lieber Baron. Und vergessen Sie nicht: ein Staatsanwalt ist nicht immer nur Ankläger; in erster Linie ist er Wahrheitssucher." , .....

Noch eine Verbeugung, em herzliches Händeschütteln, dann war Bassow allein. Und jetzt begann er em Hin- und Herwandern, das lange Zeit dauerte, und wobei er nckt- unter die Lioven bewegte, als wenn er mit remandem spräche. Zuletzt aber blieb er stehen, warf den Kopf ungeduldig m den Nacken und sagte laut:Ach was, wer wird sich vor einem Weibe fürchten!" Er wechselte nun rasch den Anzug, läutete dem Diener und ließ sich der Baronin melden.

Dann schritt er, als der Diener mit ferner Antwort! zurückaekommen war, durch den langen Korridor des ersten Stockwerks vom eitlen Flügel des Schlosses zum andern hrn- über, wo die Baronin wohnte. Als er eintvat, hatte sie am Fenster gestanden, doch wandte sie sich rasch nach> ihm um und kam ihm entgegen. Seine kühle, steife Verbeugung schien sie kaum zu bemerken, sondern sie begann gleich zu sprechen, ein wenig hastig und aufgeregt.

Ich danke Ihnen, daß Sie zu rnir kommen. Setzen Sie sich. Wir werden manches miteinander zu bereden

folgte der Aufforderung, und sie setzte sich ihm schräg gegenüber auf ein Sosa von Heller Erdbeerfarbe, von dessen lichtem Grunde sich ihre schwarze Trauerkleidung finster abhob. Eineti Augenblick sah! er ihr schweigend ins Gesicht; alles, was der Staatsanwalt über diese Frau gesagt hotte, ging int Fluge wieder durch seine Seele. Sein Aus­druck wurde noch kälter bei solchen Gedanken.Ja, Ba- rvnin," gab er darin zurück,wir haben wohl allerlei ge­schäftliche Dinge zu besprechen."

Sie machte eine ablehnende Bewegung.Ach, das Ge- schästlick)e lassen wir lieber für ein andermal. Ich bin heute sehr zerstreut. All der Schrecken und cckl die Unruhe der vorigen Tage^ und dann vor einer Stunde war der Staatsanwalt bei mir. Dieser Herr von Sieglitz!"

Er hat es mir erzählt."

Hat er Ihnen auch gesagt, was er mit mir gesprochen hat?"

Nein, das nicht."

Me rücksichtsvoll! Ueberraschend rücksichtsvoll in der Lat!" ©ie sprach mit schneidender Bitterkeit. Ihre Augen blitzten, und Bassow fühlte anfs neue, wie schön diese Frau war, trotz mancher Unregelmäßigkeit in ihren Zügen. Das goldige Haar, die feine, weiße Haut und die dunkel schim­mernden, manchrnäl schwarz leuchtenden Augen bildeten einen wundervollen Farben ge gensatz.

Plötzlich machte sie eine leichte Bewegung, als wenn sie etwas von sich abschüttelte, urtb fand mit überraschender Leichtigkeit nun den unversönlichen Ton der Dame von Welr.Wir werden jetzt eine Zeitlang Hausgenossen sein, Baron. Das Testament meines verstorbenen Mannes be­stimmt, wie Sie vielleicht wissen, daß ich noch für ein halbes Jahr nach seinem Tode bei# Recht habe, hier im Schlosse zu wohnen."

Ja, sein Testament." Es war ihm zuwider, von dem Testament sprechen zu hören, das diese Frau zu dem ge- rnutmaßten Verbrechen getrieben haben sollte, und seine Antwort klang rauh. Sie aber fuht säst ohne Unterbrechung! fort:

Ob ich die ganze Zeit hier bleibe, kann ich freilich! noch nicht sagen. Sie werden es verstehen, datz es nckr bisher nicht möglich war, einen festen Entschluß über mein Lukünftiges Leben fassen. Die schreckliche Katastrophe ist so jäh hereingebrochen"

Sie schwieg einen Augenblick, aber Bassow fattbi keine Antwort. So wechselte sie abermals den ernster gewordenen Ton und fragte:Haben Sie schon über Ihr Hierblciben entschieden, Baron'? Müssen Sie noch einmal nach Schlesien zurück, oder"

Ich muß nach einmal zurück. Schon morgen mutz ich fort. Ich bin so Hals über Kvps ab gereist, daß ick) vieles zu ordnen habe, bis ich hierher übersiedeln kann."

Das läßt sich begreifen. Werden Sie lange fort­bleiben?"

Ich rechne auf zehn Tage ungefähr."

Nun, hier läuft die Maschine wohl auch ohne Herrn ihren gewohnten Gang. Das Personal ist gut, and wenn Sie es wünschen, sehe ich auch noch ein wenig .nach' dem

Rechten."

, <Zch werde Ihnen sehr dankbar dafür fern, Baronm. Sein kühler Ton schien sie zum ersten Male zu Pieren; sie schwieg einen Augenblick und sah ihm scharf rns Gesicht, um dann zu sagen:Auch> ich habe Ihnen ZU banken, Baron. Dafür, daß. ich kein Wort konventionellen Becke« von Ihnen gehört habe. Sie wissen als nächster Verwandter des Toten ohne Frage, wie hier die Dinge lagen in letzter Zeit."

Er machte wortlos eine zustimmende Bewegung.

Sie wissen, daß wir vor der Scheidung standen. Aber das ist Ihnen doch vielleicht nicht bekannt, meines Mannes Verwandte haben die Dame vom Theater ja. mit großem Nachdruck abgelehnt, daß wir zwei Jahre lang in sehr, sehr glücklicher Ehe gelebt haben. Dann ist es anders geworden. Meine Schuld ist es aber nicht gewesen, ich glaube das kühn behaupten zu können."

Ihr Gesicht hatte sich leicht gerötet, ihre Augen leucht teten in einem besonderen Glanz. Sie war noch schöner als zuvor, aber Bassow fragte sich doch im stillen, ob Ton und Bewegung echt seien. Das Komödiespielen war ihr Berus gewesen, vielleicht war auch dies nur Komödie. Da er wieder nicht antwortete, sah er, wie sie stutzte, von seinem Schweigen betroffen. Dann fragte sie rasch mrd kurz:Was hat Ihnen der Staatsanwalt über mich gesagt?"

Er zauderte einen Augenblick, aber gleich hob! er den Kopf und sah ihr fest in die Augen:Ich möchte das' nrcht wiüierholen, Baronin."

Indem Sie das sagen, weiß ich, was er gesprochen hat. Aber ich weiß dadurch auch! etwas anderes noch: Sie sind vorhin unwahr gewesen gegen mich!." Sie war plötzlich aufgestanden; die Hände, die ein wenig, zitterten, fest auf den Tisch gestützt, stand sie ihm gegenüber. Unter ihren Wor­ten aber verwandelte sich auch fein Wesen. Er sprang empor gleich ihr, ein Beben dnrchlref auch seinen Körper.

Das verwunschene Schlößchen.

Von M. Jankowski.

Langsam rüstete sich die Sonne zum Scheiden. Eigentlich führte sie nur noch ein Scheinregiment. Der Winter, der ge­strenge, machte ihr die Herrschaft streitig. Heute aber hatte fte noch einmal den Sieg davongetragen heute hatte fte noch ein­mal verschwenderisch all ihr Licht, ihren Glanz ausströmen kön­nen über das friedliche Städtchen. Nun beim Scheiden schien ste sich von dem alten Bau, den der Volksmund dasverwunschene Schlößchen" getauft hatte, gar nicht trennen zu können. Hier tropfte es herunter von Gesims zu Gesinrs wie flüssiges Gold

umspann den mit unzähligen Giebeln und Türmchen verzierten, schloßartigen Bau mit magischem Zauber. Just wie ein verzau­bertes Schloß sah es auS, das alte Haus, das lange, lange^Jahre ilnbewohnt gestanden, und seiner fast stets verschlossenen Fenster­laden, seines urwaldigen Parkes, den fast nie ein menschlicher Fuß betrat, seinen Beinamen verdankte.

Die Eigentümer lebten außerhalb, nur ganz selten öffneten: sich die Fenster, schritten durch die dichtbewachsenen Wege die hohe Gestalt der Besitzerin desverwunschenen Schlößchens", Frau von Felden, und ihr Sohn. Er studierte Jura und die Mutter begleitete ihren Sohn von Universität zu Universität- nahm seinetwegen ein richtiges Nomadenleben auf. Sie hatte nur den einzigen das erklärte alles.

Nun hatte auch ihn das Vaterland gefordert; über ein Jahr kämpfte er draußen gegen eine Welt voir Feinden. Und sie, die Mutter, hatte ihn fortziehen lassen ohne daß ihr, wie sie zuerst glaubte, das Herz darüber gebrochen wäre. Ja, sie lebte weiter und und trank, während Heinrich vielleicht Tage um Tage mit seinen Kameraden hungertei und sie saß in warmen Zimmern, wahrend ihr Kind dort draußen zur gleichen Stunde sich viel­leicht frierend an seinen Nebenmann drückte. um nicht zu er­starren in der eisigen Kälte. Und nichts konnte sie tun, als beten

beten.

Doch noch etwas anderes konnte sie tun und deshalb gleißten und funkelten heute die vielen Fenster des verschwundenen Schlößchens. Frau von Felden hatte schon längst ein Lazarett mit vielen Betten einrichten lassen. An nichts durfte es hier den Ver­wundeten fehlen, sie kam selbst, um hier und da nach dem Rechten