— 43 —
tu sehen — aber sie konnte beruhtet sein. Sr-e hatten es gut, die Tapferen! Dafür sorgten schon die mildtätigen Schwestern — dafür sorgten die jungen Helferinnen, die so treu und unermüdlich ihre schweren, freiwillig aufgenommenen Pflrchten erfüllten. Wie sie sie bewunderte, di-else jungen Heldrnnen — die bis, vor kurzem nur die Sonne im Leben gekannt! Denen sorgsam iedes Steinchen aus dem Wege geräumt war— die noch vor kurzer Leit — und doch, wie ferne tags dem heutigen Denken im Ballsaale sich schmiegten und wieaten! Deren weihe Händchen keme schwere Arbeit kannten und die nun Mit denselben Händen.loch"' ten und scheuerten, Verbandzeug und die blutige Wasche wuschen, o- und so lind die Wunden pflegten — heilige Hände!
An einem der hohen Fenster lehnte AN umaes Mädchen, das blütenweiße Häubchen ließ nur gerade einen Streifen des goldenen Scheitels sehen, daß eS aufteuchtete auf der weißen Stirne wie gesponnenes Gold. Nun war sie bald ein Jahr im.^azarett- bienst tätig. Nach dem abgelegten Examen, das, wie Vetter Leuthold neckisch sagte, jedem Mediziner zur Ehre gereicht hatte — schmückte sie nun die Schwester >i-Haube, war sre Rote-Kreuz- Schwester. Wie viele Helden hatte sie hier einziehen — aber auch viele — dem Leben neugeschenkt — wieder fortziehen sehen Von
E endlichem Leid — aber auch von unendlichem Glück raunten alle :se Räume. — Dort in dem langen Saale sah sre noch immer s bleiche Geschöpf liegen, das nicht glauben wollte, daß ihr Glück wirklich tot sei. Aber in jenem ZimMer, an lenem Bette hatte eine alte Mutter und ein junges Mädchen gekmet — da war trotz allem Leid strahlende Sonne. Niemand hatte mehr an das Aufkommen des jungen Pionievs geglaubt, dem eine Granate das linke Bein abgerissen — und nun war er dem Leben neugeschenkt! Mutter und Braut durften ihn nritnehmen. Das waren lichte schöne Augenblicke, die man nie, nie Ehr im ^ben vergaß.
Und mit Liselott Werner durfte sie nun Huer die Kranken hegen und pflegen — mit derselben Liselott, mit der sie gemein- fmu von klein auf die gleichen Bänke des Lyzeums gedrückt Mtt. 8aS gleiche Laufanner Pensionat hatte ihre lustigen Backsftch- streiche gesehen — und Seite an Seite halfen sie letzt dem Tod manch braven Krieger abttotzen. ^ . rj .. .. r a . ^
-Was war es nur — seit einiger Zeit schien etwas Fremdes zwischen sie und Lisolott getreten zu sein — etwaS dem Eva keinen Namen geben konnte. Trug auch Liselott ein Leid — wovon sie ihr nie gesprochen? _
Den breiten Weg herauf kam ihr Vetter, der junge Doktor Leuthold. Kameradschaftlich gina ihnt Eva entgegen — und erstattete ihren Krankenbericht, mit dem der Arzt recht befriedigt schien. Aber etwas zerstreut schien er zuzuhören, so, als bedrücke ihn eine Sorge. Besorgt fragte ihn Eva. „Hast schon recht gesehen, Everl, — na, raus muß es doch — geht dich zunächst an. „Ja, was hast du denn, so red doch, rebe!'
„Ich komme von Frau von Felden." Ern leiser, banger Aufschrei: Heinrich! entschlüpfte Evas Lippen. Den Schrei horte Li e- lott nicht, die soeben aus dem Operationssaal kam — aber sie sah — wle Doktor Lerrthold besorgt über Evas tiefgesenkles Köpfchen fuhr. Ein weher Zug trat in Liselottes liebliches Gesichtchen.^ Jäh zog sie sich zurück — hätte Eva das lerdzuckende Antlitz sehen können — so wäre ihr der Grund der Entfremdung klar ge-
^°^Iverl, faß dich, Heinrich ist nicht M — allerdings schwer verwundet. Aber denk, das große Glück in allem Unglück — er kommt her — ist schon unterloegs. Wenn es deine Hett erlaubt, möchtest du nachher %u Frau von Felden kommen — \a, ja, kleine Geheimniskrämerin — tum sind Eure Schandtaten offenbar geworden. Vielleicht darfst du ihn sogar pflegen — de men Liebsten — aber nur, wenn deine Nerven nicht mit dir durchgehen, Kleine. Ta geschah etwas Unerhörtes — die schlanke, blonde Schweftkw fiel jubelnd dem jUiigen Arzt um den Hals — gut, Liselott, daß du dieses nicht zu scharren brauchtest! —
Am Schmerzenslager eines schwer leidenden Unteroffiziers! zeigte Eva, wie sehr sie ihre Nerven in der Geivalt hatte.
Obgleich alle ihre Gedanken zu dem Liebsten flogen — ob gleich sie fiehernd die Stunde herbeisehnte, da sie zu Heinrichs Mutter eilen durfte, hielt sie tapfer aus in deni süßlichen Nar- koseraum. Ohne Zittern irnd Zagen reichte sie dein Arzte Skalpell und 9tadel, Nähseide, Wcktteurrd Verbandzeug — ohne sich einmal zu irren — ruhig und sicher.
„Bist doch 'ne tüchtige Schwester, Everl, meinte nachher Leuthold, als sie nebeneinander den laugen Korridor durchschritteii. ,,Du mit deinen lieben geschickten Fingern pflegst dir auch sicher der: Liebsten wieder gesund!"
Züge — wenn auch dem Leben, dem
Ein helles frohes Lachen flog über Evas die Angst da war — die Zuversicht, Heinriu- uem ^cucu, wiu Glück wrederzngeben, war viel stärker. Hastig verabschiedete sie sich und Lentholt trat nun in Liselottes Reich. Ein helles Weißes Zimmer — sechs schneeweiße Betten, trotz des nahenden Winters Blumen in Vasen und Schalen.
Ja, Liselott und Eva verstanden es — Licht und Sonne an den Schmerzenslagern zu verbreiten. Ihr ganzes Taschengeld opferten sie willig dafür — und wo dieses nicht ausreichte, mußte Vater und Mutter viel, recht viel zusteuern, und alles wurde für ihre „lieben großen Kinder" verwandt. Die dankten es ihnen gber auch. Das zeigten die leuchtenden Blicke, die immer und
überall den schlanken eleganten Gestalten der jungen Pflegerinnen folgten. Nur einer aus Liselottes Schar konnte den Samari- terinnen nicht mit den Angen folgen — ein Auge hatte er bei einem Sturmangriff verloren — das andere war so stark in Mitleidenschaft gezogen, daß der Arzt an der Erhaltung des kostbaren Gutes zweifelte. Eine Binde lag über beiden Augen des jungen Gelehrten — und das war ihm das Schrecklichste, nicht mehr lesen können — nicht mehr lesen ... Er murrte und klagte nicht. Aber Liselotte sah seine Seelenqualen. Zart und lind tröstete sie ihn; widmete ihm ihre ganze freie Zeit. Las ihm wissenschaftliche Werke vor — und die Briefe seiner Eltern und seiner Braut, die alle heiß und in,na den Dag herbeisehnten, der den Mlen Dulder wieder in ihre Mitte führen sollte. Auch heute fand Doktor Leuthold Liselott am Bette des jungen Philosophen. Aus Spengers Autobiographie hatte sie ihm vorgelesen. Sie waren bei der Stelle angelangt, da er bekennt, daß auch die synthetische
läßt als je. Bang auf
Philosophie das Welträtsel _ .
seufzte der Kranke — das Rätsel, das ihm das Leben jetzt gab, erschien ihm augenblicklich noch weit schwerer. Was sollte aus ihm werden? In diese düsteren Visionen klangen Liselottes Worte plötzlich wie Sphärenstimmen: „Herr Doktor Hausrvald, wissen Sie denn auch, was Professor Wichmann vorhin gesagt hat? Ich alarrbe, er wollte es Ihnen erst morgen sagen — fürchttt vielleicht die freudige Aufregung — aber ich verrate eS doch schon: Die Besserung Ihres Auges hat bedeutende Fortschritte gemacht — und hoffen dürfen wir! Er hat wirklich gesagt — hoffen."
Dankbar tastete der Kranke nach des Mädchens Hand: „Wenns wahr wäre, Schwester, wenn's wahr wäre . . .
Inzwischen war Dr. Leuthold zu den anderen Betten getreten. Jetzt wandte er sich wieder Liselott zu: ..Wenn ich ferttg bin, nehine ich Sie mit; Eva ist schon fort, ist bei Frau von Felden."
Wild klopfte Liselottes Herz. Das erstemal, daß sie mit Leuthold allein gehen sollte. Bisher waren die beiden Mädchen stets yusammengegangen; ab und zu begleitete sie Leuthold, der ganz m der Nähe der beiden wohnte.
„Sie verwöhnen Hauswald zu sehr, Liselott, das sollen Sie nicht. Sie dürfen sich nicht so sehr überanstrengen," llang besorgt seine Stimme.
Verwirrt schaute Liselott auf, warum sprach er so lieb zu ihr, er hatte ja Eva!
„Ach, das bissel Lesen ist Erholung nach der körperlichen Arbeit am Tage — und Eva strengt sich genau so an..." Der junge Arzt hörte Die leise Eifersucht heraus. Gerührt schaute er aus daS junge Diirg, das so mutig neben fremdem Leid noch — sein eigen"s trug. Das würde ja eine ganz prächtige Doktorssrau? Doch zuerst mußte er die kleine Eifersüchtige beruhigen — und staunend hörte Liselott, daß auch Eva ein Geheimnis still getraaen.
„Ja, ja, der große Weltbrand zeigt uns, was in den Nachfolgerinnen der biblischen Eva steckt — zeigt uns, was für herrliche stille Heldinnen die deutschen Frauen sind. Auch du. süße, herzige Liselott, bist solch eine stllle Dulderin gewesen — aber nun sag es mir, Liselott, willst du Mein Frauchen werden — mein-"
Da geschah das Unerhörte zum zweiten Male am gleichen Tage — wieder flog eine liebliche Schwester dem jungen Arzt um den Hals. Aber diese wollte er schier nicht mehr loslassen — das war die Rechte!
Noch eine glückliche Stunde verlebten sie oben bei Liselottes Eltern. —
Lange aber blickten heut vier selige Mädchenaugen zu den Sternen und segneten das „verwunscheue Schlößchen", in dem sie ihr Glück gefunden. _
Russische Gymnasiastinnen im Rarpathenfeldzuge.
Im russischen Hauptquartier ist kürzlich von der Front ein sechzehnjähriger, mit dem Georgskreuz geschmückter „Korporal" eingetvoffen, der dem schüneu Geschlechte angehört und 14 Monate im Felde gestanden hat. Er heißt Zoe Smirnowa und sieht mit seinen kurz geschorenen Haaren wie ein Knabe aus, verrät sich aber durch den Klang seiner Stimme. Zoe Smirnowa war Gymnasiastin in Moskau, als der Krieg ausbrach: die große Begeisterung des Angerrblicks erfaßte sie, sie fand Kameradinnen, und Ende Juli verließ sie mit 11 weiteren Gymnasiastinnen das Eltern-, haus, um in das russische Heer einzutreten. Da die Flucht der kriegslustigen Schülerinnen bald bemerkt worden wäre, wenn sie in Moskau einen Militärzug bestiegen hätten, so fuhren sie erst gemeinsam nach der nächsten Station, um sich dort Uniformen zu verschaffen. Tie Gelegenheit tvar günstig; cs gelang ihnen, sich einem gerade im Bahnhof haltenden Truppentransport anzuschließen, und, von den Soldaten bewillkommnet, bis nach Galizien zu gelangen. Ms der Bormarsch auf Lemberg begann, bekam der Major ihres Regiments von dem ?lben teuer Wind: er traf Anstalten, um das Dutzend Gymnasiastinnen in die Heimat zurückzubefördern, dann aber fühlte er ein menschliches Rühren und gestattete den jungen Amazonen die Teilnahme am Feldzuge unter der Bedingung, daß sie sich die Haare nne ordentliche Soldaten kurz scheren ließen. Natürlich bedeutete diese Operation ein schweres Opfer von feiten der Zwölf, aber nach heftigen Tränenergüfleu


