Ausgabe 
10.1.1916
 
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Nm toten Lee.

Rvman von Robert Kohlrausch.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

3. Kapitel.

Herr von Breitenbach »var kaum geg>alvg>en, als der Gendarm eintrat. Er war ein dicker Mcnrn mit einer %u li>ett geschnallten betkoppel um den Leib und einein Dienstehrenzeichen auf der Brust. Mit ihm zugleich Varn ein leiser Messing- und Ledergeruch herein. Er glühte Vom raschen Ritt, von Aufregung und Wichtigkeit. 9-achi- dem er in aller Ehrerbietung seiner Teilnahme an dem traurigen Borfall Ausdruck Mgeben hatte, worauf ihrn die Bavorrin nur durch eine wortlose Kopsbewegtmg Ant­wort gab, fing, er seine Nachforschungert an.

Auch er konstatierte die blutunterlaufenen Stellen arn Halse des Voten rrnd verwandte besondere Sorgfalt auf die Feststellung der fehlenden Wertgegenstände. SeineFrage, vb sich mutmaßlich eine größere Smnme Geldes int Portte- nvonnaie ad er in der Brieftasche befunden habe, muhte die Baronin unbeantwortet lassen. Da ihr Mann von einer mehrtägigen Reise zurückgekehrt war, für die er sich ohne Frage reichlich mit Geld versehen hätte, so konnte sie art- nehmen, daß nach eine ansehnliche Sunrme davon übrig gewesen sei. Genaueres vermochte sie nicht airzngeben. Da­gegen betonte sie die Unwahrscheinlichkeit, daß in dem ae- öss neben Schreibtische sich noch weiteres Geld befunden h<wv. Dort pflegte ihr Mann es niemals auf bewahrt zu haben, sondern stets int Geldschrank in seinem anstoßenden Schlaf­zimmer, der bei mm borgenotmnener Besichtigung unbe­rührt erschien. Ob irgendtvelche Papiere oder derartiges aus dein Schreibtisch entwendet worden seien, vermochte die Baronin gleichfalls nicht sestzustellen.

Als der Gendarm sich die Gegenstände genau notiert batte, die nach ihrer Mitteilung sicher fehlten, ließ er die Klicke suchend über den Raum dahingehen und sagte dann: Darf ich Frau Baronin bitten, sich das ganze Zimmer und alles, was darin ist, noch einmal ganz genau anzusehen, ob nicht möglicherweise doch noch etwas fehlt."

Verneinend bewegte sie den Kopf.Ich habe schon alles wieder und wieder darauf angesehen, aber ich habe" Plötz­lich unterbrach sie sich selbst. Unwillkürlich wärest trotz ihrer Ablehnung ihre Blicke der Aufforderung des Gendarmen ge­folgt, hatten die Gegenstände im Zimmer abermals gemustert und waren jetzt auf einem niedrigen, vierbeinigen Eichenlisch hasten geblieben, der auf der linken Seite neben der Tür zur Terrasse stand.Dasäst merkwürdig!" sagte sie leise.

Was denn, was denn, Frau Baronin?" fragte der Gendarm, der den gespannten Ausdruck eines wohldressierten Jagdhundes auf der Spur augeuoutmen hatte.

Merkwürdig ist es, das; ich das übersehen habe, und ebenso merkwiirdig, daß gerade das noch fehlt."

Also fehlt wirklich noch ein weiterer Gegenstand?" Er atmete vor Eifer hörbar durch die Nase.

Ja. Und sonderbarerweise etwas, das für den Mörder ohne jeden Wert sein muß, aber an sich so auffallend ist, daß es ihn leicht verraten könnte."

Und was? Und was?" Das dicke, schwarze, ab­gegriffene Notizbuch in seiner Hand bebte.

Eine kleine Decke, die auf dem Tische dort gelegen hat, fehlt. Ich selbst habe sie einmal gestickt. Sie war mattgelb, viereckig, und um den Rand lief eine Girlande von grünem Weinlaub mit blauen Beeren."

Er war schon beim Schreiben.Decke viereckig Girlande mit blauen blauen Beeren. Ja, warum der Verbrecher die genommen haben soll, das verstehe ich auch nicht. Aber vielleicht liefert er sich durch diese Unvorsichtigkeit uns in die Hände. Jedenfalls haben wir in dieser Decke ein wertvolles, leicht erkennbares Corpus delicti."

Er hatte seine Auszeichnungen becitbet und machte jetzt eine militärische Verbeugung mit geschlossenen Hacken vor der Herrin des Hauses.Meine Tätigkeit hier ist fürs erste be­endet. Ich habe die Ehre, mich Frau Baronin zu empfehlen. Mein Pferd steht noch gesattelt auf dem Hof; ich reite so­gleich zum Landratsamt, um persönlich Bericht zu erstatten. Bei der Wichtigkeit des Falles ist das geboten. Der Herr Landrat werden sodann das weitere veranlassen."

Und was hat hter zu geschehen?"

Alles must unberührt bleiben, wie es im Augenblick ist. Wenn Frau Baronin das Zimmer verlassen, müssen Fran Baronin die Güte haben, es abztrschließen, da st nie­mand es betreten bann."

Bis der Arzt kommt, bleibe ick unter allen Umstünden hier. Gehe ich dann, ivird Ihre Vorschrift gertan befolgt werden. Und nun eilen Sie, damit nichts versäumt wird."

Noch einmal das trtilitärische Hackenzusammenschlagen lhes ehemaligen Küvassierunterosfi^iers, ein leises Klingen seiner Sporeir beint gedämpften Htncrusgehen, und die Ba­ronin war wieder allein. Sie trat jetzt noch einmal zu dem Eichentischchen an der Tür, blickte auf die leere, hellbraun« Fläche und schüttelte nachdenklich den Kopf.

Ihr Alleinsein aber dauerte nicht lange. Der Diener meldete die Ankunft des Arztes, nitd unmittelbar hinter ihm erschien dessen Gestalt in der Tür. Es war eine be­häbige mittelgroße Figur, ans der ein von vollent, weißem Haar und Bart umgebener Kopf saß. Ein Gemisch von Bär­beißigkeit nnb Güte war in dem Gesicht, aber die Güte darin erschien als das Ursprüngliche, Natürliche, die Bär­beißigkeit nur als künsttiches Ergebnis eines vom Lebert ansgedrungerten Pessimismus. DenKnecht Ruprecht" lmitn- teu ihn viele Kinder in der Gegend, bei vettert er die Rolle dieses lieber schenkenden als bestrafenden Geistes tun die Weihnachtszeit ge nt und hauste gespielt hatte.

Wortlos ging die Baroutn auf ihn zu. Bei seinHN Anblick zum ersten Male schien ihre bisherige Fassung sie zu verlassen. Ein Schluchzen, halb erstickt, kam ans Ihrer