Ausgabe 
6.1.1916
 
Einzelbild herunterladen

Herznruschef, feilte Befvohnernr der Nordsee, werden Wohl in Eng­land als Speisen anfgetragen, in Deutschland dagegen teils aus Ärttipathie, teils aus Unkenntnis bisher unbeachtet gelassen. Das wichtigste Nahrungsmittel, die Kartoffel des Meeres, ist aber die in der Nord- und Ostsee lebende Miesmuschel. Ihre künstliche Zucht ist, entsprechend ihrer Bedeutung eines Volksnahrungsinittelsl an manchen Orten, schon seit langer Zeit und auch heitte in weiten Kreisen bekannt. Die Größe, bis zu der sie sich ent­wickeln, schwankt je nach der Ernährung, denr Salzgehalt und den BavegungsverhLltnisselt ganz bedeutend. Die Nordsee ist aber für ihre Entwicklung günstiger als die Ostsee, hier wieder hat oas westliche Geibiet, bei der Kieler Bucht, den Vorrang vor dein kurländischen Teil. In der Kieler Bucht werden jährlich 1000 Muschelpfähle gesetzt, die zu ihrer Bewachsung und ordent­lichen Ausbildung der Tiere 35 Jahve stehen bleiben. In einem Winter lverden ungefähr 3 360 000 Tiere geerntet, doch schwankt die Menge und Qualität nicht unwesentlich. Die Zu­bereitung ist eine sehr mannigfache: man kann sie einfach ab- kochen und mit frischer Butter genießen, zu Suppe und Saucen verarbeiten, bratet und bäckt sie. Ein historischer Liebhaber war Ludwig der XVIII. von Frankreich, der sie frisch durch eigene Eilboten nach Paris kmmnen ließ. In Frankreich, Kollmrd und England werden gewaltige Mengen verbraucht. Das in manchen Orten iumter noch fest eingewurzelte Vorurteil gegen die Mies- nmschel hat freilich einen Anhalt in der Tatsache, daß schon öfter Vergiftungen mit dein Genuß von Miesmuscheln verbunden waren. Chemisch-physiologische' Untersuchungen haben ergeben, daß die bei stagarierenden Wassern auftretende Fäulnis' und Vergiftung des Wassers in die Organe und Gewebe der Tiere gelangt und so die Vergiftungserscheinungen möglich mackst. Ein Zusatz, von kohlensaurem Natron (3 4 Gramm pro Liter) zu denr Koch­wasser, das dann sorgfältig abgegossen, womöglich abgeseit werden inuß, bietet indessen genügende Sicherheit gegen die ohnebitt selten auftretende Gefahr. Eine weitere, bei rnanchen Menschen auftreteirde, unangenehme Folge des Genusses von Miesmuscheln, ebenso von Krebsen, ist eine Art Nesselfriesel, die jedoch 4 >on gar keiner allgemeineren Bedeutung ist, da nur ganz ivenige Naturen diese Veranlagung besitzen.

vermischtes.

* D a s Luftschiff und das U u t e r s e e b o o t A l e x a n- derS des Großen. Im Palazzo Doria zu Nom werden zwei nrerkwürdige Teppiche burgundischer Herkunft nuö dein 14. Jahr­hundert aufbewahrt, die die Taten Alexanders des Großen dar­stellen und worauf ganz unverkennbar ein Luftschiff und ein Unter­seeboot zu sehen sind. Doch handelt es sich in diesem Falle nicht etwa um Maschinen, die unter die Ahnen dieser modernsten Er­findungen einzureihen wären, sondern um Phantasiegebilde, deren Reiz in ihrer phantastischen Naivetät liegt. Die Szene, die Alexanders des Großen Ausstieg in die Lickte zur Anschauung bringt, bildet die genaue Ucbersetzung einer Schilderung, die sich in dein Gedichte des Jean de Vauquelin über die Taten Alexan­ders findet. Der König, der ja bekanntlich im Mittelalter zu einein vollkommenen Legendenhelden geworden war, sitzt in einer Art von reich verziertein Käfig, zu dessen Seiten vier Greisen an­gespannt sind. Um diese Fabeltiere zmn Aussteigen zu bringen, werden über dem Käfig an zwei emporragenden Lanzen Fleisch­stücke befestigt. Die Greisen, die offenbar mehr Hnnger als In­telligenz haben, gedenken die Fleischstücke zu erschnappen, ivenn sie sich in die Lust erheben, sie fliegen ans und zur unermeßlichen, etwas ängstlichen Verwunderung der Großen und Fürsten des Königs sieht man diesen in seinem Greckenwagen in die Lickt empor­steigen. Noch primitiver ist das Unterseeboot Alexanders. Es ist einfach ein Krislatlgesäß, welches durch Ketteu au Kähne befestigt ist. Die Kähne bleiben natürlich an der Oberfläche des Wassers, der König aber läßt sich in das Kristallgesäß einschließen, und zwar unter Begleitung von zahlreichen Fackeln, welche neben anderem offenbar auch dazu dienen sollen, die wütenden See- ungetüme zu verscheuchen. Alexander erscheint also hier ungefähr in der Rolle eines Tauchers; woher er in seinein Kristallgesäße, obendrein in der Gesellschaft qualmender Fackeln, die zum Atmen erforderliche Lickt herbekommt, das ist aus dein Teppich nicht weiter erklärt oder geschildert. Man sieht aber an diesen naiven Er­findungen, daß der Traum und die Sehnsucht der Menschen, sich in die Lickt zu erheben und in die Tiefe des Wassers zu dringen, die großen Erfindungen der jüngsten Zeit schon vor Jahrhunderten vorweg ahnte.

* Die Ratte n j a g d Hunde a l s Liebesgabe. Schon seit längerer Zeit enthalten die französischen Feldpostbriefe seitenlange Schilderungen der Rattenplage im Felde. Nach den Mahlzeiten, heißt es nnTemps", sind die Soldaten gezwungen, sich zur Nattenjagd zu rüsten, da diese Tiere wie eine der bösen ägyptischen Plagen tit Schützengraben und Unterständen, in Erd­höhlen und Schlupfwinkeln hausen. Es sind meist außerordentlich große Tiere, und es kommt nicht selten vor, daß inan in einem

einzigen Graben an einein Tage mehr als 100 Ratten erlegt. Die Plage ist jo grob und so schwer zu bekämpfen, daß die Offiziere für die Ablieferung von 1b Schwänzen getöteter Ratten einen Liter Wein als Preis ausgeietzt haben. Dtese neue unerfreuliche Begleiterscheinung des Krieges hat begreiflicherweise in Paris und in der Provinz eine Fliit voii Vorschlägen zur Ausroltiing der Ratten entstehen lassen. Die französischen Zeitungen werden mit Briefen überhäuft, in deueii iieue Waffeit für den Rattenkampf be­schrieben werdeii; den Behörden werdeii alle möglichen Apparate und Präparate als Rattenvertilger angeboten; doch die Rattennot dauert ilnvermindert fort. Nitiiinehr ist ein Hmtdezüchter auf einen Einfall gekommen, der von der gesainten Oeffentlichkelt als Retter in der Not begrüßt wird. Der Vorschlag des Züchters geht dahin, daß sämtliche Hnndebesitzer, voritehmlich die Besitzer der zur Rattenjagd geeigneleii Foxterrier, ihre Tiere als Liebesgabe für die Armee in einer Zentralstelle abgeben sollen. Die Hunde sollen dort die hohe Schule des Rattenfanges durchu,acheu und nach überstandeuer Dressur »uid zur Zlckriedenheit abgelegter Prüfung »rach den Schützeiigräben geschickt werden. Also sozusagen die Mobilisierung einer Hundearmee gegen beit Rattenstaat l Der Welt­krieg erzeugt wirklich sonderbare Gebilde . . .

vüchertisch.

D i e Kriegsgefangenen in Deutschland 350 Wirklichkeitscncknahmen ails delltschen Gefangenenlagern. Mit einer Einleitung von Prof. Dr. B a ckhau s, Oberleutnant d. L. a. D., z. Z. Referent im Krtegsnilliisteriilm. In dentfcher, französischer, englischer, russischer und spaiiischer Sprache. (Montanus-Bücher, Band 7.) Erster Dreißigtausend-Druck. Preis Mk. 2, . Verlag von Hermann M o ii t a n u §, Siegen. Neben bett besetzten Ge­bieten und den vieleii gerüotineneti Schlachten ist die ungeheiive Anzahl der Kriegsgefangenen wohl der beste Beweis für den Erfolg der derltscheii Waffen. Mit Recht ivendet sich deshalb das Interesse der ganzeii Welt den Kriegsgefangenen in Deutschland zil. Deni deutschen Volk erwächst die Aufgabe, für seine Ift, Millionen un­freiwillige Gäste Unterkunft tntb Verpflegung j$u schaffen und ihnen Gelegenheit zur Betätigiing zil geben, womit gleichzeitig manche durch die Einberufiing der Wehrfähigen entstandeiie Lücke gefüllt wird. In den feindlichen Ländern sehnen sich natilrgenräß Millionen von Verivandten imd Bekannten nach einer Nachricht über den Angehörigen. Sie müssen für sein Wohl Besürchtinigen hegen ans Grund der Lügennachrichten, die die seiiidllche Presse über die Kriegsgefangenen in Deiitschlaiid verbreitet. In den neutralen Ländern wünscht nian begreiflicherweise zu iviffen, ob diese systematischen Zeitilngsiiachrichten der Wahrheit entsprechen oder ob Deiitschland sich and) in der Frage der Krtegsgesangenenbehand- liing als Kulturvolk beivä'hrt. Die Herausgabe des obigen BandeS darf daher als eine Tat bezeichnet werden, welche die höchste Be- deiltiing dadilrch gewinlit, daß das Krlegsministerinm die Heraus- gabe veranlaßt und für Text und Bildansivahl emgetreten ist, so daß die Geivähr gegeben ist für wahrheitsgetreiie Aiifiiahnlen und für die Wahrhaftigkeit des Textes. Die Aufnahmen lassen lins höchst interessante Blicke tun in Einrichtungen der Lager, Ailssicht und Bewachung, Ernährung, Körperpflege, Krankensürsorge. Be­schäftigung der Gesangeneri i,siv.

D e r N at u r a rz t", 44. Jahrgaiig, Nr. 116. Kriegs- nummer. (Auflage 150 000.) Berliit 8VV. 11. Preis jahrt. 3 Dtk. Probeniilumer frei. (Diese älteste itttb verbreitetste Zeilschrtft für Volksgesmidheitspflege ist währeird des Krieges in ununterbrochener Folge in besonderen Kriegsnummern erschienen.) Ans dem In­halt: P. Schirrnieister: Unsere Lage in Krieg imb Frieden. - Dr. mcd. Fr. Schönenberger: Vom Kampfe in unserem Körper nsw. - BeilageFür unsere Frailen und Mütter": Dr. wsä Spohr: Die spinale Kinderlähinung. Marg. Schirrnreifter: Fleischlose und fettarnie Tage. M. Trott: Die Sck)ädltchkeit der Klnder- Guntmisachen. Nahrungsmittel-Chemiker E.: Verfälschimg der Milch iisw. _

Gleichklang-Nütsel.

Eilt deutscher Kaiser aiis früheren Zeiten,

Heut' ist er eiitblößt vom Herrscherornat,

Ein siinpler Gesell, aber Freude bereiten Wird dir seine Gunst imd sein Beistand int Skat. (Auflösung in nächste« Nummer.)

Auslösung des Rösselsprungs in voriger Nummert ast einer Welt Besitz du dir gewonnen, ei nicht erfreut darüber es ist nichts!

Und ist dir einer Welt Besitz zerronnen,

Set nicht im Leid darüber, es ist nichts!

Vorüber gehn die Schinerzen wie die Wonnen:

Geh an der Welt vorüber, - eS ist nichts!

Anwari Soheili.

Schriftleituug: Aug. Goetz. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Bnch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.