Um toten Lee
Roman von Robert Kohlrausch.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
otwas Falsches gedacht, Beckmann," sagt, sie dann. „Wenn die Sache so wäre, müßte mein Manr dort gleich neben dem Stuhk zu Boden gestürzt sein. Ueber- yaupt sehe ich hier Zeichen der Unordnung, die ich nicht verstehe. Das Fell unter dem Schreibtisch ist verschoben die eine Schublade, in der die Schlüssel stecken, steht hall offen und sieht aus, als wenn man darin gewühlt hätte 'V rie f e . ^ ie J uns dem Tisch liegen unordentlicher, als ich sie hergelegt habe gestern abend. Wenn ich wüßte, — haben Sie schon nachgesehen, ob nichts von den Sachen fehlt, die mein Mann bei sich zu tragen pflegte?"
„Nein, nein, Frau Baronin, wie hätte ich mir das her-' ausnehmen können!"
„Aber jetzt müssen Sie's tun. Ich kann es nicht, kann ihn nicht berühren! Sehen Sie nach — in seinen Kleidern, m seinen Taschen. Sind Uhr und Portemonnaie noch vorhanden?"
Er gehorchte und untersuchte mit vorsichtigen Händen die Gewandung des Toten. Auch die Baronin trat nahe zu ihm heran, und bald hatten sie herausgefunden, daß Brieftasche, Uhr und Portemonnaie nicht mehr vorhanden waren. Weiter umhersuchend, erkannte die Baronin, daß auch ein goldenes Falzbein fehlte, womit sie die Papiere auf dem Schreibtisch am Abend vorher beschwert hatte. Nun musterte sie mit erneuter und erhöhter Aufmerksamkeit auch Gesicht und Körper ihres Mannes, um plötzlich mit halblautem Schrei zurückzufahren.
„Es ist ein Mord, Beckmann, kejn Schlaganfall! Sehen Sie her. Sehen Sie diese blutunterlaufenen Spuren an seinem Hals? Einem gemeinen Raubmord ist mein Mann zum Opfer gefallen."
„Um Gottes willen!"
„Gehen Sie sofort und setzen Sie die Gendarmerie in Kenntnis. Gehen Sie, gehen Siek"
m e M ifl 'L?chte der Gärtner sich auf den Weg, um den Befehl der Baronm auszuführen, und sie blieb allein bei der stummen, regungslosen Gestalt auf dem Diwan.
Lange Zeit blickte sie starr daraus nieder, um dann den Kopf langsam ein paarmal zu bewegen, als wenn sie dem STiotoü zunickte; leise sagte sie dabei vor sich hin:
„Also vorbei für immer."-
Eine halbe Stunde später ungefähr hörte sie ein vor: sichtiges Räuspern an der Glastür. Aus ihrer tiefen Versonnenheit schaute sie empor auf diesen Ton. „Was gibt es, Rosa?" fragte sie rasch. „Ist jemano von der Gendarmerie gekommen?"
„Nein, Frau Baronin. Wer eben sprengte ein Reiter ilr den Hof. Es ist der Herr von Breitenbach und er fragt,
ob er die Frau Baronin sprechen könnte. Und weil er doch der nächste Gutsnachbar ist —"
Die Baronin wiegte den Kopf ungeduldig hin und her.
„Ich möchte jetzt niemanden sehen."
„Ich habe gleich gesagt, daß ich nicht glaube, Frau Baronin würden ihn empfangen können. Er ist aber in so großer Aufregung Und läßt sagen, er hätte der Frau B<v- ronin etwas mitzuteilen über den Herrn Baron."
„Das ist etwas anderes. Lassen Sie ihn kommen, — hierher. Die beiden waren ja Freunde."
Rosa verschwand, und nach wenigen Augenblicken verdunkelte sich die Glastür durch den Eintritt einer Ungewöhnlich großen und breiten Münnergestalt. Die Baronin war auf ihrem Platze stehen geblieben und erwartete unbeweglich das Näherkommen des Eintretenden. Mit großen Schritten, mit einer wiegenden Bewegung seines hohen Körpers ging er auf sie zu und streckte die Hände nach ihr aus. Dabei sprach er mit einer sonst wohl kräftigen und lauten, im Augenblick stark abgedämpften Stimme: „Ja, ist es denn möglich? Ist es denn wahr?"
Sie wies mit einer Bewegung des Armes auf den Toten. „Es ist wahr. Sehen Sie hin."
Er trat ein wenig näher, jedoch nicht bis unmittelbar zu dem Diwan, und blickte schweigend ein paar Augenblicke nieder auf den Gestorbenem Dann hob er die Hand, um die Augen damit zu bedecken und murmelte: „Mein armer, armer Freund!" -
Als er sich nun wieder zu der Baronin umwandt« und sein Gesicht nach dem Lichte kehrte, konnte sie sehen, daß er in Wahrheit im Innersten erregt war. Sem volles, ganz glatt rasiertes Gesicht, in dem sonst mehr vom Lebensgenuß als vom Leiden gu lesen war, hatte alle Farbe verloren, und es zuckte um seinen Mund wie von verhaltenen Tränen oder von einer nervösen Regung. Dann begann er wieder mit seiner künstlich gedämpften Stimme zu sprechen: „Ich bin gleich he rüber geritten aus die erste Nachricht hin. Unglücksbotschaften fliegen ja schnell. Ich bin gekommen, Ihnen meine Dienste anzubieten und —"
„Sie hätten mir etwas über ihn mitzuteilen, sagte das Mädchen."
„Ganz recht. Ich war nämlich gestern abend noch-mit ihm zusammen."
„Gestern? Mit ihm?"
„Ja, ich glaube sogar, daß ich der letzte gewesen bin, der rhu lebend gesehen hat, bevor dieser traurige Unfall ihn getroffen hat."
„Es war kein Unfall," fiel die Baronin Herrn v. Brei- tenbach ins Wort.
„Was meinen Sie?"
„Es war Mord. Nach meiner festen Ueberzeugung war es Mord."
„Um Gottes willen! Mer durch wen, aus welchen Motiven?"
..Ein Raubmord, so viel .ich beurteilen kaum Es fchleu


