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„Frau Baronin sind schon auf, — ach, ich habe der Frau Baronin etwas Furchtbares zü melden."
„Was denn? Sprechen Sie!"
„Ja, der Gärtner, der ist nämlich heute besonders früh in den Park gegangen, weil er hat sehen wollen, was das Unwetter für Schaden getan hat, und da — hat er den Herrn Baron gefunden."
„Im Park?"
„Nein, in seinem Zimmer, — tot in seinem Zimmer!"
„Um Gottes willen, — Rosa! Das ist ja furchtbar, — furchtbar!" Sie taumelte und hielt sich an einem Stuhl. Das Mädchen eilte hinzu, um ihr beizustehen, doch machte sie eine abwehrende Handbeweaung.
„Lassen Sie, Rosa, es handelt sich nicht um mich Tot, sagen Sie, — ermordet?"
Erstaunt blickte das Mädchen sie an. „Mau Baronin verzeihen, das habe ich nicht gesagt. Der Gärtner sprach von einem Schlagansall."
Die Mronin grübelte rinen Moment stumm vor sich bin, dann fragte sie: „Und in seinem Zimmer ist er gefunden Worden, — wie ist das möglich?"
„Ich weiß es nicht, Frau Baronin, aber der Gärtner —"
„Nein, Sie brauchen es mir nicht z<ü wiederholen, er soll es mir selber sagen." Damit warf sie sich einen Mantel über, der neben der Türe hing, und eilte vor dem Mädchen her über Korridor und Treppe nach unten.
Der größte Teil der Dienerschaft war, geweckt von der Schreckensnachricht, bereits wach und auf den Beinen; die große Tür zum Park hinaus war geöffnet, aber die Baronin achtete in ihrer atemlosen Aufregung nicht auf diese Uebertretung ihres Befehls vom vergangenen Abend. Auf die Tür wies das Mädchen. „Das Zimmer ist nach dem Korridor hin, glaube ich, noch verschlossen. Vom Garten . aus ist der Gärtner hineingekomme-n."
, Ohne weiter zu fragen, ging die Baronin mit Unverminderter Hast aus der großen Ausganastür auf die Terrasse hinaus, die schwarz und glänzend vom Wasser war, und auf die der Regen immer noch mit unverminderter Gewalt niederprasselte. Sich nahe der Hauswand haltend, kam die Baronin mit ihrer Begleiterin an mehreren dicht verschlossenen Fenstern des Erdgeschosses vorüber bis zu einer Glastür, an der ein Flügel geöffnet war. Die von innen davorgelegten Läden waren bisher weder hier, noch an den beiden Zimmersenstern rechts und links von der Tür aeosfnet worden, doch ließ im Zimmer brennendes elektrisches Licht genau erkennen, was in dein Raum vorging.
Eineir Augeliblick zauderte die Baronin hier, sich in einer Anwandlung von Schwäche am Türpfosten haltend, und schaute auf die beiden Männergestalten, die sich drinnen bewegten und mit einer dritten, unbeweglichen beschäftigt waren. Dann trat sie hinein und sagte mit heiserer, aber fester Stimme: „Vor allen Dingen machen Sie die Läden auf und lassen Sie das Tageslicht herein."
Der Gärtner ging mit den unsicheren, scheinbar auch vom Schrecken gelahmten Schritten des Alters an das eine der Fenster der Diener, der als zweiter im Zimmer war, eilte behender mit jugendlichem Eifer an das andre. Seine Hände hatten die Läden an diesem Fenster und auch an oer Glastür bereits geöffnet, als der Gärtner erst mit denen des andern Fensters znrechtgekommen war.
^J* n . Zing die Baronin mit ein paar schnellen Schritten bis zu dem Sessel, rn dem dre unbewegliche Gestalt laa
Eer und saßte die eine der schlaff herabhängenden Hände, um sie sogleich, wie von ihrer Kälte durchschauert wieder sinken zu lassen „Ist keine Hilfe mehr?" fragte sie zu gleicher Zeit. „Waruin ist sein Gesicht so furchtbar verzerrt? Haben Sie schon an den Arzt telephoniert?"
Frcknz, noch röter als sonst im Gesicht vor Aufreauna antwortete mit gepreßter Stimme: „Leider ist wohl nichts mehr zu machen, Man Baronin. Ich war eine Zeittana ber der Santtatskolonne und weiß ungefähr, was in solchen Fällen zu tun ist. Ich habe auch schon verschiedenes versuche
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Indern wiederholte ihrw Befehl nur mit den hastig Worten. „Rasch, tragen Sie ihn dort hinüber" U Die Männer gehorchten, und nach wenigen Minuten
lag der starre Körper aus einem großen und breiten, mit Fellen überdeckten Diwan, auf dem seine Gestalt merkwürdig zart und klein erschien.
Als der Diener hinausgegangen war, um zu telephonieren, wandte die Baronin sich an den Gärtner und sagte in einem weicheren, umschleierten Ton: „Jetzt, Beckmann, erzählen Sie mir 'genau, wie Sie meinen armen Manri gefunden haben."
Der Angeredete fuhr sich zuerst mit der Hand über den kahlen Kops, als wenn er eine Last sortschieben müßte, die dort bedrückend lag, und begann dann seinen Bericht: „Ja, Frau Baronin werden doch das Unwetter gehört haben in dieser Nacht. Mich hat es nicht: toieder einschlafen lassen; rck habe immer an mein Beet mit den Musas denken müssen^ ob-es die nicht ganz zersetzt hat. Und so bin ich denn gleich!
Uhr aufgestanden und habe mich angezogen Und bin hinaus gegangen in den Park —"
„Das alles weiß ich, das hat Rosa mir bereits erzählt. Wre war es weiter? Wie sind Sie hier in das verschlossene Zimmer gekommen?"
„Es war nicht verschlossen! Das war es ja, was mich so gewundert hat. Es war eben nicht verschlossen. Und ich habe das gesehen, wie ich so durch den Regen an der Terrasse Kj? 6 ! 6 ' ich so ganz von ungefähr hier nach dem
Schlosse herüber, und da steht unter all den fest abgesperrten Türen und Fenstern an dieser einen, einzigen Glastür der eine Flügel weit offen. Na, und weil wir doch gehört hatten, daß der Herr Baron verreist wären, hat mich das urn so mehr gewundert. Und ich habe mir erlaubt, näher heranzugehen —'" 0 ^
„Die Tür war offen, sagen Sie? Wirklich weit offen?"
. „Der eure Flügel, der mit dem Handgriff. Ich denke mrr, der Herr Baron hat ihn wohl nicht ganz fest genug zugemacht beim Hereinkommen, und in der Nacht hat ihn dann der Gewittersturm aufgerissen Und ins Zimmer hineingedruckt. Auch den Regen hat es ein Stück weit hineingetrieben, wie Frau Baronin dort noch auf dem Fußboden bemerken können."
„Und hat niemand vom Dienstpersonal meinen Mann gesehen beim Nachhausekommen?"
„Nein, soviel ich bis jetzt gehört habe, niemand. Mer wenn der Herr Baron einmal unvermutet von einer Reise oder ernem Ausflug zurückgekommen sind und haben sich nicht nnt dem Wagen abholen lassen von der Station, son- >ern smd zu Fuß den Richtweg durch den Park gegangen, dann haben der Herr Baron doch öfter schon die Tür hier wlbst aufgeschlossen und sind so direkt in das Zimmer ae- mngen. Besonders wenn es schon spät gewesen ist, und >err Baron die Mau Baronin nicht mehr stören wollten. Das ist doch in letzter Zeit namentlich ein paarmal vorgekommen, soviel ich gehört habe."
„Das ist richtig, Beckmann. Und wie haben Sie den Armen gesunden?" Bei diesem erneuten Ausdruck des Mitleides war wieder ein flüchtiger weicher Ton in ihrer Stimme doch kamen auch jetzt keine Tränen in ihre Augen „Auf dem Sessel dort vor dem Schreibtisch hat er gelegen, ganz hintenüber und mit herunterhängenden Armen. Und ich bin so furchtbar erschrocken gewesen, daß ick mir gar nicht zu helfen wußte. Und darin habe ich Licht gemacht und habe den Franz geweckt und —"
m Wie kommt es,"daß der Stuhl dort am
Boden liegt? Haben Sie ihn umgestoßen?"
., jßty Nein, Frau Baronin. Er hat schon gelegen, wie ick hrer hererngekommen bin. Es hat mich auch gewmckert. aber rch habe mir gedacht, Herr Baron haben sich vielleicht an dem Stahl halten wollen, wie ihm schlecht geworden ist und er hat ihn dann mit umgerissen."
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(Fortsetzung folgt.)
Rückblicke auf bas Wellkriegsjahr J9J5.
VIII. 1
Die Türkei im Kampf mit unseren Feinden.
1. Stand am Jahr esbegin n. ' 1
am 1 - November in Kriegszustand mil Sri* Preten war, wurde sie von diesen zunächst von Osten &et augegrrffeu, dre beiden im Lause des Jahres 1015 Aul
fKriegsschauplätze am ^nezkaual und namentlrch den Dardanellen kommen für das Vorjahr noch nicht


