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„ ^ So iSar er mit ^veiundzwauzig Jahren Gepäckträger am Bahrihof, fest an ge st eilt, schön, stark, mit guten blauen Augen, bald der beliebteste aller Kölle geil. Die Reisenden bevorzugten ihn, der Frohsinn seines Gesichts zog an. Und er liebte sein tätiges bewegtes Leben. - Freunde gewann er nicht, denn er liebte nicht ore üblichen Vergnügungen. Lieber wanderte er am Frei nachmittag über Land und freute sich der Natur.
.,. .Aber an einem nassen windigen Abend ereilte ihn sein Mannes- schickial. Da fand er auf dem Bahnsteig ein ratloses Mädchen in bäurischer Tracht und erfuhr, daß sie eben Waise geworden, aus ihrem Dorf komme, um hier ihre Stelle als Tienstmagd anzutreten Gerade begannen seine Freistunden, und so führte er sie nach dem Haus ihrer neuen Herrschaft. Er erfuhr ihren Namen, aber so scheu sah sie zu Boden!, jdaß er sich später umsonst ihrer Augen zu erinnern suchte. Johanna hieß sie, Johanna . . *
, YY "wer Wochen lang dachte er unaufhörlich an das stille angst- “ u “V.*S u P t lraf er sie. Aber da war sie schon nicht mehr schüchtern, lächelte ihn Mit braunen Augen an und war einverstandenem Sonntag mit ihm vor die Stadt zu gehen.
, Da hatte er nun sein Erlebnis! Das erste, das auch sein einziges bleiben sollte. • Alle vierzehn Tage holte er sie zu einem Spaziergang ab. Sie chatte lieber getanzt, aber er konnte nicht tanzen. Sehnsüchtig ging -sie an den Wirtshäusern vorbei, aus denen Musikklänge ertönten.'
.^.Gin Jahr später hielt er feierlich um sie an. Sein G-ehalt zwei. > Von seinen Ersparnissen konnte man sich Stube und Küche einrichten. Mebrigens hatte auch sie — was er gar nicht wußte — ein Sparkassenbüchlein.
Sie erschrak, als er ihr seine Liebe gestand, sie lief davon! Sie liebte ibn ja nicht. . . Vielleicht haßte sie ihn damals Das Leben, von dem sie träumte, war ganz anders . . >
dlber ftestaud allein auf der -Weit, und ihre Herrschaft redete chr zu Schließlich war er brav, nüchtern, gesund, sparsam. Und Wochen später als feine Frau mit ihm in die winzige hübsche Wohnung. . *
• a X it'r F Riefet Enge, unausweichlich nebeneinander, gerieten fte ms Elend des Herzens und der Seele. Er liebte sie mehr von Dvg zu Dag. Und sie haßte ihn, mehr von Tag zu Tag. Sie war überhaupt nicht für Ehe und Mann geschaffen. Sie wollte Arbeit und dann Vergnügen, ein derbes harmloses Vergnügen: Bier Musik, Tanz; dann heimgehen, schlafen und erwachen zu Woche Arbeit. Zartheiten des Herzens, Schönheiten des Geftcht^log' ^ mX ^ ^äderliches, madonnenhaftes
Aber sie war aufrichtig, sie gestand es dem Mann. Oder die Abneigung war zu groß, um verborgen zu werden. Nun saßen Ue beide m dem kteineil Sofa, jeder in einer Ecke, und starrten in das furchtbar verwickelte Leben. Er liebte sie doch! Mit jedem Tropfen Blut jeder Faser Fleisch und Nerv. Uiid sie schauderte vor ihm zuruck . . . -
Unergründliches Rätsel! Es gab keinen bessere Mann, keinen treuer Liebenden — aber sie liebte ihn nicht ...
Em Jahr lang schleppten sie diese Ehe mit sich. Endlich glaubte der Mann einen Hoffnungsschimmer wahrzunehmen: seine Frau veränderte sich — wenn sie Mutter würde? . . . Aber che er U..E) fragen oder es sicher raten konnte, war sie verschwunden. .Plötzlich, emes Tages, spurlos . . .
h, tyFV 11 ? 16 9* achtete den Willen des Menschen. Sie
wollte fort - also mußte er fte lassen ... Er wartete ein Jahr rn der kleinen Wohnung Tann gab er sic auf, verkaufte die Möbel
SW™ 1 ' w o 2£ Schlafstelle bei alten, stillen, fast tauben Leuten. Uitb da? Leben, das nun wieder so emsetzte, tvie er es vor seiner Liebe geführt, ging fast dreißig Jahre ungestört dahin.
Zweimal erschütterte ihn etwas. Einmal, zwei Jahre nach der Flucht semer Frau erreichte ihn das Gerücht, daß sie in einer nahen Stadt lebe Sie solle einem Kinde, einem Knaben das Leben gegeben haben, der nun schon anderthalb -Jahre alt sei, und sich Uno ihn durch Waschen und Bügeln erhalten }
Ein Kind von ihm . Er erriet sie. Des Kindes wegen chm gegangen, fte wollte nichts mit ihm gemein haben Gewiß liebte fte das Kilid, und sie konnte es nicht mit dem Manne Ä”; Kuller arbeitete §ie allein dafür, nur nicht mit deni Ver- ^ßten zusanunenleben! - Er verstand das. Trotzdem fuhr er m die Stadt hinüber. Sie hatte seinen Namen nicht abgelegt Er fand ihre Spur, aber er hörte, daß sie unlängst die Stadt ve^>
sifgm^daff?s^such"^^' mi>m fl£ fitf> flC ' ünnW - m mtt
. Sein Kind! Er liebte es. Er liebte ja auch die Fraii noch erstand fern ***** Glück, das wahrhafte Leben -
Und noch einmal, zehn Jahre später, erzählte ihm jemand aus der ^--tadt, er hätte in Berlin seine Fmu gesehen an der ^^cd emen großen schlanken Jungen, beide einfach, aber sauber gekleidet, mit frohen Gesichtern, wohlgemut und gesund.
ood Ä» Nachten schlief er nicht. Er hatte das Recht
Und du. .Nacht, beide zurückzuholen. Aber — ivußte sein S-Nn» überhaupt von ihm? Vielleicht hatte feine Mutter ifim erzählt fern r I ei Und gab es überhaupt ein Recht auf
einen Menschen? Ist nicht jeder frei? Nicht einmal Liebe darf
!reie^Wabl^und"A ^r Liebe mit) Gegenliebe, also
föteixf 1 b ^Ebestlmmung darf zwei Menschen zusammen-
Aber demnach fuhr er zweimal nach Berlin und ging durch die große ^tadt, irrte durch alle ihre Quartiere. Nur einen Schimmer der beiden sehen, die geliebte Frau, den unbekannten Sohn . Er traf fie niemals. Er kchrte heim. Aber den alten Frieden fand er nicht wieder.
So alterte er. Er lvurde früh grau, aber er blieb gesund und stark, war immer freundlich, nur still tvurde er, ganz still, lebte für sich, grübelte Mel, las Bücher über Leben und Tod nrrd wurde em schöner, gütiger, alter Mann. Von Frau und Kind hörte er me mehr etwas.
V «f fünfuNdfünzig Jahre alt tvar, brach der Kric^ aus.
ausziehen, dreinschlagen! Sein Heldenblut erwärmte sich. Er hatte wie ein Held das Unglück getragen, nun wollte er auch sein Leben ausnützen, es hingeben als negen für die Heimat. ' a
nad -> Berlin, wo der Sohn seines alten Hauptmanns nun selber Hauptmann war, im gelben Garderegiment. Zu dem drang er vor, wies seine starken Glieder, Mies errötend die Rettungsmedaille und -erreichte es, daß er sofort als Unter- offizier mtt hinaus konnte.
Schon bei Lüttich war er dabei! Er tvar der älteste Unter- JJJff .Ff und der tapferste. Ein langer grauer Bart
P„ U T r. überragend, sah er wie ein guter Geist auS,
d r das Heer begleitete. Der Tod scheute ihn. Die Kugeln streiften ihn nur, schlugen keine tiefen Wunden in sein stahilhartes Fleisch.
sKen der Jüngste. Er war der Unermüdlichste, der lauteste Sauger. Ganz verwandelt sprühte er von Witz und guter Laune. Mit einem Scherzwort ritz er die ganze Kompagnie zusammen. „Vater" riefen ihn die Soldaten Es war ein Lrebeswort.
. Per manchmal, nachts, saß er im Unterstand und sann^
Sohn? . war er auch im Feld, in der Schlacht? und sorgte sich die MiUter daheun um ihn? Waren sie vielleicht schon auf derselben Straße marschiert? . . .
, Er kam nach dem Osten und wieder nach dem Westen. Ein Krieas-
jahr war um. Zwei, Kreuze hatte sich der alte Soldat ver-
fÄ*® 111 !; 1 ! l a ? €r r kämpfte bei Sonchez in den Höllen-
schlachten, blutete, lachte, stiirmte alken voran.
An einem Wend mußte sein Bataillon plötzlich aus dem Quartier, um rn em lvüstes Gefecht entscheidend einzugreifen. Die Franzosen gmgen mit verzweifeltem Mute vor. Beim Sturm' verlor der alte Soldat seinen Helm. Sein langer Bart das ge-
rtvrlvf 10 wrp^rc a 11 ® 9 raiie Flammen aus seinem glühenden Gesicht. Als Erster erreichte er den Hügel, um den der Kampf ging., Und er sah zrver Franzosen, die mit ihren Gewehrkolben aus einen Deutschen emdrangen, der gestolpert war. Er schlug sie nieder, ems, zwei, ganz schnell, so aus dem Handgelenk. Indessen sprang der deutsche Soldat auf. Der Alte sah ein ernstes, braunes Mannesgeftcht, aus dem ihm etwas Wunderbares grüßte nm "^^k, Kamerad!^ rief der andere und drang vor. Ter Alte blieb ber chm. ,^)chon wich der Feind, floh, schoß zurück.
Aus den französiechen Stellungen klap^ perten die Maschinengewehre. Nieder! DieÄellung war behauptet In die Graben zuruck. Aber ehe 'fie untertauchten, reckte sich der ^.A^bF^braune Soldat mrf und drohte, vom Zorn überwältigt, hm,über zum Feind. Da warf ihn der Mte uni Er wußte,
tr A f iw. Sn die Brust, ins Herz. Er war sofort tot,^der andere lebte ... *
•w m e L ea ^ Qt k bnil x er ^^imal das Leben gerettet hatte, begrub M selbst Er staunte: das Namenstäfelchen auf der Brust des Mten zeigte den Namen, den er auch trug. Aber er wußte nicht, baß es sein Bater toar, der für ihn gefallen . .
H nnte Ä ^nmal seiner Mutter davon berichten, denn er hatte keine Mutter mehr . .
on. ^ //Sie einen Kran; ans das Grad sm,eS Lebensi-etters. Ahnungslos stand er am Grabe des Baters. Und doch — war das Leben, dieses alten Krlden nicht wunderbar erfüllt, reich ui-ch chon? Kommt es darauf an, zu wissen? In einer höheren L-sb dar man diesen Mten, da er starb, glücklich nennen! ^vein Leben war Segen gewesen.
Rückblicke aus ba§ welttriegsjahr sys5.
v.
Die Eroberung Westrußlauvs.
b. Von der Eroberung. Warschaus (5. August) bis zum Fall von Wilna (18. September).
Eroberung Warschaus fängt abermals ein neuer Krngsabschnitt an. Aeußerlich prägt sich das schon in einer Neu- emteilung der gewaltigen im Osten fechtenden Truppenmassen ?.!A Bdahiil wurde immer nur von einem nord- und einem ftwostlmien, Kriegsschauplatz gesprochen. Von jetzt ab tritt eine Scheidung m vier voneinander unabhängige Befelüsbereiäie ein.
Zusammenfassung der in einem jeden dieser Best'd»eereiä'e ranlpfenden Truppen wird die bisher unbekannte Be^-ick-nnng "Heeresgruppe" gewählt. Die nördlichste dieser Heeresgruppen steht unter Hmdenbnrgschenl Oberbefeh!, daran schließt sich eine neugcblldete unter dem Prinzen Leopold von Banern ei-ee.. nördlich und südlich von Warschau), darauf folgt im südrftl'en Polen die Heeresgruppe ÜNackeusen und hieraus in Galizien der


