Ausgabe 
30.12.1915
 
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schwören, und !vir haben den Weg ins neue Jicchtr zusammen sehr freundschaftlich und vergnügt angetreten, auch das zu beschwören wird-sich keiner von uns beiden je weigern. Wir beschwören aber auch in der heiteren Stimmung der Stunde, daß wir beide, wohin einen jeden von uns auch, die Zukunft auf ihren Mügeln führt, immer um die Wende des Jahres einer nach dem andern forschen wollen, ob der andere nicht in der Nähe sein möchte, so daß wir wieder Zusammen in des neuen Jahres erster Stunde unsere Freundschaft füreinan­der erneuern und befestigen können. Es soll wenigstens jeder aehalten sein, bei dem Einwohnermeldeamt des Ortes, in dem er sich befindet, oder des nächstgelegenen Ortes, wo Ln der Welt es auch sei, Nachforschungen nach dem andern KU halten und nicht nachzulassen, bis er einen bestimmten Bescl)eid (ja oder nein) erhalten hat, sonst kann ifym zur Strafe im neuen Jahre der andere, eine Buße auferlegen, die ganz in seinem Belieben steht und die nie verfallen soll.

Bor Zeugen in zwei Exemplaren aufgesetzt, vorgelesen, genehmigt und beiderseits unterschrieben!

Sascha Nebadzew. Martin Martens. Hexentanzplatz, am 1. Januar 1914.

'Famoser Gedanke!" sagte der Oberleutnant. ,Lch wollte jetzt, ich hieße Martin Martens. Aber erlauben Sie mal, mein gnädiges Fräulein: Haben Sie denn nun auch am 1. Januar 1915 vorschriftsmäßig Nachforschungen an gestellt?"

Sie reichte ihm ein Papier über den Tisch.

Das ist ja Russisch!" rief er erstauirt.

Beglaubigung des Polizeipräsidiums in Charkow, daß ich an jenem Tage dort nach Martin Martens geforscht habe. Es hätte mir beinahe meine Freiheit gekostet, denn sie argwöhnten, ich sei eine Spionin in deutschen Diensten."

Er sah sie voll an.Na, wenn Ihnen de!r Gegen­kontrahent so teuer ist, muß ich wohl meine Weisheit aus^- kramen. Also Martin Martens, Maschinistenmaat, ist zur­zeit nach der schweren Strarrdbatterie X abkommmrdiert Voriges Jahr war er jedenfalls aus hoher See oder bei Ostende da herum. Diesmal haben Sie ihn ja nun näher "

Sie wich errötend seinem Blicke aus. Aber dann erhob sie sich und schaute ihn mit ehrlichem Bitten an.Wie kann ich ihn sehen? In der Neujahrsnacht! Bitte, geben Sie mir ehxen Rat!"

Nun, ich meine, wenn es dem Maat ebenso ernst darum ist wie Ihnen, so wird er doch den Weg nach Libau finden. Er weiß doch, daß Sie in Libau wohnen."

Aber er kennt meine Adresse nicht. Wir haben uns doch nie mehr gesehen oder geschrieben. Es kam doch auch der Krieg dazwischen. Vielleicht hat er mich überhaupt ver­gessen ..."

. Kann man dich je vergessen? dachte der Oberleutnant bei sich.

Ich möchte ihn überraschen!" sprudelte sie heraus, r. n, ttes willen! Da werden Sie sicher vom erst­

besten Posten festgestellt, mein Fräulein."

,L)as wäre das Schlimmste nicht, denn auf diese Weise sehe ich ihn doch wenigstens. Und wenn man mich hierher- brlngt, nicht wahr, Sie legitimieren mich?" Sie hob bittend die Hände zu ihm empor.

Auch er war aufgetzanden.Das ist alles ganz schön Ächt wa?r?"N^t' ^ an flößte den Maat einfach herzitieren,

"^ u f.J e j ne c n geht doch wider die Abrede."

rJtcl 1 *' 1 ®' '/d?. ^ Wenn er kein dummer Kerl ist, wird er sich schon auf die Strümpfe machen. Es ist ja auch noch drei Tage Zeit, warten wir es ab!"

Sie ging. Kam nach drei Tagen wieder, im Abend­dämmern. Die Deutschen waren in froh-wehmütiger Sil- vesterstimmnng. Da bat sie den Oberleutnant, er rnöge ihr ^^?-^vEEmandanten einen Passierschein zur Strand- ausmachen. Der Kommandant machte große Augen, horte interessiert zu und sagte schließlich gutmütig Ja, aber es gab noch viel Lauferei und Rederei am Fern­sprecher mit dem Abschnittskommandanten, dem die Strand- batterie X unterstand. Ein Posten sollte sie hinbringen. Der <? ie l UT L ben f{o0e ] T ' Mitternacht nahte.

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Ne Stunde war sie gewandert, als sie ein Posten an- hielt. Es war ein urgemütlicher Bayer, aber er ließ sich auf Nichts em Schmunzelte zwar, als er die Papiere, die Abrede auf dem Hexentanzplatz las, und erklärte bann: sind

ja vielleicht gar so a Spionin, wott'n uns halt den Maat wegkapern. Dös gibt's nimmer. Mitgegangen wird, i bittt schön!" Schulterte sein Gewehr und Paschollte immer brav neben ihr her.

Wohin führen Sie mich beim jetzt?" fragte sie ängst­lich, iNimer noch hoffend.

Werden's schon schauen. Zur Strandwach'."

//Gehört beim die Strandwache zur Batterie X?"

Wie oaner's halt nehmen will." Und der Bayer blickte schmunzelnd auf ihre verhüllte, schlanke Gestalt, auf die schmalen Füße, brummelte etwas in seinen Bart.

Sagten Sie etwas?" ' ' ,

Nit grad."

. . ^ie liefen fast, sahen Schatten auf den Dünen, ein Haus, in den Sand hineingewühlt.

Waffen blitzten. Rufe schallten.

A Weibsperson als Gefangene einbracht!" meldete der Bayer laut in die Nacht. Da erhob sich ein Hallo in der; dämmernden Wachtstnbe. Und eine Uhr schlug. Nun schwiegen sie alle still und blickten sich an. Fern hallten die Glocken von Libau, klangen das neue Jahr ein.

arx Mannschaften standen stramm. Und der

^ochthabende trat'aus seiner niederen Stube unter sie. Der volle Lichtschein fiel auf ihn. Ein schmucker, schlanker Maat mit keckem blondem Bärtchen. Er stand erstaunt vor der Ver­mummten.Guten Abend und gutes Neujahr, Maat Martin Martens!" Sascha Nebadzew schob den dichten Schleier bis zu ihrer Pezkapuze hinaus und streckte ihm beibe Hänbe hin.

. t ^ie ist's leibhaftig, wie in dem Zettel steht, das Neu- iahrskiild für den Herrn Maat!" Der Bayer schob sie lachend naher.

Martin Martens wußte vor Ueberraschung nicht, was er zuerst tun sollte. Er trat auf sie zu, streckte ihr beide Hände hin, nötigte sie in die Wachtstnbe.

< . /Hatt!" rief sie streng.Zuerst, Herr Maat, bestehe ich' wie Shylock auf dem Scheine, den ich habe. Wer hat nun nach dem anderen geforscht und nicht nachgelassen, bis er einen bestimmten Bescheid hatte?"

Fräulein Sascha! Sascha, liebste, teuerste Sascha!" stammelte er.Ich bin weiß Gott auf dem Einwohnermelde­amt m Libau gewesen, aber sie wollten mir keine Auskunft geben. Es gab so viel Scherereien . . " c. "3£r mich auch. Aber nun bin ich hier des Jjahlres

erster Stunde. Sie wissen doch die Buße?-"

Bestimmen Sie ganz über mich. Sascha!" Er küßte ihr die Hände, chäl^ ihre geliebte, schlanke Gestalt ans den Pelzen. Dre jähe Freude hatte ihn wie ein Rausch ergriffen.

Muß dös nöt telepwmiert werden an den Abschnitt?" fragte der Bayer in der Tür.

Ist alles schon geschehen, gilter Mann", nickte ihm haltem"^ nun h^r. Jetzt müssen Sie mich be-

Sascha! Ob ich dich behalten will?" Marttn Martens nahm sie in dre Anne und küßte sie auf den Mnrrd, stürmisch wie em verliebter Junge.

Du wirst doch eigentlich gar nicht mehr gefragt," sagte sie und entwand sich chm. ' ö

Draußen standen die Matrosen und horchten verdutzt dem Bayern zu, der ihnen den Schein vom Hexentanzplatz aus dem Gedächtnis wiederh-vlte. W ß

r is tyalt a g'spaßiae G'schicht', nöt? Sott einer

sage, daß der liebe Gott döö nit kreuzbrav g'macht hat. Aber nn woll n mir amol allesamt den Herrn Maat hvch- leben lassen, daß er was spendiert. J

, Und's neue Jahr! Oes soll leben. Und^ uns bald hermbrrngen zu unsernl Weib!"

Und die Deutschen auf Wacht am fernen Meer, in- mitten dre junge Lrbnnerin, die das mutige Herz zum Liebsten hmgefnhrt hatte, sie jubelten dem kmumeiiden Jahre zu, von dem sre beit Frieden erhofften.

Rückblicke auf dar welttriegrjahr ^9^5.

iv. »

Die Eroberung Westrußlands, a. Vom Tunajec-Dnrchbruch bis zum Fall von Warschau. .. 1. Bis zur Wiedereroberung von Przemysl.

K dem ungeübtesten Laienauge wird die Größe der mit

dem Dunaiec-Durchbruch erreichten taktischen Leistung völlig klar,-