Ausgabe 
30.12.1915
 
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Die Buße.

Eine lustige Silvestergeschichte aus dem Osten.

.Von Paul Burg.

(Nachdruck verboten.)

" . 8n den Tagen zwischen Weihnacht und Neujahr er­schienen auf dem Kaiserlichen Polizeipräsidium in Libau zwei seltsame Besucher, und zwar erstlich, an einem grauen, kalten Vormittage eine junge, sehr hübsche Dame, die, in dicke Pelze vermummt, auf schmalen Füßen zur Tür hereintrippelte. Sie fragte auf gut Deutsch und geradewegs nach dem Maschi­nistenmaat Martin Martens, ob er in Libau aufhältlich sei und wo. Man war über diese Frage einer Einheimischen zwar erstaunt, verwies die rassige junge Schönheit aber kurzerhand an die Kommandantur, welche allein über milü tärische Personen Auskunft geben könne. Und dort nahm sich denn auch der diensttuende Oberleutnant die rätselhafte Fragestellerin gründlich vor, konnte aber nicht viel aus ihr herausholen. Erst als er versprach, bis zum andern Tage in den Listen sorgfältig nachzusehen, taute auch sie auf und ver­hieß, daß sie dann schwarz auf weiß ihre Beweggründe bei- bringen werde.

Und gleichen Tags suchte ein schmucker, schlanker Maat die Straßen und Gassen in Libau auf und ab nach dem Ein­wohnermeldeamt, von dem man ihm gesagt hatte, es sei im ersten Stockwerk des Kaiserlichen Polizeipräsidiums. Aber eben dies Polizeipräsidium war reinweg nicht zu finden. Und der Maat hatte wenig Zeit. Endlich stand er vor dem ganz versteckt uno tief in der Stadt liegenden kleinen, weißgetünch­ten Neubau, der wie ein Theaterchen anmutet, erstieg schnell die breite Treppe und erkundigte sich im Einwohnermelde­amt, ob in Libau eine Dame namens Sascha Nebadzew noch anwesend sei, oder ob sie etwa vor der Einnahme Libaus durch die Deutschen mit ins Landinnere geflohen sei.

Dann wäre die Dame gewiß auch schon wieder hier, denn die meisten Flüchtlinge sind nach dem Fall der Festun­gen landeinwärts hierher zurückgekehrt und sind heilfroh darüber."

Der Maat nickte und wiederholte seine Frage nach der jungen Dame. Aber der Beamte erklärte ihm:Ohne aus­drückliche Erlaubnis der Kommandantur muß ich Ihnen eine Auskunft auf Ihre Frage verweigern. Also lassen Sie sich erst von Ihrer Vorgesetzten Dienstbehörde das Recht zu der Frage geben. Aber wenn Sie die Adresse der Dame wissen, ist es doch das richtigste und einfachste. Sie gehen hin und fragen an Ort und Stelle nach ihr."

Ja, freilich. Aber ich weiß doch ihre Adresse gar nicht." Der Matrose kratzte sich den Kopf und ging.

Scheint mir eine seltsame Geschichte!" murmelte der Beamte hinter ihm her. Das hörte der Maat, wandte sich auf der Schwelle und nickte, lächelnd:Ja, höchst seltsam ist die Geschichte."

Dann machte er sich, weil er fast seinen ganzen Stadt­urlaub wegen dieser dummen Fragerei verlaufen hatte, wie­der auf den Weg zu der ein paar Stunden entfernten schweren Strandbatterie, zu der er letztens kommandiert war. Seinen Vorgesetzten den Fall unterbreiten, um Erlaubnis fragen... das schlug er sich schnell aus dem Kopfe. Soviel Wert hatte schließlich die ganze Geschichte nicht. Es war überhaupt Un­sinn, daß er sich noch darum bemüht hatte. Man hatte sich lange genug das Herz schwer gemacht mit dieser aussichts­losen Liebschaft . . .

Aber die Fragerin nach dem Maschinistenmaat Martin Martens erschien andern Tags zur Stunde wieder auf der Kommandantur, und der diensttuende Oberleutnant empfing sie mit höflicher Nengierde.' Er sagte, er habe nachgesehen und den Gesuchten in der Tat gefunden . . . aber erst müsse sie sich und ihre Frage hinreichend legitimieren. Er bot ihr einen Stuhl an und lehnte sich selber bequem in seinen Sessel zurück, denn interessant würde die Geschichte aus alle Fälle werden, vielleicht sogar ein bißchen gefährlich. Man konnte nie wissen . . . Und schön war diese junge Liebauerin, beim Himmel!

Er staunte noch mehr, als sie jetzt ihren Pelz öffnete, denn es war sehr heiß in dem Amtszimmer, und ihre schlanke, elegante Figur, ihre überaus gewählte, aber schlichte Kleidung sichtbar wurde. Donnerwetter nochmal! Und ein unverhohle­nes Bewundern sprach aus seinen Blicken.

Die junge Dame, ihrem Handtäschchen einige Papiere entnehmend, unterbrach ihn in seinem bewundernden Stau­nen:Darf ich jetzt-?" Em lächelnder Blick traf

ihn.Ich bin Sascha Nebadzew, hier ist mein Geburtszeugnis und hier mein Paß, wie ich ihn jedes Jahr nach Deutschland benutzte. Hier ist auch rnein Zeugnis über eine bestandene Prüfung am Leipziger Konservatorium und hier zwei Emp­fehlungsschreiben nach Dresden. Dort habe ich jeden Winter gelebt und konzertiert . . ."

Gnädiges Fräulein kennen Dresden? Das ist meine Vaterstadt! Bitte, zeigen Sie die Briefe nach Dresden!" Der Oberleutnant streckte interessiert die Hand über den Tisch, überflog die Schreiben und nickte.Das reicht hin, Sie als unverdächtig erscheinen zu lassen. Sie haben bei Frau von G. und Kommerzienrat R. verkehrt? Das ist prächtig, davon müssen Sie mir erzählen, mein gnädiges Fräulein!"

Bitte, erst, nachdem ich Antwort auf meine Frage habe. Also hier ist das Corpus delicti. Die Schrift ist nicht gut leserlich, deshalb darf ich vorlesen,' ich kenne den Text... ich kenne ihn," verbesserte sie sich errötend.

Er lauschte ihr entzückt, blickte in das zarte, vornehme Künstlergesrcht, während sie folgendes vorlas:

Wir Unterzeichnete, Fräulein Sascha. Nebadzew aus Libau in Kurland und der Kandidat des Maschinenbaufachs an der Technischen Hochschule zu Dresden Martin Martens, einander bekannt seit längerer Zeit, haben uns hier oben auf dem Hexentanzplatz im Harze ain Silvestertage zufällig zu- sammengefunden. Zufällig, das sind wir beide bereit, zu de-