Ausgabe 
27.12.1915
 
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Wie aus einem Weihnachtsbaum zwei wurden.

Von 'Mfred B r a t t.

(Nachdruck verboten.)

Tie beiden deutschen Schützengräben lagen weit vorgeschoben * irgendwo im Westen, ein schmales Flußbett trennte sie von­einander. Ter Zufall hatte -es' gewollt, daß diese Heiden nach­barlichen Gräben von je einer Kompagnie zweier verschiedener Regimenter besetzt waren. In dem einen Graben lagen Berliner, in dem andern Bayern.

Im Laufe des inonatelangen Nebeneinanderliegens Und Nebeneinanderkämpfens hatte sich zwischen den beiden Jnsanterie- abteilungen ein eigenartiger Zustand wetteifernder Rivalität ent­wickelt, der zu den Merkwürdigkeiten gehörte, denen man im Felde so häufig begegnet, und die keine noch so erfinderische Phan­tasie der zu Hause Gebliebenen auszudeuken vermöchte. Trotz der intimen gegenseitigen Nähe der beiden Gräben führte die Besatzung jedes einzelnen sich als eine durchaus selbständige Einheit. Ter trennende Lauf des Flüßchens, die Verschiedenheit der Regiments­zugehörigkeit und das Bewußtsein, einsam auf vorderstem ver­antwortungsvollstem Posten zu stehen, hatten in den beiden Kom­pagnien ein ebenso merkwürdiges wie unterhaltsames Konkurrenz- gefühl entstehen und erstarken lassen.

Jeder Graben beanspruchte für sich den Ruhm und die Ehre- dieses einsame Eckchen der Riesenfront zu besitzen und zu ver­teidigen. Wenn die einige Kilometer weiter rückwärts liegende jArmeeleitung von diesem stumm!en, edlen Wettstreit gewußt hätte, wäre ihr Erstaunen über die verhältnismäßig außerordentliche Menge Mchnition, die dieses Häuflein auf dem Guckaus des Kampfabschnittes verbrauchte, sicherlich weniger groß gewesen. In jedem Graben zählte man -eifrig die Schußzahl, die von der kameradschaftlichen Konkurrenz abgegeben wurde. Und da man in den beiden Gräben keineswegs bloß nicht hinter den Genossen zurückstehen, sondern sie ständig an Kampfkraft und Leistungs­fähigkeit, an Wachsamkeit, Mut und Ausdauer überbieten und übertrumpfen wollte, pulverte man rechts und links des Wasser­laufes drauf los, was das Zeug hielt.

Es braucht wohl nicht gesagt zu werden, daß dieser deutsche Wettkampf für die gegenüberliegenden Franzosen eine Ursache ständiger Beunruhigung^und Schwächung, und somit ein außer­ordentlich patriotischer Sport war. Wehe dem Franzmann auf der andern Seite, der es wagte, sein käppigeschmücktes Haupt über die Unttvallung des französischen Grabens zu erheben; so­fort hatten die Berliner längs des Wässerchens und die Bayern rechts des Wässerchens ihn aufs Korn genommen, da jeder Mann seiner Mteilung den Treffer sichern wollte.

So waren denn die Mannschaften in den beiden deutschen Gräben nach zwei Seiten hin beschäftigt: das eine Auge rich­teten sie auf den Feind, das andere auf die bayerische oder um­gekehrt berlinischeKonkurrenz", um nur ja keine Nasenlänge an Tüchtigkeit zurückzubleiben.

Zwischen den Deutschen und Franzosen streckte sich eine kahle Lichtung, geschmückt durch einen einsamen Baum, der sich genau in der Mitte des Feldes erhob. Es war eine Tanne. Zwerg haft> verkrüppelt und armselig: aber imUterhrn ein echter Tannenbaum! Mt einem dichten Wu.chS von immergrünen Nabeln,

Und wie aUes auf diesem kleinen Fleckchen Erde, das nur ein winziger Miniatur-Abschnitt des unendlich gedehnten Kriegsge- bietes war, auf sonderliche Art settre eigene Bewandnis hatte, so war auch der ärmlichen Tanne ihr eigenes Schicksal zu eigen. Ta der Abschuß des herausfordernd einsanl stehenden Bäumchens ein weithin sichtbarer Und nicht zu leugnender Triumph für die Partei des glücklichen Schützen gewesen wäre, hüteten sich die klugen Bayern, das Bäumchen unter Feuer z'u nehmen, um nicht ein so­fortiges Geknatter der Berliner nach dem gleichen Ziel heraus­zufordern, was wohl das selige Ende des Baumes, zugleich aber eine nicht zu entscheidende beiderseitige Inanspruchnahme des Schützenkunststücks zur Folge gehabt hätte. Und da die klugen Berliner ganz genau so dachten, wurde der Tanne deutscherseits kein Leid getan. Die Franzosen wiederum, die der ohnedies großen: Offensivlust ihrer Gegner nicht unnötige Nahrung 'geben wollten, verzichteten gleichfalls darauf, das Feld mit Llbsicht seines Bau-» mes zu berauben.

So kam es, daß die Tanne zwischen den feindlichen Linien Un­beschädigt ihr Dasein genoß, bis ja, bis die letzte Nacht vor Weihnachten auch sie die Vergänglichkeit alles Irdischen lehrte.

Und das geschah folgendermaßen.

Der Gefreite Meyer im Berliner Graben nährte heimlich einen ebenso ehrgeizigen wie kühnen Plan, der, aus einem sehr na­türlichen Empfinden der Stimmung der sich nahenden Weihnachts­zeit entstanden, sehr schnell die Gestalt eines festen Entschlusses annahm. Wohl waren die Berliner und die Bayern durch die Feld­post aus der Hemmt mit einer reichlichen Anzahl kleiner Weih­nachtsbäumchen bedacht worden. Aber diese Bäumchen, deren von den unerbittlichen Feldpostverhältnissen gefordertes allzu kurzes Format wir aus den Schaufenstern unserer Lebensmittelgeschäfte, Zigarren- Und Schokoladenläden kennen, diese Bäumchen, die naturgemäß nur als eine den Weihnachtspaketen beigefügte Kost­probe unseres ausgewachsenen Christbaumes gelten können, genüg­ten keineswegs den Fe stesan sprächen des Berliner Gefreiten Meyer. Er wollte für seinen Graben kein Symbol, sondern einen wirklichen, sozusagen erwachsenen Christbaum haben. Und für die­sen Zweck hatte er die bereits besprochene einsame srairzösische Tanne bestimmt.

Ein eigens einberufeuer Kriegs rat der Insassen des Berliner Schützengrabens billigte den Plan mit umso größerer Genug­tuung, als damit die Gelegenheit gegeben war, die nachbarlichen. KoUogen Und Rivalen in hervorragender Weise zu übertrumpfen.

Die Nacht zum vieruudzwanzigsten Dezember hatte sich über den Ort der Begebenheiten herabgesenkt. Hüben und drüben herrschte Totenstille. Die weihnachtliche Stimmung ließ die Gewehre der Deutschen schweigen, und wie dies im langwierigen Stellungs­krieg ja so oft der Fall ist: auch der Gegner verhielt.sich vollkommen ruhig. Es war so sttll, daß man durch das Dunkel der von dichten Nebeln verhangenen Nacht die dumpfen Turmuhrschläge 'der Kathe­drale eines fernen ftanzösischen Städtchens herhalken hörte. In dieser Nacht nun stieg der Gefreite Adeyer, mit einer Pioniersägie bewaffnet. lautlos und geduckt aus dem 'Schutze des Grabens. Gr legte sich auf die kalte jEtde und kroch vorsichtig auf alleUt Vieren der einsamen Tanne zu. Alle Gefahr schien zu schweigen. Keine feindliche Leuchtkugel erhellte den schützenden Mantel der Nacht. Ein den Nebel durchwehender kalter Wind hatte sich soeben aufgemacht und erfüllte die nach Schnee riechende Luft mit einem ganz leisen, schwirrenden Sausen. Der Gefreite Meyer kroch un­entwegt vorwärts; mit dem sicheren Instinkt des seit Monaten