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mußte sie stark sein. Sic konnte ihn nicht den: Tode abringen, aber sie konnte ihm seine Schmerzen und sein Sterben erleichtern. Ihre Erfahrungen bei dem armen Huber kamen ihr statten und das Mutterauge wußte jeden Wunsch, jede leiseste Regung in der Seele ihres Jungen zu lesen und das war gut, denn ec sprach so leise, daß sie ihr Ohr ganz nahe an seinen Mund bringen mußte, um ihn verstehen zu können. Liebe Freunde, die er durch seine Studienzeit in der Stadt hatte, brachten ihm täglich Blumen und allerlei leichte, zarte Leckerbissen, und für alles -war er rührend dankbar. Sein Haupt, das still und geduldig auf dem weißen Kissen ruhte, war schöner als je. Tie blonden Locken um- rahmten ein bleiches Antlitz, aus dem seine tiefblauen Augen förmlich verklärt herausschauteu.
Ter Arzt glaubte, daß Walter sich immer noch, fest an das Leben klamnrere, die Mutter aber hatte den Kampf um Resignation in ihres Sohnes Seele gefühlt. Eines Tages bat er sie, ihr doch noch einmal den letzten Brief von Franz vorzulesen, wenigstens dm Anfang. Sie tat es, und als sie an die Stella kam: „Sollten auch ich oder Walter durch den Tod unsere Treue gegen das Vaterland besiegeln, so wissen wir, wofür wir sterben", da sah er die Mutter mit seinem lieben, schmerzlichen Lächeln an und flüsterte: Ich habe Kinder so lieb und wollte ihnen mein Leben weihen — dann brach er ab, die Mutter aber sah ihn innig an und sprach: „Ja, grein goldiger Junge, für die Kleinen, die du so liebst, hast du dein großes Opfer gebracht." Er nickte leise, ganz leise, die Tränen flössen ihm aus den Augen, bie Mutter trocknete sie linde und beide wußten, sie hatten sich verstanden und trugen zusammen ihr großes, unsagbares Leid. -- Daß er, der alle Qualen so geduldig erlitten, endlich sanft einschlummern durfte wie ein müdes Kino, war der armen Mutter ein großer Trost. Pastor Ulrich holte die Leiche heim^ und neben dem vorangegangenen Vater fand dieser letzte der Söhne seine - Ruhestätte.
Tic ganze Pflege hatte Frau Wiegand üb erstanden, ohne zu- sammmzubrechen. Als sie aber in ihr einsames Haus zurückkam, da erschrak Marie über den Ausdruck ihrer Herrin. Aus dem wachsbleichen Antlitz blickten die großen braunen Augen fragend, wie in weite Ferne gerichtet, und um ben Mund lag ein Zug, als ob er nie Meder lächeln könne. Und so blieb es durch Wochen und Monde. Die Leute aus der Stadt brachten heimlich Marne allerlei gute Sachen für ihre Herrin, aber dieser selber gingen sie aus dem Wege. Sie hatten Scheu vor dem übermenschlichen Leide. Pastor UlrW und der Oberarzt kamen öfter, aber sie sprachen wenig. Frau Wiegands täglicher Gang war auf den Friedhof, der nicht weit von ihrem Haufe war. Hier traf sie eines Morgens mft Margret zusammen, die an Watters Grab kniete und bitterlich weinte. Dieser jugendliche Kummer drang in das Herz der Mutter, sie schloß Margret in ihre Arme, und zum erstenmal flössen auch ihr die erlösenden Tränen.
So war Weihnachten he ran gekommen und immer noch war Frau Wiegands Antlitz wie aus Erz gemeißelt. Pastor Ulrich tat das Herz weh, und er zermarterte sich in dem Gedanken, der armen Mutter einen kleinen Trost zu spenden an diesem ersten Heilig- Abend nach all den furchtbaren Schicksalsschlägen. „Herr Gott, hilf mir, ich weiß mir keinen Rat", seufzte er, als er sich immer gleich hilflos fühlte. Frau Wiegand hatte Marie vorgeschlagen, in die Christmette zu gehen. Marre verstand den Wunsch der armen Mutter, an diesem Abend allein zu sein. Sie versprach zu gehen, sorgte für ihre Herrin und ging dann ganz leise in ihr Stübchen und schloß die Tür hinter sich zu.
Frau Wiegand aber schloß die Läden und zog die Vorhänge zu. Sie wollte nichts sehen von Christbaumglanz — sie hätte am liebsten die Weihnachtsglocken angehalten —, nur allein sein, ganz stille an diesem Abend, der sonst der schönste des ganzen Jahres für sie gewesen war. So saß sie im Dunkel und dachte au all die. Weihnachtsabende, die sie hier in demselben Zimmer als glückliche Gattin und Mutter erlebt hatte. Und als sie so ihr ganzes Leben durchdachte, da kam ihr der sehnsüchtige Wunsch, wenigstens die Bilder ihrer Lieben um sich zu haben. Sie zündete die Lampe an und holte ülles herbei, was sie an Photographien ihres Mannes und ihrer drei Söhne besaß. Da rvar zunächst das Brautbild von sich und ihrem Manne. Wie viele köstliche Stunden, wie viele liebe Erinnerungen^rief dies Bild in ihr wach und wie viele Hoffnungen Ihrer jungen Seele. Und alle diese Hoffnungen hatten sich ihr erfüllt, weit über Bitten und Verstehen. Welch ein Glück war ihr an der Seite dieses Mannes geworden. ^
Wie reich beglückt war sie gewesen vor Tausenden, wie iyalit sie sich geistig entwickeln und wachsen dürfen durch das innige Zusammenleben mit ihm. Und welche Freude hatten sie beide an ihren Buben gehabt' Me hatten sie sich vom ersten Lallen der Kleinen an über reden kleinen Fortschritt gefreut und was hatte sie alles für die Erziehung ihrer Kinder von dem Vater gelernt.
Tann nahm sie die verschiedenen Bicher aus der Kindheit ihrer Jungen. So viele, drollige, liebe Geschichten sielen ihr ein, so viel neckischer Uebermut der kleinen Gesellschaft, daß sie zuweilen vor sich hiulächeln mußte. Dann kam das Schulstadium, wo sie sich in die Interessen rmd in die Begabung eines jeden ihrer Jungen hineinzuarbeiten versuchte. Es waren oft schwere Jahre gewesen, ihre drei Rangen hatten ihr weidlich zu schaffen gemacht, und bei
dem Gedanken lächelte sie den Bubenbildern zu. Und die vielen Sommergäste hatten viele Arbeit gebracht, und der Garten sollte auch besorgt werden. Um 4 Uhr morgens war sie oft anfgeständen- und manchen Abend erst nach Mitternacht ins Bett gekommen. Aber sie war kräftig und gesund gewesen, und Freude hatte doch jeder Tag gebracht neben aller Arbeit — o so viele Freude! Was war sie doch für eine glückliche Frau gewesen. Und sic nahm die Studentenbilder ihrer beiden Aeltesten zur Haud und dachte an all die Sorge, mit der sie ihre Jungen allein in die große Stadt mit all ihren Gefahren gelassen hatte. Und an ihr -Dankgefühl- als sie ihr in jeden Ferien heim kehrten mit derselben Lauterkeit und Kindlichkeit ihres Wesens, mit dem köstlichen, jungsh-aften Uebermut und dem Ernst und der wachsenden Reife, sobald es ihr Stu- dium oder tiefere Lebensfragen galt.
Sie hatte das alles vielleicht doch als zu selbstverständlich hingenommen, obgleich sie durch ihre Gäste oft traurige Sachen über die moderne Jugend gehört hatte. War sie auch wohl dankbar genug gewesen für all das unsagbar viele Gute, das ihr geworden war? Sie nahm die letzten Bilder ihrer Söhne zur Hand in der feldgrauen Uniform. Uird dann las sie, einen nach dem andern. die Briefe ihrer Söhne — beim Jüngsten fing sie' an und durchlebte nochmals mit jedem der drei ihre Heldenlaufbahn. Und immer größer wurden die Pausen, in denen die Mutter sann und grübelte, und so kam sie endlich zu dem letzten Briefe ihres Franz.
Sie las ihn aufmerksam und ging ihn nachdenklich nochmals durch.
Und jetzt in der großen Stille fand sie vielleicht erst volles Verstehen für dieses Vermächtnis ihres Aeltesten. Wie hatte er durch seine Worte ihrenl armen Walter geholfen, so daß ihneir beiden vor seinem Ende der Tod nicht nur als Erlöser, nein, als ein« Brücke, als ein Uebergang in ein neues Dasein erschienen war.
Ja. sagte sie in Gedanke!:, mein armer Bube, der liebe Herrgott hatte deiner Seele eine schöne, edle Behausung geschenkt.
Der Feind hat ihn dir zertrümmert, diesen Tempel deines Leibes, aber- die Seele konnte er dir nicht zerstören. Die ist in Trümmern noch wach gewesen und ist ihre eigenen Wege gegangen, bis sie heimfand zum Vater. Nur die lange, lange Trennung — die ist , gar so hart? — —, — Und wieder sah sie in den Brief ihres Franz. „Durch Nacht zum Licht" las sie und erscknruerte. Bedurfte es -einer so grauenhaften Nacht für uns arme Menschen- damit wir uns endlich zum Lichte durchzuringen vermöchten? Und es siel ihr ein — -es war ja die Weiheuacht, die Stunde, in welcher man das große Mysterium feierte, daß aus der Weltennacht das ewige Licht, der Christ, geboren wurde. Und s i e wollte beharren tu der Nacht ihres Grams und nicht zum Lichte dnrchdringen.?
Sie las die letzte Bitte ihres Franz und weinte bitterlich, und dann sagte sie laut vor sich hin: „Seid getrost, meine lieben Jungen, eure Mutter wird von euch lernen und nicht hinter euch zurückstehen. Mein Franz, sei ruhig, deine letzte Bitte soll mir heilig sein!"
Sie grübelte: welche Arbeit hatte er wohl vor: ihr gewollt? Da sah sie ihren Walter, ihr Schmerzenskind vor sich und rief aus:
Ich kann noch fragen? Deinen armen Leiderlsgefährten, solchen, die durch den Krieg zu Krüppeln wurden, soll ich helfen. Ja, dachte sie: „Durch Nacht, durch finstere Nacht zum Lichte?" Nein Franz, ich will mich nicht meinem Schmerze hingeben, ich will sehen, ob mich unser Herrgott noch gebrauchen kann. Mein Heiland hat sein Leben gelassen für die Menschen, und meine lieben Jungen sind seinem Beispiel gefolgt — ihre Mutter will nicht hinter ihnen zurückstehen! Herr, mein Gott, hilf mir in meiner großen Schwachheit!"
Sie saß und sann noch eine ganze Weile, dann rief sie ihre Marie, reichte ihrchie Hand und sagte: „Du hast es schwer mit mir gehabt, du gute Seele? Ich wollte keinen Weihnachtsabend haben — ich wollte allein sein mit meinem Schmerze. Aber der treue Gott fand den Weg durch oie verschlossene Tür und zündete mir ein Weihnachtslicht an, das uns mit seiner Hilfe leuchten soll zu einem neuen Leben, wie es unserer Helden würdig ist! —
Ich werde nach dem Feste mit Herrn Pastor sprechen, der wird alles in die richtigen Wege leiten. Mft seiner Hilfe werde ich unser Haus zu einem Heim für verkrüppelte Krieger machen. Fünf bis sechs können wir ganz gut aufnehmen. Daun kann jeder seine Behaglichkeit haben und wenn möglich, irgend eine Tätigkeit ausüben. Das wird sich alles gestalten lassen mit Hilfe der Freunde. Ich werde versuchen, den Arnren ein Heim zu bereiten und du wirst weiter meine treue Helferin sein, nicht wahr, Marie?"
Marie stürzten die Tränen aus den Augen.
„Wie würden sich unsere lieben jungen Herren freuen, wenn sie dies sähen," stammelte sie.
Als Frau Wiegand an diesem Abend schlafen ging, da war es ihr, als seien ihre lieben Jungen ihr ganz nahe.
Und als Pastor Ulrich von dem Weihnachtserlebnis und denk Entschluß seiner alten Freundin hörte, da stieg aus seinem Herzen ein heißer Dank empor und er versprach, alles Nötige in die Hand zu nehmen, damit ihre Pläne verwirklicht würden.
Margret aber kam eines Abends zu Frau Wiegand und als diese sie ans Herz schloß, bat sie innig: Um deines Walters willen laß mich ein wenig dein Kind sein und laß mich teilnehmen -an deinen: schönen Werk. (Nachdruck verboten.)
Schrfttleftuna: Aug. Goetz. - RotattoicSdruck und Verlaa der Brühl'fcben UmverfftätS'Buch- und Sleindruckerei, R. Lange, Greben.


