Hreitag, öcn 2 \. Dezember
—I—LL!
„Das ew^ge Licht scheint da herein Und gibt der Welt ein' neuen Schein, Es leucht' wohl mitten in der Nacht Und uns zu Lichtes Kindern macht."
Weihnachten 1915 .
iüincv Mutter Erleben.
Erzählung von pauline Lange.
wischen Wäldern und Wiesen liegt an einem weiten lieblichen See das Städtchen S., das den Durchreisenden anmutet wie ein Friedens-Idyll, in dem es sich etwa gut ausruhen ließe nach aller Hast und Unrast der großen Welt.
Wer jedoch in dem Städtchen lebt, der weiß wohl, daß es weder tuit dem Frieden noch mit der Weltabgeschiedenheit ganz stimmt. Menschliche Leidenschast und Torheit schlagen auch hier ihre Purzelbäume und verweben Tragödien und Komödien in buntem Gewirr in das scheinbar gleichmäßige Alltagsleben. Und zahlreiche Fäden gehen von dem kleinen Orte hinaus in ferne Länder, und neuentstan- dene. teils schwere, teils glänzende Geschicke sind eng mit dem Leben der kleinen Stadt verknüpft. Und während des jetzigen furchtbaren Krieges ist es den Bewohnern von S., als seien sie plötzlich in den Mittelpunkt alles Geschehens gerückt. Sie wissen, die Grenzen ihres Vaterlandes starren von Waffen, und treue Mannen bilden eine lebendige, undurchdringliche Mauer gegen die Feinde, aber daneben ist es ihnen, als wären alle Schranken gefallen, als rückten Länder und Völker, die man sonst kaum dem Namen nach kannte, einem ganz nahe, und als sähe man in das innerste Leben und Denken all dieser Völker hinein.
Und nun war das zweite Weihnachtsfest in diesem furchtbarsten aller Kriege herbeigekommen. Schon waren die vielen Pakete versandt, die wiederum einen Weihnachtsgruß zu den Lieben in's Feld tragen sollten, für die Lazarette war alles vorbereitet zu erhebender Feier am Christabend, in manchem Hause wurden frohe Vorbereitungen getroffen, weil der Gatte oder Sohn, Bruder oder Bräutigam zu kurzem Urlaub erwartet wurde. Aber im allgemeinen wollte im ganzen Orte keine rechte Feststimmung aufkommen, trotzdem die Kaufleute die lockendsten Schaufenster hergerichtet hatten und trotzdem kleine rotgefrorene Buben und Mägdelein die Naschen an eben diesen Fenstern plattdrückten, um das Verlangen ihrer begehrlichen kleinen Herzen durch das Auschauen der Herrlichkeiten zu erquicken. Sie waren die Einzigen, die mit täglich gesteigerter wenn häufig auch ganz heimlicher Erwartung dem Christfeste entgegenfchauten.
Und am härtesten — darin waren alle einig — war die Frau Wiegand, die Witwe des verstorbenen Hauptlehrers, heimgesucht worden; daß sie den Mann früh verlieren mußte, war schon hart genug und was für einen guten, prächtigen Mann. Ter ganze Ort hatte getrauert, als eine tückische Krankheit vor Jahren den beliebten Lehrer schnell dahinraffte. Tie wilden Schulbuben waren ganz still einhergegangen und hatten gefühlt, einen solchen Lehrer, der trotz seiner Strenge jedem unter ihnen wie ein zweiter Vater war, fanden sie wohl nie wieder. Die Eltern aber wußten am besten, was sie an ihm verloren. Wie mancher Vater, der sich nicht zu raten wußte mit seinen Buben, war in stiller Abendstunde zu dem schlichten Vorortshause gepilgert, hatte dem Lehrer sein Herz ausgeschüttet und hatte nicht nur für seine Buben Rat gefunden, sondern weit darüber hinaus. Ja, das grüuumrankte Haus in der Vorstadt war allmählich für alle, die den Zugang dahin fanden, ein Notanker geworden — mancher Gram gebeugte hatte sich dort
Trost, mancher Verzagte und Schiffbrüchige hatte sich Mut za einem neuen Leben geholt. Und wie der Mann, so die Frau. War er eine ernste tiefe Natur voller Pflichttreue, Festigkeit und großer Güte, so war die kleine bewegliche, dunkeläugige Frau scheinbar das Gegenteil und doch ganz eines Sinnes mit ihm, stets bereit, neben all ihren Hausfrauen- und Mutterpflichten seine Sorgen und Freuden ehrlich zu teilen.
Sv leid ihr oft ihr Mann tat, wenn nach der Last des Tages mrd während der Vorarbeit für den nächsten Tag gar so viele Leute kamen, die seine Kraft und Zeit in Anspruch nahmen, sie wußte, seiner reichem Natur war es gegeben, vielen etwas zu sein, und sie hätte nicht den Mut gefunden, sein Wirken zu hindern, wenn sie selber auch dadurch entbehren mußte. Nur doppelt lernen, ihm alles unnötige an Kleinkram ans dem Wege zu räumen, damit seine Kraft für Größeres blieb, das war ihr Wunsch und ihr Streben gewesen, und für jeden, der kam, hatte sie ein freundliches Wort und einen Blick, der zu sagen schien: „Laß nur, es wird schon alles gut." Ein Segen war von dem kleinen Hause ausgeströmt, unbemerkt und doch fühlbar im ganzen Orte. Und was sie in Liebe und Hingebung wirkten, schien ein gütiges Geschick ihnen durch Glück im eigenen Heim vergelten zu wollen! Drei frische, liebe Buben wuchsen neben dem Elternvaare heran. Und als dann der Vater und Versorger ihnen so schnell genommen wurde und die kleine Frau anfangs wie vom schlage getroffen erschien, da war es den Leuten fast übermenschlich vorgekommen, wie sie förmlich über ihren Schmerz emporwuchs.
Bald hatte sie für jeden, mit dem sie in Berührung kam, wieder ihren gewohnten herzlichen Blick. Sie lernte unter Tränen lächeln bis sie die Kraft gewonnen hatte, wieder von Herzen mit denl Traurigen traurig und mit den Fröhlichen froh zu sein. Sie meinte, sie dürfe nicht klagen — sie sei überreich gewesen und hätte immer noch unendlich vieles, für das sie nicht dankbar genug sein könne. Besaß sie doch ihre drei Buben, die sie ganz nach dem Wunsche des Vaters und in seinem Sinn erziehen mußte. Tapfer nahm sie das schwere Leben in ihre kleinen, festen, arbeitsgewohnten Hände.
Während der guten Jahreszeit nahm sie Sommergäste, und ihr Haus mußte immer noch eine besondere Anziehungskraft haben, denn nie fehlten die Gäste, und manche blieben bis in den Herbst hinein, kamen als Fremde und gingen als Freunde. Die Leuts staunten oft, wie die behende kleine Frau mit ihrer treuen Magd all die Arbeit schassen imd doch immer iwch frohen Mutes sei» und Zeit für ihre drei Buben haben konnte. Sie zog sie tüchtig heran zu .Hilfeleistungen aller Art, soweit ihre Schulausgaben es zuließen, aber sie gönnte ihnen auch von Herzen die nötige Erholung und konnte sich wie ein Kind mit ihnen freuen über jede kleine Freude, die ihnen wurde. Seltene Blumen und Steine, ein neu entdecktes Vogelnest, eine Einladung zu Freunden, ein gut gelungener Aufsatz, alles wurde für die Jungen zu einein Fest durch das Verständnis und die herzliche Mitsreude der Mutter. Eine Freude war es, diese Mutter mit ihren Söhnen zu sehen, und mancher Blick folgte ihr voller Bewunderung oder voller Neid, wenn sie am Sonntag gemeinsam zur Kirche gingen. Dann war es einsamer geworden um Frau Wiegand — von ibren drei Sühnen war nur der jüngste dauernd noch bei ihr geblieben.
Franz, der älteste, ganz das Ebenbild des Vaters, hatte zunächst auf der Landcs-Universität, dann in Berlin Medizin studiert und bestand gerade beim Ausbruch des Krieges mit Auszeichnung sein letztes Examen. Walter, der zlveite, studierte Philologie und )var im vierten Semester und Gert, der jüngste, nach Ansicht seiner Lebrer der am vielseitigsten Begabte, dem sie wegen seiner Gaben und seiner Energie eine glänzende Karriere prophezeiten, war nach seinem Abiturium in die Schlosserlehre gegangen. Er kam mit dem


