Weihnacht 1915.
von Gustav 5chüle,r.<
^Nachdruck verboten.j
Und immer noch die Welt umkrallt Das würgende Verderben,
Und immer noch tost die grause Gewalt,
Und immer noch sichelt das Sterben!
Und die Weihnachtsglocken verklingen im Schall Der schlitternden Geschütze,
Und die Weihnachtslichtlein verlöschen all Im Geflacker tödlicher Blitze!
Und doch darf der Liebe Himmelsklang Im Hasse nicht verfallen,
Und doch mutz wieder der helle Gesang Des „Dom Himmel hoch" erschallen!
Komm wieder, du Kind! Hinab in die Welt,
Die von Not und Nacht überdunkelt,
Datz wieder über das blutige Feld Deine heilende Lichterpracht funkelt!
Datz eine selige Stunde lang Uns're Söhne dein Atem spüren,
Datz sie horchen, wie einst, auf dem dunkeln Gang An den weihnachtsheimlichen Türen.
Datz sie selig wieder zu Hause sind Mit den heimwehdurstigen Seelen —
Auch im Sturm der Not darf dem deutschen Kind Die deutsche Weihnacht nicht fehlen!
Heimat.
Eine Geschichte aus dev Christnacht.
Bon Karl August Rinck.
(Nachdruck verboten.)
Heber das kahle Feld strich in kurzen, seufzenden Stößen der Wendwind, klang wie dos wehe Atmen der vorn Eisen des Krieges wund geschlagenen Erde; lieh traumhaft die Glöckchen tönen, die als Alarmsignal im Drahtverhau hinein Stumm und schwarz lag die kriegsMnde Erde unter em eben erloschenen Himmel. Am Horizont tastete das Geisterlicht eines Scheinwerfers.über ihn hin; nichts sonst kündete Leben, Menschendasein. !Alles schien tot, wert und breit.
Und doch barg dieses Stück Erde das Leben von Tausenden. Tief in ihren still duldenden Leib eingegraben, atmete wachte, lauerte es; stumm wie die Erde selbst. Stumm vor
dem lauernden deutschen Feinde drüben, kaum eines Steinwurfs Weite entfernt.
Mann an Mann hockten sie nebeneinander aus dem gefrorenen Grunde des Schützengrabens. Die Deutschen würden angreifen heute nacht, hatte es geheißen; gerade in dieser Nacht, wo nran sie nicht erwarten würde. Ddnn es war ihre Weihnacht.
Reglos sahen sie da, ein jeder des Schicksals gewärtig^ das sie seit Monaten, Tag um Tag, tausendfältig hier sein Werk tun sahen. Brüder im Harren auf seine Erfüllung^ lehnten sie sich aneinander, erwärmten sich gegenseitig mit ihren Leibern und versicherten sich stumm ihrer Nähe. Und nur einer saß ganz am Ende des Grabens allein. Er besah keinen Freund unter diesen Männern, keinen, dem sein Schicksal ein wenig galt. Sie mieden, verachteten ihn; weit er nach Geburt und Namen ein Deutscher war; der kleine Müller.
Jetzt löste sich aus der Stille ein Geräusch von Schritten über die hartgefrorene Erde des Grabens hin. Eine Gestalt mit abgeblendeter Laterne kam die enge Grabengasse herunter, beleuchtete die stummem: Gruppen der Mannschaft^ suchte in ihnen . . . uno sie alle wußten, wonach er suchte. Nach dem, der jetzt aus Posten hinaussollte. Das war sicherer Tod. Der Angriff konnte jeden Augenblick kommen. Tie erste Leuchtrakete von drüben — lund der Mann auf Posten wurde das erste Ziel.
„Wer wird gehen?" sagte halblaut für sich der Korporal mit der Laterne im Weitergehen. Dieses Todesurteil auszusprechen, wurde ihm schwer. Und noch unschlüssig kam er da an das Ende des Grabens, sah den „Deutschen", den kleinen Müller, einsam am Boden hocken.
„Auf Posten", befahl er Und der kleine Müller machte sich fertig, stieg hinauf in die freie Nackt, wo der Wind in den Drahten sein Magelied fang nutz leise hie Glöckchen tönten. Die schwarzen Schütten der Nacht Verschlangen ihn.
Ja, sie wußten, daß sie sich lauf den „Deutschen" verlassen konnten, trotz allem. Er war keiner von denen, die überliesen. Sie wußten alle: er hatte damals, bei Kriegsausbruch, nach Deutschland hinüber gewollt und war festgehalten worden als französischer Bürger. Jetzt aber blieb er da stehen, wo ihn die Pflicht hingestellt hatte. Das wußten sie alle. Hätte er nicht hundertmal schon überlaufen, sich gefangen.geben können? Nein, er hatte es nicht getan, war nun im Herzen wohl längst auch kein Deutscher mehr. Der Haß aller gegen die Barbaren da drüben mußte ihn angesteckt, zu Frankreich bekehrt haben, meinten sie.
Aber daß der kleine Müller in all den langen und schweren Grabenkäinpsen noch nie seine Kugel auf einen Deutschen gerichtet hatte, das wußte nur er allein. Das war sein teures Geheimnis, mit dem er seit Monden schon, solange es Krieg war, den Schmerz bezwang, gegen sein einstiges Vaterland stehen zu müssen. Und dem pflicht- getreuen, französischen Soldaten hatte noch keiner MM-


