„Tillmann — Ihr!"
, Betroffen erkannte Bertsch den Hirten. Doch dann wmkte er ihm, eilig drängend.
„Was schafft Ihr hier? Fort — fort!"
Aber der Alte schüttelte mit einer ruhigen Gebärde den Kopf. —
„Wie? Ihr wollt bleiben?"
Nur ein gelassenes Nicken.
Eke starrte verständnislos Eberhard an. Der freilich begriff. Schon lange hatte es ja droben in Rödig geheißen, nnt dein Tillmann ging es nicht mehr. Immer verschrobener wurde der Alte. Gänzlich wirr im Kopf. Drum wollten sie nai auch einen neuen Hirten kommen lassen zum Frühjahr. Und der Titlmann sollte ins Armenhaus.
Nun sah er -es mit eigenen Augen: die Leute sprachen wahr. Es war nicht mehr richtig mit dem Tillmann.
Doch »nährend er es noch dachte — plötzlich ein dumpfes Krachen! Weißer Gischt sprühte hoch aus, an der Außenseite des Turmstumpfs. Unter dem gierigen Nagen der! Wasser hatte sich an der Bruchstelle abermals ein Stück Mauerwerks gelöst. Ein unheimliches Warnsignal.
Ein Grausen packte Eke. Ihr Arm streckte sich be- schlvorend zu dem Alten aus.
„Um Gottes »Villen — fort, fort!"
Der Ruf des Entsetzens lenkte Tillmanns Blick auf die junge Frau, die dort stand im düsteren Rahmen des geborstenen Gemäuers. Eine blonde Lichtgestalt, wie ein Sendbote des Lebens. Und plötzlich sank der Schleier vor seinen Augen. Ein Erinnern kam ihm an die Stunde, wo die dort chm einmal Gutes erwiesen, und langsam hob er die Hand gegen sie. Wie ein Grüßen und ein ernsstesl Mahnen zugleich: Hier ist kein Ort für die, die noch etwas erlvarten vom Leben.
„ „Tillmann, nehmt doch Vernunft an!" Noch einmal drängte Bertsch. „Komm mit uns!"
Da öffnete sich endlich der schweigsame Mund. Doch nur zu drei kargen Worten:
„Wohin? — Ins Armenhaus?"
Gerhard verstummte.
Aber Tillmann richtete sich jetzt hoch auf. Sein Blick ging herum m dem einstigen Gemach Henner von Grunds, mit einem dunkeln, stolzen Aufslackern. Und es war den beiden, als hörten sie seine unausgesprochenen Gedanken:
r" iT J? 1 “!’’ ich, wo ich hingchöre! All mein Leben hindurch Hab ich nnr daran gedacht, daß ich einmal Herr sein sollt rn diese», Haufe Nun ist's doch noch so gekommen. Hab' ich's nicht immer gesagt? As gibt doch noch ein Recht auf der Welt! Der, der mir's streitig gemacht ? m Sinken, vor mir. An seiner Leiche
'ch gestanden. Und jetzt steh' ich hier auf seinem Grund und Boden. Nun ist er mein, ninn bin ich Herr. Und keiner wird mich mehr sorttrerben — keiner!
Ni« ans seinem Blick zu Bertsch
^lugen"^ et lt ” rw Glichen in den tiefliegenden
1tm ^ Mb Gerhard es auf. Entschlossen legte sich sein Arm
hnmf’r 91 ^ langen Weibes an seiner Seite
pulste chm warm das Leben entgegen. Fort von hier — von der Schwelle der Vernichtung!
arr Wählte ihr Zögern. Bang hing ihr Blick an dem Alten, der dort stand, starr und unbeweglich.
„Laß ihn. Er hat recht I" Ernst klang es zu Eke hin. „Diese letzte Stunde grbt ihm, worum ein ganzes Leben ihn betrogen. Gönn' es ihm!" '
Unter den mahnenden Worten wich die qualvolle Spannung in Eke, und wie sie jetzt noch einmal hinsah mflf Tillmann von Grund, den Dotgeweihten in dem totqeweih- der dater, packte es sie an. g-ast ein Schauer
der Ehrfurcht. Nur ein armer, wirrer Narr, und doch —
j* "At treuer seinem Blut als sie alle vielleicht, die ernst den Namen des Grunds getragen? Da kan, es laut von Men Lippen:
„Leb' wohl, Tillniann von Grund — leb' wohl'"
^Der Alte sah nicht mehr her zu thp. Sein Blick wirr wie abaewandt der Welt und all ihrer Nichtigkeit. So schritt er langsam zurück, von wo er erschienen, und entschwand im Dunkel.
„Komm!"
Mo starker Hand zog Gerhard Bertsch die mit sich die »rnn rhm zu einen war.
U"d es war hohe Zeit. Der schmale Damm, ans dem 1
ftc sich zurückflüchteten, war inzwischen schon vielfach durchs brochen. Die Wasser gurgelten hohl in oen Breschen und fraßen gierig weiter an dem nachbröckelnden Erdreich. Tief atmete Bertsch ans, als er glücklich mit Eke drüben »uar^ »mccier: im Bereich des festen Lcuwes. Dort trug sie der» Wagen nach Hanse zurück.
Vom Balkon aus sahen sie dann wieder hinab ins weite Tal. Aber ihre Blicke hingen nur an einem Punkts Unverwandt, stumm, in einem gefaßte»:, tiefernsten Er-, warten.
Plötzlich aber zuckte Eke zusammen. Ihre Hand wies' hin zu dem dunkeln Tnrmstumpf dort drunten in der» quirlenden Seeflut — ein Wanken oes massigen Gemäuers! Wie ein silberweißer Schleier löste es sich im selben Ailgen- Mtd: von dem düsteren Manerkranz und schwebte kreisend über ihm — die ans ge störten, ängstlich flatternden Tauben. Ein Neigen -—langsam, schwer legte sich der Turm zur Seite. Und nun eine ausgepeitschte Riesenwoge, die hoch znmj Himmel sprang. Verschtvnnden war im Flutengrab das alte Wahrzeichen des Hauses derer von Grmid. Mit ihm der letzte Träger ihres Namens.
Stumm faltete Eke die Hände. So sah sie hirraus, bis das »vilde Wirbeln der schäumenden Wasser allmählich erstarb. Ueber dem Strudel kreiste hoch in der Luft noch eine Weile hellschinimernd der Schwarm der Tauben. Als aber die dunkeln Fluten nichts Wiedergaben von dem, toas sie verschlungen, da strichen die Tiere endlich ab.
„Nun suchen auch sie sich eine neue Heimat."
Es war das erste Wort, das Eke wieder sprach, und dicht schmiegte sie sich an den Mann ihr zur Seite.
Doch dam: wies sie hinaus, wo über den Bergen die Sonne versank. Noch glühten in einem letzten heroischen Ausflammen am ALendhimmel ihre pnrpurgoldenen Lebens- ströme. Aber darüber standen düsterschwere Wolkengebilde, langgestreckt — wie riesenhafte Särge. Da sagte sie, aus bekloinmener Brust:
„Ist es nicht, als ob auch die Natur trauerte über all das, war hier versank?"
Fest legte Gerhard Bertsch seinen Arm um ihre! Schulter. '
uie J ist versunken. Eine Welt voll enger Traulichkeit. Aber ihre Zeit war erfüllt. Und eine neue fteiqi
dorthin Eschenst" die sie begruben. — Laß uns!
Und er wandte ihr Haupt von der Richtung der sterben- den Sonne fort, zur andern Seite des Tals, wo die Tal- sperre sich erhob. Vom letzten Abendschein ülbergossen, schim- merken die weißen Bauten herüber, und, sie alle überragend, die feierlichen edlen Formen des Kraftwerks. Wie ein Tempel, überstrahlt von der Glut der Opferbrände stiea der gewaltige Bau empor, groß, ernst, in machtvollem Schwelgen Und em Tempel in Wahrheit. In seinen hohen Ha len hütete er die Feuerfunken ungeheurer, schöpferischer Kr-fte die in zuckenden Wellen hinausströmen würdet
! lBe 5 di« Lande — Leben zeugeiid fort und fort, pulsen- ^istreibendes, schaffendes Leben der aufwärts ringenden
m r? 1 ? ! Ä te Eke ihr Haucht voll Zuversicht an die breite Brust das Mannes, dessen Augen mit einem stolzen Leuchten
RaUhmi^Grundes^ I<WBfcm versinkenden Fluren des
Der indische Zakir.
Kriegsskiz^e von Georg Lebach. ^
Schon bei der Musterung war er mir ausgefallen -j
©r war ha-gerer Mensch mit überaus laugen Gliedmaßen und wn staunenswerter Gelcnkigkeit machte er den EiK druck eines Sclilangenmenschen. Seine düster glimmenden Auam und seine tlcstch.warzeii laugen Haare gaben ihm das Aussehen eines Onentalen. AW wir mW auszichen unchten, sah ich, daß Kn ganzer Körper mit Tätowierungen bedeckt war, und dies bestärkte Ärtist'sebenmitung, daß mein zukünftiger Kamerad ein
... Kaserne tzdr X., wo wir ausgebildet Mieden, lernte ich!
chn chäher kennen. Er war fast! in der ganzen Welt hcrumgekommcn, besonders mr Orient, und auch m Indien hatte er sich länger ans- öon _bort imb seinen vielen Wenteuern, die er erlebt haben wollte, erzählte, dann glühten seine schilvarzen Augenj m unheimlichem Feuer.
Er hieß ganz eiiifach Gattlieb Schulze. Als ich ihn fragte wie er benn zu diesem Namen gekommen sei, der doch ganz unb


