Ausgabe 
20.12.1915
 
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Moittag. den 20. Dezember

Die vom Rauhen Grund.

Roman von Paul Grabein.

Copyright 1914 by Grelhleln & To., ffi.m.b. Leipzig. Gesetzliche For. rnel für den Schutz des Inhalts in den Vereinigten Staaten von Amerika.

(NaKnuck verboten.)

. (Schluß.)

lAiuch zu dem Hause droben am Waldesrcrnd über EhristianAglück drang die Kunde. Dort standen auf dem Balkon Eke und Gerhard, nahe beieinander. So schauten auch sie hinab auf die steigenden Wasser. Nun drang daA dunkle Gerücht hinauf bis zu ihnen..

Wie ein Mensch dort drunten?"

Erschrocken blickte Eke Bertsch an. Der schüttelte un- Qtäubig den Kops, nahm aber doch den Feldstecher und) beobachtete scharf die Ruine. Plötzlich aber ein Zu- sam menzucken.

Siehst du was?"

Ein betroffenes Nicken.

Es ist so ein Mann ist dort im Turm."

Großer Gott!"

Doch nur eilten Augenblick dieses fassungslose Entsetzen bei Eke. Dann rief sie erregt:

Man rnuß hilr ans' der Stelle."

Aber Gerhard war schon fort von ihrer Seite, bereits drinnen im Zimmer anr Telephon. So horte sie gerade noch seinen Befehl zun: Werk hinüber:

Also sofort das Auto sertigmachen. In drei Minuten bin ich drüben."

Und er eilte hinunter zur Garderobe. Doch da trat Eke neben ihn.

Ich begleite dich."

1Liebe das ist Männerwert."

Du gehst in Gefahr. Laß sie mich teilen."

Eke!"

Bittend ergriff er ihre Hand. Mer sie beharrte.

Ich lasse dich nun nicht mehr, Gerhard."

Da verstummte er. Aber sein Mick traf sie, aufleuch­tend in heiligem Glück. Seine Gefährtin auch in Not und Tod. Schweigend half er ihr in den Mantel, dann eiltet sie hiiraus, hinüber zum Werk.

!Aus dem Zechenplatz hielt schon der Wagen init laut arbeitendem Motor. Seine eisernen Flanken vibrierten unter den Stützen; ein edler Renner voll zitternder Begier, los- zustürmen.

Vorwärts M animal geschwindigkeit!"

Und die Maschine sprang an, schoß davon. Eine Staub- tvolke war alles, was den Nachschauenden noch sichbar war.

Dias lvar kein Fahren mehr1 nein, ein Fliegen. Un­willkürlich griff Eke nach einem Halt.

140 Kilometer! D>ie Räder berührten nur noch in sprunghaften Intervallen den Boden. Ein Rasen, ein Stürmen. Rückwärts sausten BfiUme, Wegsteine, die Linie

der Chaussee eine einzige, sich toll abspulende Schnurz Mit ratternder Gier fraß das Auw die Ferne in sich hinein. Kaum gesehen, war sie aujch schon verschlungen. Mehr heri nur mehr! Und dazu der rasende Herzschlag des Motors. Wie ein dumpfer Wirbel: immer schneller, atem-- raubender, die Seele anpeitschend zu einem Rausch fieber­toll, wie dies Rasen selber. Eine Ekstase sondergleichen^ wir fliegen hÄt fliegen! Kein Hindernis, keine Ent­fernung! Nur vorwärts, vorlvärts! Schneller, noch schneller! Und bei alledem ein Untergpxrnke, ganz klar und doch ohne Schrecken: ein Versagen des Steuers, ein Reißen der Pneumatik, und wir liegen im Staube, mit zer­schmettertem Hirn. Aber was tut's? Das Fieber in uns ist stärker, dies dämonisch aufjauchzende Glücksgefühl dahin- zufliegeu, losgelöst von Erdenschwere, hinausgerückt über alle Grenzen der Natur!

Mit neuem Erstarren sah es die dichtgedrängte Menge droben auf den Berghöhen. Was sollte diese tolle Fahrt drunten im Tal, anscheinend geradeaus in die Fluten hinein?

Aber jetzt verhielt das Auto und stoppte. Tausende von Augen folgten den beiden Gestalten, die dem .Wagen entstiegen.

Eke wußte einen Zugang zu dem Turm, der vielleicht noch gangbar war. Auf dem alten Wall neben dem Graben. Und wirklich er ragte noch etwa handhoch aus dem schäu­mend quirlenden Strudel, der die Stätte des Adligen Hauses umbrandete.

Aus diesem schmalen Pfade eilten sie hin zu dem Turm. Nun standen sie vor ihm. An dem erhaltenen Stumpf be­fand sich auch rwch der Anbau mit der Wendeltreppe, die in das obere Geschoß geführt hatte. Durch die klaffende Bresche, die die Sprengung gelegt, drang ihr Blick frei in das Innere des alten Gemäuers mit seinen mehr als meter­starken Wänden. Hier war einst Henner von Grunds Jagd­zimmer gewesen. In Fetzen hing jetzt die braune Ledertapete hernieder. Ein wüster Schutthaufen deckte den Estrich ab- gestürzte Massen vom Deckengewölbe.

Trotz ihres Grauens wollte Eke den Fuß über die ge­borstene Schwelle setzen wo weilte nur der Unglückliche, dem die Rettung galt?

Aber Gerhard hielt sie zurück. Jeden Augenblick konnte ja ein neuer Nachsturz von oben erfolgen. Und nun rief er laut hinein in die Ruine:

Hierher! Hier ist der Ausweg!"

Eine Weile Totenstille in dem verlassenen Gemäuer. Nur das dumpfe Rauschen der Wasser, die da draußen stiegen, langsam, Linie und Linie, aber siegesgewiß.

Noch einmal ein Rufen Bertschs, stärker noch, warnen­der da endlich ein Geräusch wie von Schritten, von der Wendeltreppe her, und jetzt löste es sich aus dem Dämmerlicht drinnen. Eine hagere Gestalt trat langsam auf die beiden zu, umhüllt von einem wettergeblicheneu, einst schwarzen Pelerinenmantel. Unter dem Schlapphnt glühten mit wirrem Leuchten ein vaar tiefliegende, dunkle Augen.