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Die vom Rauhen Grund.
Rouian von Paul G r n b e i n.
Copyright 1914 by Grelhlcii, & To.. D. m b. H . Leipzig. Gesetzliche For» Mel für den Schuh des Inhalts in den Vereinigten Staaten von Amerika.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Eine tiefe Bitterkeit quoll in Eke auf. Was hatte das Leben für einen Sinn, das dem Menschen das Erkennen erst immer nachher gab, wenn es zu spät war, nur, wie um ihn grausam lind hohnvoll zu qiläken?
Doch plötzlich schrak Eke empor. Der Grund bebte und schlitterte unter ihren Füßen, zugleich ein donnernd aufbrüllendes Krachen, als ob die Erde berste bis in ihre Grundfesten. Weit aufgerissen starrten ihre Augen zu Tal, zum Unterdorf hin. Dort drunten eine Feuersäule, riesenhoch, dann kohlschwarze Finsternis. Der Boden war hinauf zum Himmel geschleudert worden, mit allem was er 'trug.
Minutenlang stand diese gigantische Rauchwolke in der Luft und verdunkelte die Sonne. Zum Grausen unheimlich. Dann senkte sie sich langsam nieder, ein ungeheurer Aschenregen, und nun zerflatterten die letzten grauen Schleier — das Werk der Zerstörung vnrrd- dem Auge offenbar. Und Eke sah: wo eben noch das Dorf gestanden, all die menschlichen Wohnstätten — nichts mehr, nichts'! Ein einziges weites Trümmerfeld, grau, schwarz, trostlos. Bloß hier und da spärliche Mauerreste, noch ein Stückchen Wand mit dem erkennbaren Rest einer Fensteröffnung. Dhu: abseits, drüben am Adligen Hanse, ragte es noch aufrecht, dev Stumpf des Turmes. Mitten durchgerissen von der Gewalt der Explosion war die eine Hälfte des unteren Stockwerks stehengeblieben. Wie ein schrecklich verstümmeltes Glied — ein grausiger Anblick.
Regungslos stand Eke und blickte nieder auf die Stätte der Zerstörung. Ein Bild ihres eigenen Innern. Und ihre grenzenlose Verlassenheit ward ihr von diesem Anblick bewußt, wie noch nie in all der Zeit ihres Atleinstehens.i
Milde ließ sie sich auf der Bank nieder. Sie sah hinein in sich selber und in ihre Zukunft.
Was sollte mit ihr werden?
Altes, was ihr vertraut und heimisch gewesen, hier war es hingesunken. Die Wasser würden es decke::, die nun zu rauschen begannen da drunten. Nichts hielt sie hier mehr. Mer wohin nun mit ihr?
Dies unstete Herumschweisen, wie bisher in ihrem Witwenjahr, war doch nur ein Notbehelf gewesen. Sie war keiner jener leicht beschwingten Zugvögel, die mit der Saison von Ort zu Ort flatterten, wie sie so viel da drunten getroffen. Nein, sie war eine Natur, die Wurzel schlagen mußte, tief und fest, sollte sie weiter leben.
Aber wo fand sie noch einmal Heimatsboden?
Lange sann Eke vor sich hin.
Endlich blickte sie wieder auf. Ihr Auge fiel jetzt drüben auf den Berghang über dem Oberdorf. Schwer und massig lagen da die Werkanlagen von Christiansglück. Gefeiert wurde heute auch dort droben. Die Förderräder standen still. Die Auszüge an den Hochöfen ruhten. Aber ans den Röstöfen, aus den Essen der Kesselhäuser, wo die Feuer nicht erkalten durften, stieg leise und immerwährend der Dampf und floß zusammen zu einem warmen, feuchten ,Brodem. Dumpf klang das ständige Puffen und Schlittern der Maschinen, das dunkle Rauschen der Kühlwüsser von den Hochöfen herüber. Wie ein riesiges Arbeitstier lag das feiernde Werk da. Wie ein Gigant, der von seiner Mühe ermattet am Boden ruht. Aber noch fliegen ihm mit dumpfen: Keuchen die Flanken, und über seinem schweißrauchenden Leib zittert heiß die Luft.
Festigkeit kam da allmählich wieder in Ekes Seele. Arbeit im Dienste anderer, der Armen und Schwachen, der hilflosen Kleinen — war das nicht auch ihre Losung? Sie allein vermochte ihr wohl noch Heilung zu bringen. War es freilich auch nur ein Ersatz für ein anderes, stärkeres Sehnen, in den Tiefen ihrer Weibesnatur, es würde immerhin ihrem Leben wieder ein Ziel geben. Und Eke erhob sich. Mit einem letzten, langen Blick nahm sie Abschied von der versinkenden Heimat.
Dann wandte sie sich langsam nach der Richtung dev Talsperre hin. Es war inzwischen still oort geworden. Die Feier schien vorüber. Ob er nun wohl kommen würde?
In den Wald hineinlauschend, stand sie. Noch einmal fragte sie sich: War es richtig gewesen, daß sie ihm diese Zeilen geschrieben, ihn um diese Unterredung gebeten hatte?
Gewissenhaft prüfte sie und entschied: Vielleicht war es etwas Ungewöhnliches, aber sicher nichts Unrechtes. Der Ernst der Absicht gab ihr das Recht zu solchem Schritt.
So sah sie mit Ruhe seinem Erscheinen entgegen. Denn sie fühlte, er tvürde kommen. Und er ließ auch nicht lang« mehr auf sich warten. Bald schallten aus dem Wald hinter ihr nahende Tritte, dann rauschten die Zweige auseinander
— Gerhard Berts ch stand vor ihr.
Nun sie sich ihm gegenüber fand, so nahe und in tiefer Einsamkeit, fühlte sie doch ihre Sicherheit etwas weichen. Und mehr noch, wie sie jetzt in seine Züge sah. Sie verbargen bei aller Beherrschtl-eit nur schlecht die innere Erregung. Ir: seinen Augen bebte es, wie ein Hoffen, das noch nicht hervorzubrechen wagte. Es schwang auch aus seiner Stimme, wie er sie begrüßte, stockend und noch unsicher ihr gegenüber.
„Verzeihung — daß ich auf mich warten ließ. Aber ich ging, sobald ich irgend ab kommen konnte. Eke, Ihre Zeilen
— nein, das ift ja Unsinn so! Sprich mir nachher mein Urteil, wie du willst, aber in dieser Stunde, der einzigen und letzten vielleicht, die mir noch mit dir vergönnt ist, will ich reden, wie nrir ums Herz ist. Du weißt ja nicht —"
Doch nun hatte sie sich wieder. Voll sah sie ihn an. Aber eine große, abgeklärte Ruhe war in den: Blick, der ihn


