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er lieber Me 'ewige Seligkeit denn seine Lieb zu ihr abzuschwören Willens sei. Hat aber die Jungfrau ihr Versprechen treulich gehalten und mit heißen Zähren allein dem Chronisten pflichtmäßig des Junkers An!innen kundgetan, bittend, ihr aus solcher Not ein Pförtlein zu Meisen. Woraus der Chronist dem Junker Wolf Äug in Lllrg sein Tun verwiesen, ihm vorstellend, er solle sich nicht in den Banden einer frevelhaften Leidenschaft verstricken lasten und ihn heiß bittend, nicht Unfrieden zu stiften sondern eingedenk zu sein unseres Herren Gottes Gebot, so da lautet: Du sollst nicht deines Nächsten Weib begehren. Hat der Junker versprochen unter Tränen, er wolle Einkehr in sich halten. Verfluchet sei die Stunde, da der Junker in dir, böse, arge Welt geboren ist worden. O ihr Berge und Hügel, fallet auf ihn am Lage deS jüngsten Gerichts mrd berget ihn vor dem Zorn des grimmigen Richters, der auf den Wolken sitzen wird. Denn am Lage nach dem Sonntage Rogate hat der Versucher Gewalt über den Junker bekommen asio daß er dem Bruder, so zu Roß die Burg verlassen hatte, die Heimkehr geweigert hat, indem er die Brücken aufgezogen, die Tore verschlossen und die Burg wie vor einem Feind gegen eine Belagerung begonnen hat zu verwahren. Hat alles Flehen an dem grausamen Werk nichts zu ändern vermocht. Dem Junker, so an einschmeichelndem Wesen und einnehmenden Willen absonderlich herfürragte, sind die Herzen gleich einem Schwarm Tauben, so die Bäurrn locket, zugeflogen, und ist das ganze Burggeiind auf seiner Seiten gestanden. Da aber der Junker Arnfried vor oie Burg geritten, ist er erstaunet vor Schrecken und Entsetzen, da er sich solchen Wesens von seinem leiblichen Bruder nicht versehn hat. Urro erwies sich zum andern Mal, daß der Apfel nicht über den 'Schatten des Baumes hinausrolllt, urdem Arnfried sich unter teuren Eiden verschworen, daß ihme das Herz stillestehn solle, so er den Schimpf und sein verraten Glück nicht blutig rächen werde. O Welt, du machest aus uns einen finstern Abgrund, ein elendes Erdreich, ein Kind des Zornes. Wer dir gedienet, dessen Seel kommt nach dem ewigen Urteil dereinst in Höllenbrand . .
Wild prasseln im Kamin die Scheite. Die Flammen recken sich, ducken sich, springen wieder hoch. Ich schauiei in die unruhvolle Glut, die sick) verzehrt in rastloser, seltsamer Selbstvernichturig. Das schießt und wirbelt durcheinander und kracht und knackt und fällt zusammen und springt wieder auf, und tausend Gesichter, eins über dem andern, gaukeln ft: der augenverzehrenden Glut. Den alten Kerschenbeißer hat seine Gottinnigkeit schier verlassen. Der Böse treibt sein Wesen ans Wiirdeck. Die Leidenschaft flammt zum nächtigen Frühsommerhimmel. Ein junges Weib ringt die Hände. Eine Mutter fleht. Ein junger Wolf fletscht die weißen Zähne. Der Tod hält Ausschau vom Luginsland. Tie blinden Tiere der Gier und der Rache gehn um. Airs den Scharten glotzen die Kartaunen. Im Hofe hallt der Stahl, geschwungen vom prüfendem Arm!. Wachtfeuer brennen, der Schleifstein sprüht Funken. Hörnergellen Rennen von Troßbub und Knecht, Hufgestampf, Gewiccher und Gebell. Unter dem Entsetzen und Vernichleuwollen steht ein Mägdlein, von Schmerzen zerrissen und vom Entsagen gebenedeit, denn höret und bekreuziget euch: Aus Sturmfittiche:: ist ihr Herz davongeflogen und schreit wie ein vertriebener Vogel um sein zerstörtes Nest^bei Tagesürauen und Menddämmern, bei Sonnenglanz und Sternenschein nach der Liebe des Einen, des Einen. Und der Eine ist nicht Arnfried, der Treue, dem dies Herz aMelobt ist, sondern der andere, der Herrliche, der Sünder, der Starke, Aber die Jungfrau liegt vor dem Madonuenbftd und betet: Heiligste Mutter Maria, laß nichts hehlen können, wie ich ihn liebe! Nimm mein Leben, aber laß mich nicht treulos werden. Und ein Ritter trägt mit seinen Armen ein Kartaunenrohr über den Schloßhof, das drei Knechte nicht von der Stelle rühren können. Sagt, dort steht es nicht recht und dort nicht recht und trägt Und wuchtet, um es wieder und wieder zu verrücken. Ach, das Rohr steht recht an jeder Scharte, Ritter Wolf, aber heißes Blut muß im Joch gehn, sonst sprengt es' die leichten Fesseln. Und aus des Burg- kaplans alter, trauriger Schrift, die so nüchtern einen Buchstaben neben den andern malt, klingt in aller Zunge:: Süßigkeit Jung- Ilses Herzeleid, das dem alten Chronisten vertrant gewesen sein mochte wie die heftigen fünf Wunden. Ach, und wie der fromme Mann sich müht, nicht nach den grausen Rätseln der Vorsehung zu fragen! Und wie er sich doch nicht enthalten kann zu schreiben: Mägdelein mit den Blauaugen, lvarum mußtest du solches leiden, da du keinem Tierlein über den Weg gangen bist? Und mm das Schwerste kommt, llirrt Kerscbenberßers Wort wie Stahl, und hinter dichten: Visier birgt sich seine freundliche, biedere Seele.
„War am! Tage vor Trinitatis, da der Junker Arnfried mit vielem reisigen Volk, so er zum großen Teil aus Bettlern und Landstürzern gedungen, ingleichen mit Sturm- und Schanzzeug, so er auf seine Kosten zu sam mengeführ et, gegen Windeck an- gangen ist, daselbst eine Belagerung oder Bercnnung gar wohl erwartet worden war. An diesem Tage ist die Jungfrau Ilse zu den: Schreiber dieser Chronika kommen, bitteird, ihr die heftige Beicht abzunehmen und den Leib deS Herrn yw reichen. Hat um die Mittagsstund des folgenden Tages der Junker Arnftied begonnen^ sein Volk gegen die väterliche Burg zu führen und die ersten Schüß aus seinen Stücken zu lösen. Hat mehrere Tag gedauert, ohne daß eine der Parteien einen merloaren Vorteft über diiö andere gewonnen hätte, derowegen sich der Belagerer Stückmeister verschriebe::. Hat zwar, bis solche aus Nürnberg herankommen sind, der grobe Kampf e:n paar Wochen aus gesetzt. So dann aber der Feind
bogunn, mit Zwanzig Pfändern wider Me_ Burg zu schießen, sähe man des Kampfes ein grausam End Stund vor Stund näher heranrücken. Am andern Dag, da der Morgenstern im Osten herfürflackerte, sah man den Rittersaal in vollen Flammen stehend, aber niemand, der Zeit zu Löschen gefunden. Hätte man sollen festiglich glauben, daß es zweierlei Menschen in der Well gäbe, so nicht einerlei Geschlechts von Adam her, sondern wilde und zahme wären wie unvernünftige Tier, weil sie einander so grausam verfolgen. Ta es nun zum Höchsten gekommen und der Kampf um das Tor mit den Handwaffen begunn, hat man vom Luginsland Hornftöße vernommen und hinaufschauend hat man die Jungfrau Ilse gesehn, so hoch auf dem Mauerkranz gestanden ist, hinter sich den alten Wärtel, worauf der Kampf nachgelassen, maßen der Feind vermeinet, es soll von Uebergabe gesprochen sein. Da nun alle, Freund und Feind, auf den Turm geblicket, hat die Jungfrau die Arme gen Himmel gebreitet, einen Schritt vor sich getan und hat sich mit freiem Willen in die Tiefen gestürzet, allwo sie zerschmettert und ohne Leben aufgefunden worden. Solches Opfers hat sich die Vorsehung bedienet, einen Brudernrord zu hindern, wie dann Arnfried seine Leute von der Stell des begonnenen Werks entlassen hat. Haben sich an der Leiche der Jungfrau die Brüder die Hand zur Versöhnung gereichet. Hat sie keines seither mehr lachen sehn. Sind vielmehr in jungen! Jahren, der ältere in Nacht des Geistes, der jüngere auf dunllel Weis im Busch, verstorben..."
Ohne ein versöhnend Wort bricht die Chronik ab.
Nur unten in einer Ecke der letzten Seite stehen noch fern Und zierlich, zerschlissen und verblaßt, -ein paar verschlungene Zeichen: Posui finem curis. Spes et forfuna, valete: Ich habe den Sorgen ein End gemacht, Hoffnung und Glück, fahret dahin. Wer es ge-, schrieben, wird nie jemand toissen. Ohne Halt, ohne Zusammen, hang steht das da. Tränenschwer :md süß. Niemand weiß, ob der kleine Spruch die schuldlose Selbstmörderin meint, oder ob auch des Chronikschreibers Geschick mit dem ihren verstrickt gewesen.
Erinnerungen eines alten Sanitäters.
In der Handschriftensammlung der Königlichen Bibliothek zu Berlm befindet sich ein unansehnlicher, arg zerstoßener Band, dev 173 von einer unscheinbare::, schlechten Handschrift beschriebene; Blätter enthält. Aber diese keineswegs lockende Schale birgt euren Überraschend guten Kern. Denn das Buch hat sich bei näherer Prüfung als ein ungemein fesselndes und höchst wichtiges deutsches kulturgeschichtliches Denkmal erwiesen. Der bekannte Kultur- und Literarhistoriker Dr. Ernst Consenti:rs hat es als ein solches erkannt und in Druck gegeben. Es ist unter dem Titel „M e t ft e r
§ ohann Dietz" soeben erschienen. Wir kennen bisher keine ebensbeschreibung, die nur annährend mit solcher Ausführlichkeit von dem bürgerliche:: Leben in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts Kunde brächte wie die Selbstbiographie des Feldschers? und Hosbarbiers Johann Dietz nt Halle. Sie stellt ein rundes^ farbensattes Bftd jener Tage, wie sie der Bürger erlebte, vor uns hin und bftdet so eine neue Quelle, die unsere Kenntnis von den Zuständen dieser Zeit lvesentlich bereichert. Ir: seinem 70. Jahre begann Meister Dietz eine treue Beschreibung seines Lebens- „item alles dessen, was er wider die Türken, am Nordpol, in deutschen! Gauen und Gassen, rurter Soldaten, Räubern und Bürgern, Jungfern und Gespenstern, endlich in seiner Vaterstadt Halle mit zweien Frauen erfahre:: und so auf dieser Welt insgesamt hat' leiden müssen." Darin erklärt er an einer Stelle einige:: Breslauer Barbiergehilfen den Geist der Medizin, wie er chn begreift: ,,Nämlich: daß die Unive^al-Heil-Kur der Menschen hauptsächlich :n denen vegetabilibus, Kräutern, Gewächs und Baume:: verborgen, weil selbige mit dem menschlichen Leib und Geblüt ko:r- form. Die Minerftia aber selbigen zu hart, storrig, korrvsirisch und mehrentefts gefährlich und tödlich, wenn sie von denen U:v- erfahrnen gemacht; ja, wenn sie auch :wch so wohl präparieret^ dennoch bedenklich wäre:: und etwas Schlimmes hinter sich ließen. Ich machte ihnen :oe:tlLuftig das Argument, daß unsere eichen Elten:, Adam und 'Eva, von einem Baum die Siftwe in das ganze menschliche Geschlecht gebracht. Von der Sünde ftime der Tod und alle Krankheiten des Menschen, nach der Schrift. Nun Christus, unser Heft imb Seligkeit, als der rechte Samariter und Arzt zu helfen, habe nach der einigen Vorsehung Gottes am Holz des Kreuzes müssen leiden und sterben, uns dadurch wiedeimnt von den Sündenwunden zu beften, auch so viel Kraft und Vermögen in die Bäume, Wurzeln und Kräuter geleget, daß ich daftir halte: Wann wir die ersteve Erkenntnis vor dem Fall noch hätten (und nicht verloren), die Kräuter, Blunren mrd Stauden in ihrer rechten Zeit und Stunde zu kollizieren, wir würden damit große Miracula erweisen. Wie man teils itzo noch an einigen, ungelehrten Leuten mit höchster Verwunderung siehet, was sie tun." Auch an sich selbst brachte er diese Philosophie z:rr Ä:rwendung. Davon berichtet er, als er anno 1786 mit der bra:ft>enb:rrgischen Artillerie; als Feldscher die Belagerung der Festung Ofen mittnachte und von der roten Ruhr befallen toard, „so heftig, daß jedermann, lich selbst, meinte: ich müßte an dieftr schmerzhaften Krankheit sterben. Ich lag im Zelt mit alten Lumpen und Säcken bedecket. Keins Arznei joollte helfe::. Konnte gar nichts esse::, obwohl sonst Schmal-Hans unter vielen regierte . . . Nun, ich lag so da in


