Ausgabe 
16.12.1915
 
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Reusch-Mutter/ sagte er zu mir, ,sonst packt mich noch das graue Elend, da droben in meinem einsamen Hause; man sitzt ja schon genug allein, Abend für Abend/ "

Von Eke von Selbach form kein Laut, da fuhr die Blinde fort:

Da hat sich's denn halt so gemacht. Er ist öfter einmal gekommen, der Herr Bertsch, und schließlich hat er beinahe jeden Abend hier gesessen. ,Sie sind doch wenig­stens ein Mensch, Reusch-Mutter, mit dem man reden kann, lieber alles, wenn's sein muß/ sagte er mir einmal. Und er hat mir denn auch so manches erzählt, wovon er wohl sonst nie zu einem Menschen ein Wörtlein gesagt. Bin ja freilich auch schon seiner Mutter selig die beste Freundin gewesen."

Noch immer schwieg Eke. Aber ein schwerer Atemzug klang herüber zu der Greisin. Da wandte diese die licht­losen Augen zu der jungen Frau hin.

Er ist ein guter Mensch, der Herr Bertsch. Es ver­kennt ihn wohl so mancher. Denn er ist hart und rauh nach ,außen. Es ist wahr auch er hat seine Schwächen, und es ist heißes Blut in ihm. Das hat ihm wohl schon manch­mal bitter Leid eingebracht. Ihm und andern. Aber ich meine: das kann halt nicht anders sein. Leute wie er, die

I o Großes vollbringen im Leben, haben eben eine über- chäumende Kraft. Die macht sich einmal Luft, hier und >a. Aber wer ihm das zur schweren Schuld anrechnet- der tut ihm unrecht. Ganz gewiß."

Wie ein leises, eindringliches Mahnen klang es. Da ging ein Regen durch Eke von Selbach.

Ja, wenn jeder dachte wie Sie."

Und sie reichte der Greisin die Hand.

Leben Sie wohl, liebe Frau Reusch. Sie werden alück- lich sein, wo Sie auch weilen, denn Sie haben das Beste in sich, was uns Menschen gegeben werden kann die Güte, die alles versteht."

Mit einem langen, schmerzlichen Pressen umfing die junge Hand die welken Finger, dann ein leises Aufrauschen der Gewänder die Reusch-Mutter saß wieder allein unter der Linde.

*

Eke von Selbach stand auf dem Dalkopf. Gerade ihr KU Füßen lag drunten der Ort, dessen Stunden nun gezählt waren. Regungslos blickte sie auf die ausgestorbenen Gassen, die verlassenen Häuser. Und jener Stunde mußte sie ge­denken, wo sie hier oben mit Gerhard Bertsch gestanden- wo er ihr den großen Plan enthüllt.

Nun war zur Wirklichkeit geworden, was damals nur erst in seinen kühn hinstürmenden Gedanken lebte. Das Große war vollbracht. Aber wie anders, als sie beide es sich damals gedacht Hand in Hand, mit hochaufschlagen- dem, glücksgewissem Herzen.

Mit einem leeren Blick schaute sie hinaus über die totgeweihten Gründe drunten, die zum letztenmal der gol­dene Sonnenschein liebkoste. Doch nun riß sie ein lauter Weckruf aus ihrer Versunkenheit. Von weit her, aber deutlich vernehmbar: Fanfarengeschmetter, dann ein Choral. Feierlich wallten die ernsten, vollen Klänge über das schwer-^ gende Tal hin und kehrten in schwächerem Widerhall von den Bergwänden zurück. Drunten an der Sperrmauer be­gann die festliche Einweihung.

Weit beugte sich Eke über die Brüstung vor. Auf der Höhe neben dem Staudamm ward ihr das buntbewimpelte Festzelt sichtbar. Da zuckte es um den herben Frauenmund. Nun verlebte er dort die große Stunde seines Lebens unter den Tausenden, deren bewundernde Blicke an ihm hingen. Nur sie war ihm fern. Uird wie in einer Vision sah ihre Seele, die es in leidvollem Suchen zu ihm hintrieb, was sich dort begab.

Eine glänzende Versammlung, Männer von hohem Rang in jener Welt des äußeren Scheins, mit vornehmer Würde im Schmuck glitzernder Orden und goldprunkender Uniformen. Und zwischen ihnen er in schlichtem, schwar­zem Gewand, aber auf der kühn gewölbten Stirn das höchste Ehrenzeichen, das keine Fürstengnade verleihen kann.

Nach Trompetengeschmetter und Choralklang die großen, tönenden Worte, die dem vollendeten Werke galten, seine ge­waltige Bedeutung den herbeiströmenden Tausenden kün­deten. Zwischen den stolz hinrollenden Lobhpmnen auf den unaufhaltsam vorwärtsdrängenden Siegeszug der Technik freilich auch ein ernster, stiller Seitenblick hin zu dem, was

gefallen war unter dem malmenden Tritt des neuen, eisernen Zeitalters: den Männern von Rödig und ihren Leidens- gefährteti im Rauhen Grunde, die von ihrer Scholle hatten gehen müssen, ein ehrendes Gedenken ihrer schweren Opfer: Sie gaben der Ahnen Gräber und den eigenen Herd." Doch von den Besiegten hin zum Sieger! Und nun richteten sich die Augen all der Tausende auf ihn, zu dem sich jetzt der vornehme Sprecher wandte, mit huldvoll anerkennender Gebärde.Da steht er vor uns, der Mann, dessen Haupt der schöpferische Gedanke entsprungen! Seine gigantische Wucht überkommt uns heute voll angesichts dieses Riesen­walls aus Quadern, die dem Anbranden eines entfesselten Ozeans trotzen zu sollen scheinen. Mit fast vermessener Kühnheit ersonnen, doch mit kühlem Scharfsinn durchdacht in seinen Einzelheiten, und mit stählerner Energie dann durchs geführt, allen Hindernissen zum Trotz, in jahrelangen Mühen, so steht heute das vollendete Werk vor uns sich selber zum Ruhme und dem Manne, der es geschaffen!"

Und wieder Fanfarengeschtnetter, brausende Zurufe der Tausende, aber starr steht der, dem die Huldigung gilt. Blaß im Bewußtsein des Augenblicks, doch im Antlitz jede Muskel gestrafft und um die Mundwinkel einen fast herben Zug. Jubel der Menge nie hat er danach gegeizt. Er weiß, was er wert ist! Und der blendende Ordensstern, den ihm jetzt die Hand des vornehmen Redners an die Brust heftet was soll ihm das, dem Manne der Arbeit? Wohl hat er sich einmal einen Lohn gedacht in dieser Stunde an: Ziel. Aber wo waren die Augen, deren stummes Aufleuchten über die Köpfe der Tausende hinweg sein Herz voller Stolz hätte auf- schlagen lassen?

Und die, der sein Gedenken galt inmitten des branden­den Festjubels, saß einsam in selbstquälerischem Grübeln. Warum hatte alles so kommen müssen? Ach, daß sie damals, wo sie ihr Schicksal noch in der Hand gehabt, so töricht un­erfahren gewesen war! Sich selber und dem Manne gegen­über. Warum war ihr damals noch nichts zu eigen von dem Wissen, das ihr dann die Ehe gebracht, in bitterem Leid? Warum nicht ein Funken nur von dem großen Verstehen der alten Frau da drunten, die mit einem einzigen klugen Wort den Schlüssel gefunden zu seinem Wesen, das sie erschreckt und davongescheucht hatte damals im Aufbäumen ihres törichten Mädchenswlzes. Warum warum nicht?

(Fortsetzung folgt.)

Die Letzten von windeck.

Von Otto Braun.

(Schluß.)

Mar iftit des Maien Beginn, da sich zu erfüllen anhüb, was der Herre über Windeck beschossen, des Geschlechtes Schuld zu sühnen. Stand um die Auffindung des hochheiligen Kreuzes die Welt rings in einem Blühen, so man schöner sich nie gesehen zu haben erinnern vermochte. Da nun an jenem Tage begann auch der Jungfrau Ilse Geschick sich zu vollenden. Es schickt sich ein Ding auf mancherlei Weis. Des einen Unstern kommt staffelweis mrd allgemach, und einen andern iiberfällt sein Unglück als eine Merkte wilder Tier. Also ist es mit Jungfer Ilse gangen. Da dcw Junker Arnfried von einer Jagd heimkehret und nach ihr fraget, ihme aber bedeutet wird, sie sei auf den Turm gestiegen, ist er desselbiaen Weges. Siud die beiden nach Verlauf einer Stunden herabgerommen, vor dem Sckireiber bäefer Chronika, dem Gott eine selige Urständ schenken wolle, ein Eheversprechen zn besiegeln also, daß der Junker zu ihr und sie zu dem Junker halten wolle, bis sie vor dem Altar zusammengegeben und darüber bis an ihr Lebensende. Waren ein Pärlein, wie von Gott für einander geschaffen, den Schwälblein vergleichbar, so an der Hanswand ihr Nest zu bauen fliegen. Bescheidenttich sei dem Chronisten zu mutmaßen verstattet, daß folgend Zusammentreffen dem Junker die Zunge gelöset, also daß er sich zu sagen getrauet, was ihme das Herz schon länger beschwert haben mochte. Sollte zn jener Zeit nämlich der Junker Wolf, so an drei Jahren in der Fremden ge- weilet, zurückkehren, und wollte wohl der jüngere Arnfried vordem! sein Glück gesichert wissen. Vergingen ein Wochen auf zwei in eitel Lust und Wonnen. Aber zu Jubilate ist Junker Wolf aus der Fremden heim ge kehret auf sein väterlich Schloß, allwo ihme Mutter, Bruder, Jungfer Ilse ingleichen das Jngesind einen gar festlichen Willkomm bereitet haben. Ließ es aber der Herre ge- schehn, daß ihme heiße Leidenschaft zu seines Bruders angelobter Braut, so er lange Jahre nicht gesehn, ins Herze gefallen ist, dergestalt, daß er, an rasck>em Wesen und jachem Handeln seinem Vater nicht unähnlich, seinem Begehren nicht zu gebieten vermochte, vielinehr den Versuch gemacht hat, die Jungfrau Ilse zu überreden, von seinein Bruder 'abzulassen und ihme, Wolf, zu folgen, maßen