Ausgabe 
16.12.1915
 
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Die vom Rauhen Grund.

Noman von Paul Grabein.

Copyright 1914 by wrethlein & To.. G.m.b. tz.. Leipzig. Gesetzlich« For.

Mel für den Schutz des Inhalts in den Vereinigten Staaten von Amerika.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

jittb diesem Abschied folgte ein anderer. Noch ergreifen­der vielleicht. Zum letzten Male waren sie ja hier alle bei­sammen in der Dorfgemeinde, die friedlich miteinander ge­haust, so lange man denken konnte. Durch Bande der Ver­wandtschaft und Freundschaft waren sie fast alle untereinan­der verknüpft, eng verwachsen seit Geschlechtern schon. Nun kam der Tag, der sie voneinander riß und hinausstreute in alle Winde wie eine Handvoll Spreu. Denn hier und da hin trieb die heimatlos Gewordenen nun das Schicksal. Einige wenige nur hatten noch Platz zum Siedeln gesunden droben im Oberdorf oder unten in dem neu erstandenen Jndustrieort Reuschfelde. Die meisten fegten das Leben hinweg, nie wieder würden ihre Wege sich kreuzen. Von Scholle und Haus, von Freundschaft und Familie gerissen, das war das Los derer von Rödig. Und in ernsten, wctterharten Männergesichtern glänzte es feucht, wie es nun an dieses Scheiden ging in den Trümmern des alten Gotteshauses.

Da wandte sich Eke von Selbach still ab. Es kam ihr ein 'Gedenken. Noch einen andern Abschied gab es, an den sie alle nicht dachten in ihrem Leid, da drüben! So schritt sie hinaus, zu dem Friedhof, der die Kirche umgab. Da lagen sie, unter blühendem Hollunder und ernstem Taxusgrün, die stillen Schläfer, die vordem über diese Erde geschritten. Nun würden auch über ihre Hügel die dunkeln Wasser rauschen und ihnen ein Schlummerlied singen.

Langsam ging Eke so über den, Gottesacker, bis hinten zu der besonders umfriedeten Familiengruft, wodie wohl­edlen und ehrenwerten Herren von und zu Grund" lagen, seit mehr denn vier Jahrhunderten. Und sie wandelte die lange Reihe der hohen Grabplatten an der Mauer entlang, moosbedeckt, mit seltsam verschnörkelten Ornamenten und verwitterten Inschriften. Bis hin zu der letzten in der Reihe, die den NamenHerrner von Grund" trug. Lange stand sie dort und blickte auf die Züge der Inschrift. Mm würde auch dieser Name ins Dunkel versinken wie der Boden, iiber den seine Träger dahingeschritten mit starken .Herrenschritten.

Doch endlich wandte sich Eke ab !u!nd ging zurück dlrrchs Dorf. Ueberall begegneten ihr jetzt Familien, das Bündel in der Hand, oder aus hochbeladenem Wagen neben ihrer Habe. Denn es galt, sich zu eilen. Noch heute würden die Leute kommen^ die alles für die Sprengung morgen vor­bereiten sollten. In derselben Stunde, wo morgen drunten das neu erstandene Mesenwerk der Sperre seine feierliche Weihe empfangen sollte, wiirde hier die .Vernichtung ihr Werk vollenden.

Einer Flucht vor dem hereinbrechenden Feinde glich das Hasten in der letzten Stunde des Orts. Staunend hielt Eke daher bei ihrem Abschiedsgange jetzt den Schritt an. Vor einem Hause stand noch ein Wagen, nahezu voll oc* laden. Nur letztes Gerät trugen ein paar Männer noch herzu, in größter Eile. Der Spitz vor seiner Hütte sah es mit steigender Erregung an. Bei jedem Gegenstand, den ne aus dem Haust trugen, heulte er kläglich aus, als wurde ihm damit ein Stück des festen Bodens nach dem andern unter den Füßen sortgerissen. Und nun verkroch er sich mit klirren­der Kette, ängstlich winselnd, in der hintersten Ecke ferner

Hütte.

Im seltsamen Gegensatz zu all dem stand die Ruhe einer alten Frau, die auf dem Bänkchen unter der Linkst vorm Hause saß mit still gefalteten Händen. So blickte sie geneigten Hauptes vor sich hin, als berühre sie das hastende Treiben um sie her gar nicht. ....

Genauer unterschied Eke jetzt die Züge der Grersrn Und erkannte die Reusch-Mutter. Da trat sie zu ihr hrn mit freundlichem Gruß.

Die Blinde hob fragend den Kopf.

,Hch bin Eke von Selbach."

Die Greisin nahm ohne (Überraschung die ihr gebotene Hand.

So sind Sie doch auch gekommen, um Mschied zuj nehmen? Ja, ja es hat sich vieles geändert seitdem."

Und das Kirrn sank ihr müde auf die Brust.

Eke blickte sie an in mitleidsvollem Verstehen.

Sie haben Schweres durchmachen müssen auf Ihre alten Tage, liebe Frau Reusch."

Die Blinde nickte traurig.

Ich Hab's ja immer gesagt: es bringt kein Glück. Nun hat es ihnen auch keines gebracht allen dreien nrchü Ich alte Frau bin allein Hier üsbrig, die längst schon hätte gehen sollen. Aber wie Gott will."

Beide schwiegen sie in ernstem Sinnen, dann aber beugte die Blinde ihr Haupt vor und atmete tief. Ein sanft ver^ klärender Schein flog über ihre Züge.

Was die Linde schön duftet! Das ist alle Fahr' uw diese Zeit immer meine größte Freude gewesen. Seit meinen Kindertagen an. Nun nehme ich diesen Duft in Erinnerung mit mir fort, als letztes Geschenk der Heimat, in die Stadt."

Wie? Sie wollen in die Stadt ziehen?"

Mein Bruder will tzs so. Er langweilt sich hier, jetzt, wo er nichts mehr zu tun hat."

Aber das wird Ihnen schwerfallen, liebe Muttex Reusch. Auf ihre alten Tage noch."

Freilich. Und ich hätt's ja auch nicht gebraucht. Der Herr Bertschhat mir Unterkunft angeboten in seinem Hause, aber ich mochte doch meinen Bruder rächt allein lassen."

So, der Herr Bertsch"

Ja, wir haben uns nämlich etwas aneinander ge­wöhnt, diesen Winter. Am Weihnackstsabend war's, da kam er zu uns. ^Lassen Sie mich ein Stündchen bei Ihnen blechen,