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er nicht kommen; er kam nie mehr. Das Lebewohl gestern abend, das ihr gleich so seltsam geklungen — es war sein Abschied gewesen von ihr.
Ekes Ah-n-en erfüllte sich. Auch der Abendzug brachte. Eberhard von Selbach nicht zurück. Dafür traf ein Brie' von ihm ein. Der lautete:
„Liebe Eke,
nun ist gekommen, was kommen mußte. Das Verhängnis ist im Anzug, und nichts wird es mehr aufhalten.
Was ich Dir gestern abend sagte, es ist die Wahrheit gewesen. Ich habe mich durch Reusch zur Beteiligung an seinen Gründungen verleiten lassen. Mit seinem Zusammenbruch ist alles verloren, auch für mich. Soweit ich es bis jetzt übersehen kann, werden die gegen mich geltend gemachten Forderungen bis zum letzten Pfennig aufzehren, was mein Anteil ist an unserm gemeinschaftlichen Besitz.
Aber das ist nicht das Schlimmste, was ich Dir angetan habe. Ich habe Dir die Treue gebrochen seit Monaten schon. Aber seit gestern abend erst weiß ich es: Du ahntest es, schon lange wohl, und schwiegst trotzdem. Das ist es, was mich jetzt zu Boden drückt. Vov solcher Gesinnung erscheint mir mein Verhalten, meine notgedrungene Heimlichkeit — ich durfte ja nicht reden um jener Frau willen — so schlecht, daß ich kein Wort Vorbringen kann, nicht einmal zur Erklärung, wie alles gekommen. Denn ich habe Dich einmal sehr lieb gehabt. Aber verzeih', daß ich es wage, jetzt noch davon zu reden.
Die Frau, die mein Schicksal geworden ist, kennst auch Du. Es ist Marga Steinsiefen. Ihre Ehe ist unglücklich geworden, wie es die unsere ist. So fanden wir uns. Und nun gehöre ich zu chr und kann nicht mehr von ihr lassen. Schon längst planten wir einen entscheidenden Schritt. Jetzt gab die Katastrophe mit ihrem Bruder den Anstoß, Marga will der Schande aus dem Wege gehen, die ihre Familie betroffen. Da rief sie mich urch ich folgte. Wenn Du diese Zeilen liest, sitzen wir schon im Expreße der uns an die Riviera führt.
.. Damit ist denn der Schritt getan, der uns auch äußerlich trennt, nachdem wir innerlich längst nicht mehr zueinander gehörten. Du wirst, ohne daß. ich Dich besonders darum bitten müßte, die Scheidung gegen mich und so wird in wenigen Monaten auch das letzte Band von Dir abfallen, das Dich noch der Form nach an mich bindet. - "
Manchmal frage ich mich, wie das alles geschehen konnte, ^ch bin doch, stets als ein Mensch ohne große Leidenschaften ruhig meinen Weg gegangen. Warum nun >*" — Aber was nutzt bas Fragen,- es hat wohl nicht anders kommen sollen.
Und was ich- Dir damit angetan — ich erbitte und erhoffe keine Verzeihung. Deinem Herzen habe ich ja keine Wunden geschlagen. Es hat mir nie gehört. Deinen Frauenstolz freilich habe ich mißhandelt. Aber wer kann gegen sein Schicksal? Und Du bist noch jung. Du wirst verwinden und vergessen, was Dir von mir geschehen wre mich selber den ein verhängnisvoller Irrtum in Derne Lebensbahn geführt hat. Eberhard."
Eke hob die Augen von dem Schreiben. Nun sah sie erst: da stand ia noch Anne-Marie, die ihr den Brief gebracht, sammen e '* Cr saltete fte das Schreiben wieder zu-
w A®! öut brauche dich nicht mehr. Uebrigens —" Mädchen war schon zur Tür hin —, „der Herr schreibt ^u, daß ferne Geschäfte chnnoch länger fernhalten — und
mir alles?urech7"^ ^ Wfe a(fo aud} ' morgen früh. Leg'
Dann war sie allein. Still war es um sie her die nun ganz einsam geworden. Nur ein leises, zitterndes Knistern klang von dem Brief, den ihre Rechte zusammengepreßt
So stand sie lange. Doch dann schritt sie zuin Kamin ^ sot aufzungelnde Glut verzehrte Eberhard von Selbachs verblieb^" Häuflern grauer Asche — es war alles, was
ging sie zum Schreibtisch, wo sein Bild' ftmtfr rrt schlichtem, dunkelm Bronzerahmen. Seine Gabe zu ihrer Verlobung. Lange bückte sie auf seine Züge. Es umr etwas GJiite3 / Offenes darin. Da atmete sie tief, wie unter einer {fe« HEe sie ein Recht, hier zu verdammen? Hatte er. in ferner Ehe tote Frau gefunden, die ihm ihre Liebe
gegeben, so wäre er nie auf die Bahn geraten, die ihn nun ins Verderben zog.
Da setzte sie das Bild auf den Tisch zurück und ging hinaus in ihr Schlafzimmer. Aber in der letzten Nacht, die Eke von Selbach unter dem Dach des Lldligen Hauses verbrachte, ohne eine Stunde Schlummer, in dieser Nacht brach der hochgespannte Stolz, alle Selbstgerechtigkeit ihres We- seus zusammen. Eine blasse, müde Frau schied am andern Morgen, um hiuauszujgehen in die Welt — weit fort) irgendwohin. Eine Frau, der nichts Menschliches mehr fremd, der das große Verstehen gekommen war für das Irren armer, von ihrem Dämon getriebener Herzen.
*
Der Winter war hingegangen über die Erde. Ein heißer Sommer war ihm gefolgt, und wieder war es Winter ge- worden. Hart und lang hatte seine frostklirrende Fessel das Land gedrückt. Endlich aber war auch er gewichen vor dem Befreier Lenz, und nun lächelte selige Sommerbläue über der neu ergrünten Flur.
Ein großes Sehnen und Drängen nach Reife, nach Vollendung ging wieder durch die Natur. Vor seiner Vollendung stand da auch das gewaltige Werk von Menschenhand, das den Namen des Rauhen Grundes weithin trug durch alle deutschen Gaue.
Seit Monaten schon meldeten es immer wieder die Zeitungen. Der Talsperrenbau dort oben im Siegerland, der einer der größten auf dem Kontinent sein würde, in kurzen Frist würde er seiner Bestimmung übergeben werden.
Und nun waren es nur noch Tage bis dahin. Mit fiebernder Eile mühten sich Hunderte von Händen, noch die letzten Griffe zu tun an dem vollendeten großen Werke, um würdig alles vorzubereiten für die Feier, mit der es eröffnet werden sollte.
(Fortsetzung folgt.)
vairansreunoe.
Von E. B r a n n h o f f.
. , An: lange Feldjäger war bei mir zu Gast, der seit Beginn! des Krieges durch aller neutralen Herren Länder mit seiner Depeschenmappe reist. Er erzählte, wie er bei einer wilden Autofahrt büf hmter Kielce unter russischen Granaten und nächtlichen kleberfallen fern Eisernes Kreuz verdiente. Erzählte, wie er mit knapper Not dem feurigen Pfüchteper kroatischer Landsturmleute entronnen sei und wie er am_ Balkan drei Freunde erworben habe ... Er lachte in sich hinein. „Ja, meine drei Balkanfreun.de . . . Tie ^^r^, "bsonders da die politische Lage damals noch völlig luv 6Eart war, immerhin kleine Schattenrisse eines größeren Baues Ter erste war der bulgarische Posten in der Grenzstation. Ich hatte einige Formalitäten zu erledigen und wollte, daß der Soldat das mrr izahlrenh anvertraute, in seiner Nähe ausgeftapeltg Gepäck bis zu meiner Rückkehr im Auge behalten sollte. Ich zog meme Börse, wie >ich es von Rumänien her gewohnt war und war }. m r ^grlff den Posten daraufhin einfach anzusvrechen, als ein liebenswürdiger Beamter mich warnte. Ich würde hier tödlich beleidigen Und nun gabs eine entzückende Komödie. Ich hielt eme Rede von so viel Höflichkeit und Würde, als gelte es ^ Guust eures freren Standes Herrn nachzusuchen, und der Beamte f-wi ^ouso. Der Soldat grüßte stramm und antwortete mit feierlicher Freundlichkeit, ich und das Meine stündeu bis zur Nachit unter semem Schutze. Als er gegangen war, legte ich wortlos nn gwßes Geldstuck auf mein Gepäck und beobachtete ihn voll ferne Er ging auf und ab. Sah plötzlich das Geld. Verzog keine Miene vorüber, nur einen Schritt breit näher als vorher. Strich ^mitten lang werter auf und nieder, bis er dicht heran! war. Lehnte sich wre absichtslos an das Gepäck. Blinzelte in die Aonne, griff wie Stutze suchend langsam hinter sich.. Ein ÄE^.ller Blick den Bahnsteig entlang... Er nahm seinen Gang wieder auf, unbewegt und steinern wie ein Römer. Ich iiber- e n J 1 ^ 1 . lächelnd, daß mein .Geldstück seinen Weg gefunden hatte und gmg memm Geschäften nach. 9 1
Ci ? ei ‘ "och eine Ueberraschung: Als ich zurückkam
prach mich der Beamte an, der Soldat ließe fragen, ob und wann ipLn 1 ? 1 ? ^ le 5s ^urchkäme. Er würde mir dann etwns zu über-,
m 2??' "l"""ch sehr zu verwundern und antwortete, rch> käme wohl wieder, ich Wiste aber nicht, wann.
Ich hatte diese kleine Episode ausser Rückreise längst öerqeffai.
Soldat stand Posten. Wer siehe da. bet Sömmtecr* famite mich bei der Abfertigung, 1 um fte mir lächelnd und über-- Erstauntem eine kleine wertlose Stickerei dessen Frau gefertigt 'habe, „als lv ledergesehen, meinen bulgarischen x vielleicht treffe ich ihn nächstens in Serbien. Aber seine ruhrende Gape, ohne die bulgarische Ehre ihm verboten hätte.


