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wein ziemlich hohes G-eschenk anzunehmen, — denn als Bezahlung eines Dienstes durfte er, auf Posten stehend, es nicht auffassen, «— hat mir viel zu denken und zu hoffen gegeben seither.
Er ist <ruch schuld, daß ich dem rumänischen Hauptmann, der in der Eisenbahn begeistert über Deutschland sich ergehend, wenn mich im Pariserischsten Französisch, meine Bekanntschaft suchte, so schnell nachgab, als er sich erbot, in „Bukareschit-" mir die Herrlichkeiten der Stadt ziu zeigen. Er versicherte mir dauernd, es sei ihm noch nie ein Mensch so sympathisch gewesen, und ec schenkte mir noch in der Bahn zum Zeichen bleibender „Freund« schaft" seine Photographie in großem Format.
Er führte mich also an jenem Abend wirklich durch die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Ersparen Sie mir zu berichten, w a s er mir zeigte. Es wnröe eine ziemlich teure Sache, undi mein rumänischer Freund ließ es sich durch keinen Widerspruch nehmen, mich überall als seinen Gast zu betrachten. Ich fing nachgerade an, die fürstliche Verschwendung zu bewundern. Da, — gegen Morgen, kurz vor dem Aufbruch, — zog mein Freund meinen Arm in den seinen, meinte, wir müßten Brüder fern, und der Kamerad mtisse ihm jetzt einmal mit einer Summe aushelfen, er habe durch Zufall nichts mehr bei sich. . . Nun, die Nacht war lang und die Summe hoch. Mit vielen Händedrücken trennten wir uns. Ich verwahrte die teure Photographie mit einiger Nachdenklichkeit und habe ihn seither noch nicht wiedergesehen.
Ich war daher ein wenig zurückhaltend, als ich bei einer meiner nächsten Reisen das Wohlgefallen eines türkischen Leutnants so sehr erregte, daß er mir nicht nur in fremdartigem Deutsch mein Vaterland pries als die Mutter Europas, sondern aus 'der langen Fahrt mir geradezu rührend jeden Wunsch an den Augen absah. Und hatte dabei so eine warme, treuherzige Art, die mich fast an schwäbisches Wesen gemahnte, daß ich schließlich einwilligte, als er sich erbot, wir das Schönste von Gospoli, wie Konstantin nopel am Balkan genannt wird, zu zeigen. Erst aber müsse ich sein Gast sein, bei einem Glase Bier. . . Es wurde wahrhaftig nur ein Glas Bier, und er bezahlte es nnt riihi'endem Stol^ und der ganzen Anmut des Orients.
Dann brachen wir auf, nach Eyub, der berühmten Totenstadt. Auf dem langen Wege entwickelte mir mein Begleiter mit seiner dunklen sanften Stimme mit staunenswerter Sicherheit die strategischen Anlagen auf Gallipoli. . . Mer als er mich dann in das Paradies des Todes führte, sprach er kein Wort mehr. Es ist ein Unsagbares um dies Eyub, wo zwischen schwarzen Zypressen auf sedem Grab zwei weiße oder graue Monolithe in den kobaltblauen Himmel ragen, alle gleich, alle von jenen fremden Zeichen des Korans umwuchert, als ob irdischstes, funkelndes Leben und mystische Ewigkeit hier seltsam sich verschlungen hätten. . . Ich begriff daß mein Begleiter mir vielleicht nicht das Schönste, aber das Tiefste und Edelste von der Seele Gospolis, der Seele des Morgen-, landes, gewiesen hatte.
Als wir uns nach der lautlosen Feierstunde verabschiedeten, glitten seine weiche, dunklen Augen an der dunstigen Küste Asiens entlang, schweiften weiter gen Westen, rmd seine Stimme hatte einen merkwürdig funkelnden Ton: „Vielleiäst sehen wir uns einmal wieder, — in der Ferne. . . Grüßen Sie mir Deutschland. .
Der Feldjäger lächelte. „Meine drei Balkanfreunde werden pur unvergeßlich sein. ,
vom Zreude schaffen.
Von N. Kaulitz-Niedeck (Trier).
Die Kunst, Andern eine Freude zu machen, haben viele Menschen in dieser Zeit gelernt. Nicht allemal sind es die Reichen, mit Erdengütern gesegneten, die darin so manche hübsche Probe ablegen, Zwn Freude schaffen gehört ja nicht immer Geld und Besitz, nur ein spendenfrohes, hilfsbereites Herz, ein geweckter Sinn und viel Erfindungsgabe. Tie Erfindungsgabe ist fast der lvert- vollste Vermittler dabei. Wer herausfindet, wie er helfen, raten und schenken kann, ist ein großer Lebenskünstler. Das Schenken und Helfen hat dieser große, heiße Krieg gelehrt. In einer engen Erkerwohnung, hinter Tüllgardinen, zwischen altertümlichem Gestühl lebt eine bejahrte Dame, sie gehört keinem zu, und keiner gehört zu ihr. Seit aber in der Stadt die feldgrauen Verwundeten weilen, hat sie Freundschaften geschlossen und großen Anhang gesunden. Ihre Schützlinge und Freunde sind die Verlvundeten, und jeder neue Tag gibt ihr neue schöne Mfgaben. Von ihrem Fenster ans blickt sie in den Winkel eines Klostergartcns, in dem die Genesenden herumspazieren. Als dort die ersten Verwundeten auftauchten, trugen ihre Zimmerblumen die ersten Frühlings- . bluten, sie schnitt sie ab und warf sie mit einem Morgengruß ernem auf Krücken gehenden Verwundeten zu. Der Mann war gerührt und beglückt über die bescheidene Blumenspende und dankte ihr rn munterem Gruß. Von ihrem Fensterplatz ans hat sie viel beobachtet und inancheii heimlichen Blick getan in Menschenleben Ern junges Paar wandelte eines Tages dort zwischen den Bnchs- baumpfaden auf Nick) nieder. Sein linker Aermel hing»-leer ani Körper Sw wir bleich und sehr bescheiden gekleidet. Und die Beiden sahen sich so voller Liebe an, und beim Abschiednchmen kam |te immer wieder vom Gartentor, bis wohin er sie begleitete zu
ruck. Das Fortgehen schien ihr schwer zu werden. „Wohl kriegs- getraut," dachte die alte Frau an ihrem Förster und öffnete die Scheiben, ries der jungen Frau ein freundliches Wort zu und bat sie, zu ihr hinauf zu kommen. Ms dem Erstaunen der Beiden wurde Verträum. Das junge Kriegerfrauchen trat ein in die Stube der Einsamen, ließ sich in einen weichen Stuhl drücken lwß sich die Hand streicheln uird sprach sich alles, was ihr Herz schwer machte, herunter. Um ihren jungen Kriegsgatten wieder- znsehen, hatte sie die weite Reise unternommen, es hatte Geldopfer gekostet. Nun wollte sie wieder heim, noch in dieser Nacht, weck sie ja keine Mittel besaß, um in ein Gasthaus zu gehen, „zollte id) so arm fern, daß ich dieser jungen Mitschwester nicht helfen könnte?" dachte die Me. Eine Lagerstätte für eine Nacht, oder auch für zwei Nachte, die kann ich ihr doch bieten." So blieb die junge Frau über zwei Tage, und sie hatte die Freude, den Gatten täglich zu sehen und in seiner Gesellschaft zuzubringen, ^n das trauliche Stübchen der alten Dame kamen häufig die Verwundeten, besahen die alten Bckder an den Wänden, lasen Bücher, plauderten, und andere saßen ganz still -rnd glücklich auf irgend ein ein weichen Sitz, träumten von ihrem eigenen -Zuhause. Was ihnen die alte, liebe Frau bot, waren keine Gaben, die sich nt den Händen davontragen ließen, das war ein inneres Beschenken und Reichmachen, ein Ansteilen an Herzlichkeit und Munterkett. Mancher, der geheilt das Klosterlazarett verließ, druckte der Frau inuig dankbar die alte mütterliche Hand. Von einer andern Dame erzählt man, daß sie auf allen ihren Spazier- wegen im Sommer Tüten mit Blumensamen mit sich nahm und überall an den Bahnstrecken Blumensamen ausstreute, damit, wie fie sagte, unsere tapferen deutschen Brüder, wenn sie heimkehren, durch freundliche Landschaftsbilder begrüßt würden. Sie gewann auch alle ihre Bekannten für ihren Gedanken, -ganz besonders! aber die Schuljugend, die fleißig in Gärten und Wäldern Blumen* famen sammelte und ausstreirte. Eine andere Frau bessert die Wasche der Verwundeten aus; sie fragt nicht lange, sonders Packt zu wie erne sorgende Mutter. Sie hat ein allerliebstes Hünd- wen, das allerlei spaßige Kunststücke machen kann. Das bringt sie den Kranken, vor denen es seine drolligen Stückchen macht, und mancher m Schmerzen verzogene Mund findet sein Lächeln wieder. Ein alter Herr, der eine wertvolle Briefmarkensammlung besitzt, befucht die Verwundeten, verschenkt an Sammler Marken und tauscht auch mit ihnen. Alle diese in der Stckle wirkendes Freudenspender leitet der Gedanke, jenen, die für uns so viel getan und geopfert haben, einen kleinen Teil der Dankesschuld bescheiden abzutragen.
vermischtes.
* Die englischen Film-Soldaten. Die in England Zur Hebung der Stiinmung und Förderung der Kriegsbedürmisse nt Szene gesetzte Reklametätigkeit, der kein Mittel zu schlecht scheint, wenn es nur eine schwache Hoffnung auf Erfolg birgt, hat sich naturgemäß auch der Filmtechmk als Propagandamittel bemächtigt. Was die Regierimgsmaßnahmen, die Volksreden der Minister und Politiker, die Zeitungen und die nimmermüde Phantasienachrichten- sabrik des Reuter-BureauS nicht vermochten, s^ll nunmehr durch die Mobilisieriing der Filnts verivirklicht werden. Wie die ameci- kamsche Zeitschrift „New York Poviilar Science Monthly« in einenr ,L n g e n s i l m s" überschriebeneii Artikel berichtet, ist die Fabrikation von Kriegsfilms in Englaiid neuerdings in grobem Maßstabe von den Behördeii organisiert worden. Zinn Schauplatze der heroischen englischen Kampftaten erwählte man ein grobes hügeliges Gelände an der Südküste, das brn Besuchern der Kinotheater ab- wechse iid als polnischer, französischer oder flandrischer Kriegs- schaliplatz vorgesubrt wird. Landarbeiter, Bauernsöhne mid alle mutzigeu halbwüchsigen Burschen aus den umliegenden Ortschaften wurden als Darsteller gewonnen und in die eigens zu biefem Zwecke angelertigten Uniformen der britischen, deutschen und russischen Armeen gesteckt und ans das Gelände geführt um in ihren neuen Beruf eingesührt und wirksam gedrillt zu werden. Der Schauplatz der Geschehnisse wurde vorher gründlich bearbeitet, das heißt, wlt Rauchbomben, Fenerapparateri, Schützengräben, nach- geahmten Angriffs- uiid Schiltzapparaten ausgestattet. Wer heute über die friedlichen Wieseii der englischen Südküste schreitet, begegnet plötzlich deutschen Truppen mit Gewehr im Anschlag und anfgepslanztem Bajoiiett. Von der anderen Seite ziehen khakifarbene '-LoniUiys herauf, die sich mit markerschütterndem Film- geheul todesmutig unb höchst realistisch auf den .Feind" stürzen, um ihii zil besiegen. Dabei mcrben besonders angelegte Wasser- graben als imponierende „Flnßübergänge* unb Bauernhäuser als "Ä rr ne Ortschasten, Ivie Loos, erklärt. Granaten werden ab- geschosseii inid Sprengbomben geivorfeii, wobei die Kinoregissenre und tfilnitechinker alle Häiide voll zu tun haben, um die elekrischeti Kontrollapparaie zil bedttnen und die Hitze des Gefechtes nicht wirklich lebensgefährlich werden zil lassen. Ilm den Kinobesuchern oic beruhigende Ueberzengung zu verschaffen, daß in Nordsraukreich cnie Unzahl Truppen steheii, werdeii die verschiedensten Tricks an* gewendet. So sieht man in einem englischen Filnt ein -Vorüberziehen der französischen Truppeii" betiteltes Bild, das tatsächlich das Vorübermarschieren zahlloser Truppen vorführt. Die Szene ^eigt eine Frai,, die am Feilster ihres Hauses steht und ben vor- uberziehenden Truppen winkt. Diese Truppen werdeii auf höchst


