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welche Zeit verstrichen sein mußte, bis' ich das alles wieder beisammen hatte, als zum dritten Male die Stielaugen.auftauchten und diesmal im Tonfall der aufreizendsten Ironie die Worte ertönten:
„Neun Zehntel seines Lebens Steht der Soldat vergebens."
Ta hielt es der baumstarke Deutsch-Russe Kowalski nicht Vrehr aus. Er sprang auf die Spottdrossel zu und schrie:
„Merrsck, wenn du rwch einmal kommst, ich haue dich zu Knochenmehl."
Ter Kanonier hatte sich aber geschickt unter dem ausholenden Mrnre durchgeduckt und Kowalski kam durch seine eigene Wucht zu Fall. Ter Kanonier aber dozierte aus sicherer Entfernung: „Erstens kommt es zweitens anders,
Drittens als man viertens denkt."
Es war gut, daß uns in diesein Augenblick der Feldwebel an- rief, wir hätten uns allesamt auf den Burschen geworfen und ihn gelyncht.
Wir wurden auf die Stuben verteilt. Kowalski und ich wir blieben beisammen. Wen treffen wir aber auf Stube 11, wo wir Unterkommen sollten? Tie Spottdrossel. Wir erfuhren auch ihren Namen: Troll. Anders konnte der Mensch ja gar nicht Heiden, waren doch sogar seine Augenbrauen an der Nasenwurzel zusammemgewachsen, was ein Geburtsmal der Trolle ist.
Troll war schon einer von den „alten Leuten" und trieb daher mit uns, den „Hammeln", jeglichen Schabernack. Schon am gleichen Abend fand ich zwischen Strohsack und Zudecke einen Pflasterstein. Am andern Morgen waren meine Aermel zugenäht und Kowalskis Schuhe steckten voller Papier.
Bis mittag bekamen wir ihn nicht mehr zu sehen, denn er mußte zum Exerzierplatz und wir, die neuen, wurden eingekleidet. Ich bekam das schäbigste Zeug, das die völlig entleerte Kammer bisher noch nicht hatte loswerden können, und für den Riesen Kowalski waren nur wenige passende Stücke auszutreiben, aber keine ganze Montur.
Zum Unglück war am gleichen Nachmittag eine Besichtigung angesetzt, zu der alle Mannschaften ohne Ausnahinke erscheinen sollten. So mußte Kowalski zum Gespött der Menschheit in seinen Lackstiefeln mit himmelblauseidenen Strümpfen, erner Militärdrillichhose, seinem Frackrock, über den Koppel xuib Seitengewehr geschnallt waren und einer Feldmütze, als Behailptung, erscheinen.
Das aber nur nebenher. Für Kotoalski wurde sofort das Fehlende beschafft. Wanderbare neue Stiesel brachte er von der Kammer. Ms er sie nachher airziehen wollte, hatte sie der Troll bis obenhin mit Wasser gefüllt.
In den nächsten Tagen ging das so fort. Der Dienst war anstrengend, daher war für mittags eine Stunde Bettruhe befohlen. Ms der Unteroffizier „Aufstehn" rief, war Koroalski aus Bettgestell angebunden und ich wußte überhaupt nicht, ob es Tag oder Nacht rvar, denn der Troll hatte meine Brille, die ich versehentlich auf meiner Nase gelassen, mit Gewehxfett eingeschmiert.
Es war nicht mehr auszuhalten, der Troll Versauerte uns das ganze Leben. Aber es war ihm nichts anzuhaben. Geschickt wm ein Affe wich er jedem tätlichen Angriff aus, auf einen Schabernack fiel er nicht herein und jedes Schimpfen enttvafsnete er durch sein verdattertes Gesicht, was er dazu machte, oder durch einer! Witz. Sogar der Unteroffizier war machtlos' gegen ihn.
Bei einer Instruktions stunde auf der Stube verkroch er sich mnter den aufgestapelten Strohsäcken und bewarf uns mit Papierkugeln, bis es der Unteroffizier merkte. Er rief ihn vor und fuhr ihn an. Da nahm der Kerl die Hacken zusammen und sagte:
„Herr Unteroffizier haben eben noch gesagt, in der Nähe des Feindes muß der Soldat vor allem für Deckung gegen Sicht sorgen."
Unser Unteroffizier war kein Menschenfresser und ließ ihm vre Antwort hingehen, istellte ihn nur vor uns hin, gab- ihm das Justruktionsbuch und befahl ihm vorzulesen.
Ter Troll las, las mit dem ernstesten Gesicht, aber mit so echt pastoraler Phrasierung der einzelnen Sätze, mit einem so widersinnig salbungsvollen Vortrag der nüchternen Jnstruktions- regeln, daß wir uns vor unterdrücktem Lachen die Zunge bluttg bissen.
Immerhin, so viel wir über den Troll lachen mußten, so wünschten wir ihm doch eine ordentliche Lektion. Tie glaubten wir gekommen, als eines Tages Unteroffizier Schrnidt, ein nicht allzu- proßes Geisteslumen, auf unsere Bude stieg und den Troll ganz jämmerlich anhauchte, well er ilM nicht gegrüßt habe.
Zehn Minuten lang ließ der TroU ihn austoben, stand da, in strammer militärischer Haltung, machte das verdattertste Gesicht von der Welt und nur in seinen vorlauten Stielaugen lag ein gutmütiger Spott.
Endlich, als Mterofffzier Schinidt sich im allgemeinen ausgetoot lmtte, wandte er sich nn besonderen an TroU:
„Mensch, wie kommen Sie dazu, mich nicht zu grüßen?"
„Habe Herrn Unteroffizier nicht gesehen," versicherte Troll tu vollem Ernste.
gangen^""tÜQen. Ich bin dicht an Ihnen vorbeige-
„Berzeihung; Herr Unteroffizier sind jedenfalls rechts von
mir vorbeigegangen, aus dem rechten Auge bin ich aber stark! kurzsichtig."
Unteroffizier Schmidt stutzt einen Mgenbllck, dann aber sagt er:
. ,,Za, das ist etwas anderes. Das nächste Mal gehen Sic mit
deni unken Auge au mir vorbei."
Sollte da ein Mensch ernst bleiben können? Wir platzten alle aus. Unteroffizier Schmidt merkte, daß er eine Dummheit gemacht, sagte nur noch:
„Ich werde sorgen 'daß Sie eine Sttmde Nachexerzieren bekommen" und macht sich davon.
Trolls oberster Grundsatz hieß:
Wer es kann, und sich nicht drückt,
_ Ter ist verrückt, der ist verrückt.
infolgedessen verkündete er sofort laut und vernehmlich, daß er diese Sttmde Nachexerzieren nicht milmache.
Und er machte sie nicht mit. Me er das aber fertig brachte, das ist ein Kunststück für sich.
Anderen Tages wurden beim Appell die Namen derer verlesn, die nach dem Dienste die Stunde nachexerzieren sollten. Troll war dabei.
gleichen Morgen hatte sich die Sohle meines rechten Stiesels an der Seite etwas abgelöst. Das war mir eine willkommene Gelegenheit, sie auf Kammer gegen ein Paar neue umzulauschen. Mer der Kammerunteroffizier hatte anscheinend Katzenjammer, denn er warf mich mitsamt den Stiefeln zur Tür hinaus. * N, treffe Troll ^uud klage ihm mein Leid, damit seine Findigkeit MHilfe schaffe.
„Mensch, gib mir foetite Stiefel her, heut niittag hast du neue. Inzwischen kannst du die meinen anziehen."
Ich wußte nicht, 'ttrie Troll mir die neuen Stiefel verschaffen tvollte, aber ich ließ ihn gewähren.
Nach dem nächsten Exerzieren blieb Troll mtt den andern Sträflingen zurück. Die Sonne brannte, es war ein heißer Tag. „Troll, heut lernst du schwitzen," dachte ich, als ich beim Abrücken sah, wie^die Zurückbleibenden „gezwiebelt" wurden: Links aufmarschiert, marsch marsch. Rechts aufmarschiert, marsch marsch. Lmks aufmarschiert, marsch inarsch.
Wir waren noch kaum auf unseren Stuben, wer kommt da über den Hof? — Troll.
Mit einem verschmitzten Schmunzeln im Gesicht, das die Stielaugen bis über die Nasenwurzel vortreibt, kommt er angezottelt. Den rechten Fuß hebt er immer sehr hoch und setzt ihn, mit einem kleinen schnellen Ruck nach rückwärts, wieder zu Boden. Die ganze Sohle hängt herab, und er muß sie jedesmal mit diesen! Ruck Vorschlägen, damit er überhaupt auftreten kann.
„Hab ich nicht gesagt, daß ich das Nachexerzieren nicht mit- machte?" lacht er. ' „Ich habe mir einfach die Sohle heruntergetreten."
So kam der Troll am Nachexerzieren vorbei imd ich zu einem Paar neuer Stiefel, denn nun wurden die in doppelter Form „abgetretenen" sofort auf Kammer umgctauscht.
Trei Tage später wurde ein Transport angefordert, und der Troll kam ins Feld.
Ich bin meinem Schicksal gram, die Streiche nicht miterlebt zu haben, die er erst da draußen geliefert haben wird.
vermischtes.
* Aus d e ni Pferdelazarett. Nicht nur den Menschen, snndern and) ihrer Irenen und virl geplagten Gefährte,», der Werde, nimmt sich die moderne Kricgsheilknnde im Falle der Verwundung treulich an. Natürlich kann im Kriege nicht kur alle kranken Pferde gesorgt werden; so mancher brave Gaul muß schweren Hebens liegen gelassen, mancher andere muß von seinen Leiden durch eine Kugel erlöst werden. In Betracht kommen für das Pferdelazarett diejenigen Pferde, die nach einem Gefecht gefangen oder gesunden werden, sowie solche, die besörderungssä'hig ind und bei denen die Hoffnung auf eine Wiederherstellung begeht. In den Pferdelazaretten befinden sich nach dem „Sportjournal" mehrere hundert, zuwellen selbst 1000 bis 2000 Pferde und viel Kraft und Arbeit wird daran gesetzt, sie wieder selddienstfähig zu machen. Mit welchem Erfolge, beweist die Tatsache, daß im Durchschnitt etwa 70 bis 75 H. der ein- gelieferten Pferde in wenigen Wochen das Lazarett wieder als geheilt verlassen können. Sehr oft, z. B. wenn cS sich um die Ent- ernnng einer Kugel oder eines Granatsplitters handelt, find operative Eingriffe nötig. In der Regel heilen derartige Wunden so rasch, daß es durchaus nicht zu den Seltenheiten gehört, wenn ein olches Tier bereits nach einigen Tagen wieder einem Truppenteile zngeteilt werden kann. Aber selbst in Fällen, wo die Werde von Granatsplittern förmlich zerfleischt worden sind, brauchen die Tiere zu ihrer Wiederherstellung meist nur kurze Zeit. Langwieriger sind dagegen im allgemeinen die Fälle, wo eS sich um Ueberanstrengunaen und Entbehrungen handelt. Da hat man viel Tiere, die so entkräftet sind, daß sie sich kaum ans den Beinen halten können und die ständig am ganzen Körper zittern. Viele ind nur noch Haut und Knochen, ganz gleich, ob eS sich um einen chweren Kaltblüter, einen Hannoveraner oder Ostpreußen handelt — sie sehen alle gleich erbarmungswürdig auS. An, meisten tragt zu ihrem Zustand der Mangel an Wasser bei; sie bekommen Fieber


