Ausgabe 
11.12.1915
 
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leise am Fensterladen draußen. Sie fuhr erschreckt auf aus

S rem trüben Sinnen und tastete sich zum Fenster. Leise fnete sie, von einem dunklen Ahnen befallen.

Wer ist da, noch so spät?"

/,Jch, Großmutter der Mannes." Eine Flüster stimme antwortete es, in höchster Erregung.Laß mich ein. Nur schnell."

Der alten Frau zitterten die Hände. Als ob ihm schon die Verfolger aus den Fersen wären, klang das. Aber sie raffte sich auf.

Ja, ich komme."

Und sie fand sich hinaus auf den Flur und entriegelte die Haustür. Ungestüm drängte sich etwas an ihr vorüber, der Riegel wurde wieder vorgeschoben, dann ein heftiges Aufatmen. Mehr ein Keuchen schon wie ein gehetztes Wild. Mannes, was ist geschehen?"

Nicht hier drinnen, Großmutter!"

Immer noch stieß er es hervor, in scheuem Flüsterton, dann zog sie seine Hand mit sich fort, wieder ins Zimmer hinein. Sie hörte ihn den noch offenen Laden schließen, und nun erst kamen die Schritte des Enkels zu ihr.

Großmutter ich bin verloren, wenn du mir nicht hilfst!"

Und Plötzlich traf ein Schluchzen an ihr Ohr, ein furcht­bares, stöhnendes Schluchzen aus verzweifelter Mannesbrust. Der Laut weckte in dem alten Herzen längst verschollene Er­innerungen an die Zeiten, wo der, der vor ihr stand als ein mit schwerer Schuld Beladener, noch ein unschuldiges Kind war, ihre ganze Freude und Lebenshoffnung. Wie oft hatte da die kleine Brust in ihrem kindlichen Leid sich nicht auch so schluchzend, Trost und Rat geholt bei der alten Groß­mutter? Da suchten die welken Finger nach seiner Hand. Mannes was kann ich tun für dich?"

Gib mir Geld, Großmutter, daß ich fort kann. Außer Landes. Denn, wenn ich hierbleibe, wenn sie mich fassen!"

Wieder dieses krampfhafte Aufschluchzen,'das so schreck­lich durch das stille Gemach schütterte.

Schweigend erhob sich die alte. Frau, tastete sich zum Nachttisch, zur Schublade und kam wieder.

Hier nimm den Schlüssel. Dort im Sekretär, gleich oben, liegt, was ick mir erspart Hab'. Es ist nicht viel, aber es langt wohl, daß du fortkommst und noch einmal ein neues Leben anfängst."

Großmutter!"

Wild preßten sich ein paar feuchtkalte Hände um die ihren, aber plötzlich ließen sie ab, wie in einem jähen Er­schrecken.

Was ist dir?"

Still! Hörst du nichts?"

. hielten sie den Atem an, und nun vernahni es auch die Bunde: L-chritte draußen, fest und drohend, und jetzt ein scharfes Pochen an der Haustür.

Aufgemacht! Im Namen des Gesetzes!" - Zu spät der Gendarm!" Zusammenbrechend sank Hermann Reusch auf den nächsten Stuhl.

Wieder das Pochen, dröhnender, fordernder. Da rich- tt f ssch die Blinde hoch auf. Ihre Hand suchte das Haupt oes Enkels.

cy. w^ ein Mann. Und vergiß das eine nicht:

Jede Schuld laßt sich sühnen!"

Dann ging sie zur Haustür und öffnete selber dem Hascher.

w r S n r l Dunkel der Nacht wurde der Sohn des reichen Reusch-Hannes fortgefiihrt, seinen Richten: entgegen. In dem wieder stillen Hause aber falteten sich ein paar Hände, noch müder^als sonst, und welke Lippen sprachen leise:

nun kann ich nur noch für dich beten, Mannes!"

*

2>er Rensch-Mannes im Gefängnis, als ein Bankrotteur und SaMindler! Tagelang sprach man von nichts anderem tm Rauhen Grund. Und ein wildes Frohlocken ging um bei allen denen, die es mit Pastor Burgmann hielten.' War es nrcht gekommen, wre er es so oft vorausgesagt? Ein Ende nnt Schrecken hatte die neue Herrlichkeit gerionimeu Wer wußte, ob nun nicht auch bald der andere an die Reche kam? Und mancher Blick flog hinauf zu den ragenden

ä u dem prächtigen, Villenähiv- lichen^Gebaude, rn dem Bertsch wohnte, jetzt nun schoii Jahr

Au§) in das Adlige Haus drunten im Grunde war die aufregende Künde gedrungen und hatte die Stille ans­

gestört, die dort über dem düsteren Gemäuer lastete, seitdem sie den alten Herrn an einem strahlende:: Herbsttag hinans- getraaen hatten zur letzten Ruhe, in die Familiengruft der Grunds neben dem Rödcher Gotteshause. Eke zwar hatte die Nachricht ohne tieferes Empfinden hingenommen. Was ging sie dieser Mensch an, den sie da in Haft genommen? Mochte er mit sich und seinen Mchtern abmachen, was er verschuldet. Nur die armen Leute taten ihr leid, die ihm allzu vertrauensvoll zum Opfer gefallen waren, und sie beschloß, die Not zu linder::, soweit das in ihren Kräften stand. Jetzt, wo sie nach des Oheims Tode Miterbin des ansehnlichen Familienbesitzes geworden war, konnte sie ja den: Triebe ihres Herzens folgen in solchen Dingen un­gehindert. Und dieses Bewußtsein trug zum ersten Male wieder einen lichterer: Schein in ihr Leben, das sonst grau vor ihr lag.

Jenes Hoffen, das sich Uoch einmal in ihr hatte regen wollen, im eigenen Hanse Wärme zu verbreiten, hatte sie aufgegeben, seit dem Fehlschlag des erster: Versuchs. Ihr Stolz setzte sich keiner zweiten Mlehnung mehr aus, u:ck ihr Gatte tat ihr seinerseits keinen Schritt entgegen. Sie nahm es hin ohne Vorwurf. Vielmehr mit dem klarenr Bewußtsein: sie selber trug die Schuld daran. Lange genug hatte er ja um sie geworben, still und zart; aber sie hatte sich ihm verschlossen. Nun war es eben zu spät.

In diesem Bewußtsein ertrug sie auch noch anderes. Eures Tages war ihr ein Brief zugegangen. Von einer anonymen Schreiberin. Darin stand, daß die häufigen Fahrten ihres Mannes nach Köln einen andern Grund hätten als seine angeblichen Geschäfte. Sie möchte auf ihrer H:U sein. Ihr Mann habe eine Geliebte in Köln.

Tief erblaßt war Eke in: ersten Augenblick. Also das war es: Bei einer andern suchte Eberhard, was er nicht gesunde:: im eigenen Hause. Und ihre erhebende Hand griff nach dem Schreiben. In sein Zimmer wollte sie es legen, ihm auf den Tisch. Schweigend, ohne ein Wort. Daß er es fand, wenn er wiederkam von seinem heimlichen Wege.

Aber schon an der Schwelle kehrte sie un:. Nein und ihr Stolz kam ihr wieder. Wollte sie auf eine Verleumdung h:n glauben und verurteilen, die feige im Dunkeln schftch?

(Fortsetzung folgt.)

oer Crou.

Von Franz Rein hold Zenz.

Wie ich ihn kennen lernte? Wir kamen als ein Trupp von etwa 2 Dutzend Frenvilligen zur Kaserne mck warteten auf den Feldwebel. Zwe: stunden mochten wir schon die architektonisclren Reize einer völlig leblosen Gebäudefront bewundert haben, als die Batterie mit Gesang vom Exerzierplatz zurückkehrte. Sie mar­schierte bis zum Appellhof, lvo auch ioir standen, und durste ab­treten. Wir standen und warteten, warteten und staicken.

Da ^kam ein kleiner Kanonier vorbei mit ein paar vor­lauten Stielaugen und einem ganz smtzigen kleinen Naschen. Der blieb vor uns stehen und sagte so scheinbar ganz für sich in die Gegend hmem: *

Die Hälft^ seines Lebens Steht der Soldat vergebeiis."

Wir lachten, und er ging weiter. Dann würde es Mittag Man hatte uns einen Eßnaps verschafft nick zum ersten Male die Kaserneschmecken" lassen. Nun standen wir wieder ruck warteten was aus 1 in$ werden solle. Ich wußte schon, daß die Kontregarde, m der die Batterie lag, achtunddreißig Fenster hatte, daß siebenundnennzrg Papierschnitzel auf dein Hofe lagen, daß diese beiden Zahlen miteinander multipliziert die Zahl drei- tansendsechshundertsechsundachtzig ergaben, die mir besonders da- dnrch merkwürdig erschien, daß ihre Quersumme dreiundzwanzig betragt, was mit der Zahl der wartenden Kriegsfreiwilligen über- b^ihwwte. Eben suchte ich mir über den inneren, nicht mathe­matischen Zusammenhang dieses merkwürdigen Ergebnisses klar süh ich ein paar vorlaute Stielaugen auf mich ae- richtet, und eine lächerliche salbungsvolle Stimme predigte- ^Trei Viertel seines Lebens ^>teht der Soldat vergebens."

Aus ünserm Lachen kochte diesmal schon eine stille Wut Ter Kanonier m:t den ^tielaugeu mußte sie herausgehört haben, denn er machte sich schleunigst davon.

- ^ Die Batterie rückte zum Nachmittagsdienst aus, die Batterie kam vom Nachmlttagsdienst zurück. Wir stauden und warteteii, wir warteten ruck standen. Ich hatte schon zweiundzwanzig Lebeiils'- laufe angehort, hatte nur rn Gedanken die fünfundzwanzig Staaten des Deutschen Reicks die Provinzen Preuße ick mit ihren Ne- gierringsbezirkeli und die Genealogie des preußischen Herrsck-er- hauses zusammengesncht, woraus man allein schon schließen kaun.