; Die vom Rauhen Grund.
Roman von Paul G r a b e i u.
LopvriLkt 1914 by Greihlcin & La., <B m. b. H., Leipzig. Desetzliche For» mel für den Schutz des Inhalts in den Vereinigten Staaten von Amerika.
, 4 (Nachdruck verboten.)
i (Fortsetzung.)
Dunkler, drohender zog sich das Unheilsgcwötk zu- ^ saurmen ix fax dem Rauhen Grund, und eines Tac;es kam das erste Wetterleuchten. Eine Zeitung draußen in Köln hatte die Notiz gebracht: Ein großer wirtschaftlicher Krach stände bevor im Rauhen Grund, too demnächst die Talsperre eröffnet werden sollte. Reuschfelde, die neue Industrie- Kolonie, die der 'bekannte Unternehmer Neusch aus dem Boden gestampft — eine allzu kühne Zukunftsspekulation — stünde vor dem Zusammenbruch und mit ihr die Baugenossenschaft. Zahlreiche mittlere und kleinere Existenzen gerade würden davon in Mitleidenschaft gezogen und vielfach ruiniert werden. Ja, es hieß aber auch, daß nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Die Seele der ganzen Gründung, eben jener Unternehmer Hermann Reusch, dürfte einer gerichtlichen Untersuchung wegen betrügerischen Bankrotts entgegensehen.
Schwül zuckte dies Wetterleuchten über das Land hin. Allenthalben sah man bestürzte, tief erschrockene Gesichter. Von allen Seiten kamen die Leute nach Rödig geeilt, zu den Geschäftsräumen der Genossenschaft. Aber sie waren geschlossen. Da brach es los. Ein Sturm, ein Rasen der Empörung: Schwindel — Lug und Trug alles! Und verloren sein bißchen schwer erworbenes Geld! Am Bettelstab so mancher, der sein Alter hatte bequem und sorgenfrei gestalten wollen durch die Beteiligung bei dem Reuschschen Unternehmen. !AH! — wenn man ihn nur hier gehabt hätte, den Elenden, der ihnen mit großsprecherischer Miene das Geld aus der Tasche geholt —i er sollte es ihnen büßen! Aber er hatte sich rechtzeitig jdavongemacht mit seinem Raub. Wer wußte, wo er jetzt praßte mit ihren sauer verdienten Groschen!
Auch nach Christiansglück war die Kunde gedrungen.
,Nicht überraschend für Bertsch. Er war von der Landesban? in Köln schon längst gewarnt worden. Mit Neusch stände es faul — oberfaul,'aber es berührte ihn ja nicht. Er hatte weder geschäftlich noch persönlich mit der Gründung Renschs etwas zu tun. Um so verwunderter war er dal)er, als man ihm zu später Abendstunde in seinem Hause plötzlich noch einen Besuch meldete — Hermann Reujch Er ließ ihn schließlich vor, aber ganz kühlste Zurückhaltung. Stehend empfing und fertigte er ihn ab, der mit verstörter Miene her ein kam.
„Sie wünschen?"
„Herr Bertsch!" Und Hermann Reusch, äußerlich noch immer der Mann des schweren Geldes mit seiner übertriebene!: Eleganz, trat näher. Nervös erregt. ..Ich komme
zu Ihnen in momentaner Notlage. Sie dürften schon gehört haben —"
„Allerdings, ich bin unterrichtet von Ihrem Ruin."
„Bitte — so steht es doch nicht. Eben nur eine Krisis, !vie sie jedes Unternehmen einmal durchmachen kann. Es konnnt nur darauf an, daß wir durchkommen. Und darrun eben —"
„Pardon, da wenden Sie sich an die falsche Adresse. Ich bin doch kein Geldmaun."
„Aber Sie genießen das unbegrenzte Vertrauen der Landesbank. Wem: Sie den Herren dort die Sache nahelegen wollten! Unsere Interessen gehen doch Hand in Hand, wir —"
Eine kalte Bewegung der Abwehr.
„Wenn ich wirklich das Vertrauen der Bank in dem Riaße besäße, wie Sie annehmen, so hieße es dieses aufs schwerste mißbrauchen, wollte ich eine Unterstützung Ihres Unter 11 ehmens anempsehlen."
„Herr Bertsch?"
„Beliebt?"
„Was berechtigt Sie zu diesem Ton mir gegenüber? Haben Sie nicht genau so gewagt wie ich? Nur daß Sie eben mehr Glück hatten!"
„Da ist wohl auch sonst noch ein kleiner Unterschied. Wenn ich wagte, gesclmh es um der Sache willen, nicht für mich. Sie aber riskierten, um sich die Tasche zu füllen."
„Sie sind gefühllos und undankbar. Denken Sie dock: daran, daß Sie schließlich meinem Vater Ihren ganzen Erfolg verdanken! Ich weiß es von ihm selber."
„Auch das ist falsch. Ich habe Ihrem Vater nichts zu danken. Auch er suchte seinen Vorteil. Allerdings ivar er ein nüchternerer Rechner als Sie."
Reusch machte eine deftige Gebärde.
„Also Sie lehnen jede Hilfe ab?"
„Jede."
„Dann drücken Sie mir den Revolver in die Hand."
Ein Achselzucken. Da stürzte Hermann Reusch verzweifelt aus dem Zimmer.
Auch in das stille Haus drunten im Unlerdorf, wo die Reusch-Mutter nun bei ihrem Bruder. dem pensionierten. Bergverwalter Manskopf wohnte, war di? dunkle Kunde gedrungen. Eine Nachbarin halte es geschwätzig der Blinden hinterbracht, was man sich erzählte von ihrem Enkel, dem Reusch-Haunes. Aber in dem alten, wellen Gesicht halte such kein Nerv bewegt. Gelassen, ja mir einem abweisenden Stolz, hatte die Reusch-Mutter nur erwidert:
„Laßt die Leute schwätzen, was sie wollen. Es wird so manches geredet. Und eines Menschen, ehrlicher Name ist schneller in den Schmutz gezogen als wieder reingewaschen. Warten Sie's ab, was daran ist."
Aber dann war sie ins Haus gegangen. Dort saß sie nun allein für sich, den ganzen 'Nachmittag, mit tiefem Kummer in dem alten, müden Antlitz, bis der Abend ein- brach, ftaft war es schon Nachtzeit, da vochte es plötzlich


