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Willen hätte sie an seine Seite treten können, vor aller Welt! Und nun?
Hart lachte er auf. Mer die Hand, die das Blatt hielt zitterte. Dann warf er die Anzeige beiseite, zu dem Erledigten, und griff nach andern Eingängen.
Es gab gleich zu tun. Wenn man einmal ein paar Tage fort war, sofort war es zu merken. Nun, es war gut so.
Doch die Wirtschafterin störte ihn bald wieder: ein Besuch, Doktor Herling. Er stand auf und trat dein Freunde entgegen. Der begrüßte ihn mit frischer Stimme. Er sah überhaupt verjüngt aus, froh und zufrieden. Recht wie ein junger Ehemann soll. Im Februar hatte der Doktor nämlich beim Wintersport auf den: Astenberge ein Mädchen kennen gelernt, nicht ganz jung mehr und keine Schönheit, aber ein guter Kamerad; das hatte er sich nun heimgeholt vor ein paar Wochen. Und freute sich jeden Tag, den Gott werden ließ, von neuem dieses gescheiten Einfalls. Auch jetzt, wie er sich nach erfolgter Begrüßung Gerhard im Sessel gegenüber niedergelassen hatte.
„Ich sage dir, alter Junge, es geht nichts über die Elie! Man wird ja erst richtig ein Mensch, wenn mdl sein eigen Haus hat, eine Frau darin. Ich versteh' dich nicht, wie du es noch immer so anshalten kannst.'
Bertsch zuckte die Achseln. Er sah nicht auf dabei. Seine Hand ordnete wie gedankenverloren an dein Briefstoß vor ihm. Der andere aber ließ nicht ab'.
„Du mußt auch heiraten! .Herrgott, ein Kerl wie du, der findet doch bald jemanden."
„Gewiß, eine Frau zu finden, die einen heiraten will, das wäre wohl nicht allzu schwer. Mer — man muß doch auch sie wollen."
„Ach so, die Liebe meinst du? Ja, mein- Bester, da will ick dir mal was sagen. Das mit der großen Leiden-! schast, das ist ja alles Überspanntheit! Braucht's denn das aut* Ehe? Wenn inan sich nur sympathisch ist und beiderseits den guten Willen hat, das genügt vollkommen. Das andere findet sich schon. Man gewöhnt sich aneinander und verwächst zusammen ganz von selbst."
,„3d) weiß nicht — ich denke da doch anders. Vielleicht bin ich recht altmodische aber eine Ehe ohne Liebe — nein! Mr den faden Haustrunk, den du mir da anpreisen willst, bin ich nicht zu haben. Die Frau, die ich in mein .Hans, in meine Arme nehme, die —"
Mit steigender Erregung hatte Bertsch gesprochen, doch jäh brach er ab.
Verwundert sah der Freund auf ihn.
„Das hätte ich nie von dir erwartet. Ich hatte dich immer fiir ganz kühl gehalten den Frauen gegenüber. Nur einmal —" Er verstummte nachdenklich. Dann fragte er psätzlich: „Sag' mal: hast bu eigentlich nie daran gedacht, daß Eke von Grund wohl eine Frau fiir dich gewesen wäre?"
„Eke von Grund? Nein — nie."
Ohne Besinnen kam die Antwort. Mer wohl etwas zu hart und schroff. Der Doktor schwieg. Doch die klugen Augerr hinter der goldnen Brille ruhten beobachtend auf Ber-tsch, der sich jetzt tiefer über seine Briefe gebeugt hatte. Da trat ein Verstehen in des Arztes Blick, und ein Mitleid zugleich.
Er ließ das Thema fallen. Von diesem und jenem plauderte er noch. Dann sah er nach der Uhr und erhob sich.
„Abendbrotzeit — meine Frau wird mich schon er- warten. Ich muß heim. Mer, weißt du was ,komm mit!"
. Ein Kopsschütteln.
„Ich- will euer junges Gliick nicht stören."
„Ach, Unsinn ,du störst Uns nicht. Im Gegenteil, meine Frau wird fich freuen."
„Vielen Dank, mein Alter." Bertsch drückte dem Freunde dre Hand, „aber es geht wirklich nicht. Hier - du siehst ja, das will altes noch heute aufgearbeitet sein"
Da gab Doktor Herling es auf.
- „ ri'f'®, bu 'Elst- Nun, dann bald ei» andermal. Horst du?"
Wohl nickte Bertsch aber als er den Freund hinaus- geleitet und wieder ms Zimmer zurtickkehrte, stand in seinen Ztlgen ein finster entschlossenes Nein. Allein sein, qnt - dannt wurde man fertig. Es mußte ja sein. Aber das Glück Zweier anderer mitansehen und dabeistehen mit leeren Mn-
, V n L^ cr f n ba§ ' brennende Sehnen - ein, das konnte niemand verlangen!
Gerhard Bertsch setzte sich wieder an seineil Schreibtisch;
aber statt nach den Kr bearbeitenden Eingängen, griff die Rechte in dunkelm Zwang nach! dem Briefkörb : Erledigtes', und wieder starrte sein Auge auf den schwarzumränderten! Biogen.
Eke von Selbach — die Frau dies andern. 9tie würde er es vergessen, nie verwinden können, daß sie einst ihm angelobt war, daß er sie verloren durch eigene Schuld'. Nie würde eine fremde Frau in diese Räume hier einzieheu§ die bestimint gewesen waren, sie als Herrin zn begrüßen- denn er — er liebte sie und würde nie aushören, siü zu lieben.
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November war es. Grau die Luft. Schwer flatterten die dunkeln Vögel mit mißtönendem Gekrächze über die Flur, ttnheilkündend. Und ebenso schwirrten im Rauhen Grunde Gerüchte.
Schon seit einiger Zeit war ein Raunen umgegangen i Mit dem Reusch-Mannes stimmte es nicht mehr. Er Wirt-, schäftete hintenaus. Daran konnte all sein großartiges Auf-, treten nichts ändern. Das- Auto, der kostbare Pelz, der Sett bei jeder Gelegenheit. Mer nun sprach sich noch ein anderes herum: Auch mit seiner Gründung Reuschfelde und der ganzen Baugenossenschaft sollte es schlecht stehen — sehr schlecht sogar.
Ta zog Unruhe und, Sorge ein in manches Hans im Rauhen Grund und immer häufiger kamen die Nachfragen in die Bureaus der Baugenossenschaft, aber sie fanden hier nur verlegene Gesichter, ein Achselzucken und stets den Bescheid, Direktor Reusch wäre nickfi da. Er sei auf einer geschäftlichen Reise.
(Fortsetzung folgt.)
Unter Hornvipern im blutigen ttarst.'»
! Boir R i f ü t Gozdovic P a scha.
Tie Streifung War beendet. Noch vierundsiebzig Falken (Mow teuogriner) hatten wir aus ihreu Nestern gehoben, dacnnte« neun- L-ehn Weiber. Bei wahreren der letzteren fanden wir solche Beweise für die an unseren Soldaten verübten Bestialitäten vor, daß wir Offiziere Mühehatten, nufere Leute davon abzuhalten, diese Me-, gären sofort mit dem Kolben niederzuschlagen. Sie wurden an- emander gefesselt und blieben dem Feldgericht Vorbehalten
Es war sieben Uhr abends und wir infolge der nberstandenen Aufregungen, des Steigens und Kämmens über die und zwischen 5" MEEasteln", der Tageshitze und des Höllendnrstes völlig erschöpft. Nur mit großer Not waren wir imstande, es den Len^ Ltcn zu verwehren, ans den Mrmer- und egelbevölkerten Zister-, nen, die nebstbei giftverdächtig waren, ihren Durst zu fällen. Nlchtsdestvwemger gelang es einigen, durch ihr schweißdurch- tranktes Taschentuch dieses ekle Naß einzusangen, welche Unvorsichtigkeit fte auch bald nachher mit einem Unterleibstyphus be-, zahlten. Kerner von uns, weder Offizier noch Mann, hatte ein ganzes Stück ferner Uniforni am> Leibe, viele hatten sich an den meßerscharsen Gesteinkanten die Sohle abgerissen und hinkten mit zerschundenen Zehen.
In dieser Verfassung wollte der Kommandant sein Detachement nicht noch zum', Standort der Brigade zurückführcn, um so wen lg er, als bis dahin geschlagene fünfzehn Kilometer zurückzulegen gewesen wären. Was in diesen: Terrain soviel heißt wie ftinszrg Kilometer auf gebahntem Wege!
Tie Nacht sank, wie es in: Karst zumeist der Fakt ist, ciskühl herein und der Tau setzte srch in alle Falten. Da in der Nähe ernrge mwersehrte, anscheinend leere Hütten, ,,Kutscha's", standen, beschlossen wir dort zn nächtigen, während die Mannschaft ihre Zeltblatter Zusammenknüpfte, um ohne viele Vorbereitungen <mf Und unter ihnen tüchtig auszuschlafen. Vorerst aber wurde gegessen, doch da wir keine Feldküchen mit hatten so wußten programmgemäß die eisernen Nationen dran Dev Tetachelnentskomniandant nub ich suchten uns das annehmbarste Gebäude ans und traten mit schußfertigenr Revolver ein, während übrigen dreizehn Herren von bcu umreit liegenden zwei Hüttenl Besrtz ergriffen. ,
, . W wem es das Schicksal so gut meint, daß er einmal in einer rrwolchftamschen, sudherzegowinischen oder monteneg rischen Kat- jcha zu nächtigen gezwungen ist, der kann hinterhiw mehr erzählen- als erner, der eine Reise gemacht hat. '
Eine solche Behausung, die sich von den umliegenden Felseft bamr abhebt, bis umn zehn Schritte vor ihr steht, besitzt dis typische jftvrm 1 eines länglichen Mauer kn bus, der von einem die
dem Buche von Risat Gozdovic Pascha blutigen Karst ^Erinnerungen eines österreichischen Offtziers ans dem KriegSiahre 1914, entnommen, das soeben in K. Thie- nemannS Verlag in Stuttgart zum Preise von Mk. 3 — (gebunden) erschienen ist.


