Donnerstag, den 9. Dezember
Die vom Rauhen Grund..
Roman von Paul G r a b e i n.
Gesetzliche Formel für den Schuh des Inhalts in den Vereinigten Staaten von ^merikia : Copyrielvf 1914 by Drethlein & To., G. m. b. H , Leipzig.
. (NaÄ>ruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Ihr Männer — besonders ernst und tief ist unsere Trauer an dieser Bahre. Der dort liegt, er ist der Letzte seines Dauses. Mit ihm erstirbt sein Geschlecht. Nur eine Frau ist es, in deren Adern noch weiter etwas fließt von seinem Blut."
Ein Blick glitt hinunter zu Eke von Selbach, die ernst, aber mit Haltung in ihrem Stuhl saß. Ausrecht, dessen sich bewußt, was sie sich 'schuldig war als Hüterin der Fa- milientradition. Doch dann sprach Burgmaun weiter:
„Aber diese Frau trägt einen andern Namen. Der Name derer von Grund sinkt ins Grab mit dem Letzten ihres Geschlechts. Ihr Männer — das will uns seltsam schwer ankommen. Die von Grund — das gehörte zu uns, das gehörte zur Heimat, wie draußen Wald und Berg. Und nun ist es damit vorbei — für immer.
Ist ies su ns nicht allen, als trüge man mit diesem Toten ein Stück von uns selber zu Grabe?"
Ein Zittern schwang hörbar aus der Stimme des greisen Priesters, auch wie er null fortfuhr, in innerster Bewegung:
„Wahrlich, es ist vielleicht kein Zufall, daß Henner von Grn'.ld in die Gruft sinkt, und mit ihm sein Geschlecht, zur selben Stunde, wo all das um uns her zu versinken beginnt, an dem unsere Herzen gehangen haben mit unerschütterlicher Liebe. Wie ein Wahrzeichen ist es, daß jcoermanll offenbar werde: ,Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit!' --"
Ein Verhalten der bebenden Stimrne, dann sprach Burgmann von neuem, doch fester nun. Etwas von der einstigen Wucht lag in seinen Worten:
„Ihr Männer, es ist ein schwer Ding, zu leben all zweier Zeiten Wende. Uns ist es beschieden, das an uns zu erfahren. Wir sehen die Welt unserer Vorväter versinken, die unserem Fuß festen Halt gab. Solche Zeit braucht doppelt aufrechte Männer, um sestzustehen. Wir haben den Kamps ausgenommen gegen die neue Zeit, die «tut rücksichtsloser Gewalt ein gebrochen ist in unser stilles Tal, die uns den Frieden unserer Herdfeuer gestört hat. Wir haben gckänspft, so lange es iu unseren Kräften stand. Wir haben gekämpft und verloren.
Ihr Männer, das ist bitter, aber es ist keine Schmach. Es ist nicht immer die bessere Sache, die siegt. Wir weichen einer Uebermacht, einem Gegner, an dem unsere Massen machtlos abprallen. Hocherhobenen Hauptes gehell wir von Gder Wahlstatt. Wohlall, so mögen sie uns denn unserer Väter Scholle nehmen — wenn es Gott nicht noch gefällt, in letzter Stunde sich unserer guten Sache zu erbarmen. Wir räumen das Feld in Ehren. Schmachvoll wäre es nur, beugten wir
uns vor dem Sieger, vergönnten wir dein Geist der neuen Zeit, Besitz zu ergreifen auch von unserem Herzen.
Aber das, ihr Männer vom Rauhen Grund," — gewaltig dröhnte jetzt die Stimme Burgmanns durch die weite Halle —, „das sei fern von uns! Uub darum laßt uns jetzt hier an dieser Bahre alle miteinander ein heiliges Gelübde tun: Treue zu halten, wie dieser Tote, uns selber! — Das walte Gott, Amen!"
So klang es machtvoll hin über den Sarg Henner von Grunds, und dalin trugen sie ihn hinaus in endlos langem Zllge, hin zum Erbbegräbnis bei der Kirche am Unterdorf.
Fromme Choräle spielten sie auf dem Wege zum Friedhof. Aber als das ernste Werk getan, als sich die Heimaterde wieder geschlossen über dem Leibe ihres Sohnes und der Zug nun zurückkehrte, da-schmetterten helle Klänge weithin durch die herbstliche Flur: „Im Wald und auf der .Heide —" und andere frische Jägerweisen. Die Kapelle der Grünen Gilde. Ein tiefblauer Himmel wölbte sich dabei über den abgeernteten Feldern. Weiße Wolken wanderten eilends, durch die Stoppeln pfiff der Wind. Und plötzlich flog, vom Geschmetter der Jagdhörner ausgeschreckt, aus dem Ackerstück dicht neben der Straße ein Volk Rebhühner auf, rnit scharfem Schwirren. Da sahen sich alle an und nickten sich zu. Wie wenn sie sagen wollten: Könnt' er's noch hören — so wär's ihm recht!
Sv nahmen die vom Rauhen Grund Abschied vorn letzten Herrn des Adligen Hauses.-
Am dritten Tage darauf wer es. Gerhard Bertsch kam heim von seiner Reise. Es war also nicht die Unwahrheit gewesen, als er den Kranz an Eberhard von Selbach hinuntergeschickt hatte mit den paar Zeilen, die sein Fernbleiben vom Begräbnis mit beruflicher Abwesenheit entschuldigten. Nur daß er die Fahrt nicht gerade auf diese Tage hätte zu verlegen brauchen.
Gern hätte er auch Henner von Grund die letzte Ehre erwiesen. Gerade weil es hart auf hart gegangen war zwischen ihnen beiden. Er wußte den ebenbürtigen Gegner zu achten. Dazu war er selber zu sehr Sohn seiner Heimat. Mer durfte er Eke die stille Weihe dieser Stunde mit seinem Anblick stören?
Also war er denn ferngeblieben. Erst heute kam er wieder zurück, wo die Kränze draußen auf dem neuen Grabhügel schon zu welken begannen.
Nachdem er abgelegt, trat er zum Schreibtisch. Die Post, die in seiner Abwesenheit eingelaufen war, harrte dorr bereits seiner. Er sichtete die Eingänge. Ein Kuvert mit Trauerrand war darunter. Er erbrach es. Eine gedruckte Danksagung für die anläßlich des Tauerfalls erwiesene Aufmerksamkeit, erstattet von Eke von Selbach geb. Grund und Eberhard von Selbach.
Sein Auge blieb auf dieser ttuterschrist hängen, mit einem starren Ernst. Da gshörte sie nun zu dem andern, eng und unauflöslich, die einmal sein eigen hatte werden "ollen. Jetzt lväre die Stunde dagetvesen, auf die sie damals o sehnsuchtsvoll gewartet hatte. Frei von jedem fremden


