Heß, er den trotzig erhobenen Arm sinken. Sein Kopf neigte sich vor. Erst neugierig, dann beunruhigt. Was war denn das? Der da vor ihm wollte ja gar nicht wieder aufstehen?
Langsäm trat er näher. Indessen ibodf) noch immer den Äst in der 5)and; man konnte ja nicht wissen.
Die Vorsicht erwies sich überflüssig. Der hitzige Grau- köpf machte keinerlei Anstalten, sich zu rühren. Sollte er wirklich —?
Näher beugte er sich über das dem Boden zugenergte Gesicht. Aber fut^r alsbald wieder zurück. Er hatte genug aesel)en. Und sich ausrichteud spähte der Mann über die Lichtung, mit scheuem Blick. Wenn man ihn hier sah bei denr Doten, noch den Knüppel itt der Hand!
Rasch warf er den Ast von sich, weit weg, und eilte zu seinem Fuhrwerk. Doch kein Schlag, kein lautes Schimpfwort inehr traf das Tier. Schweigend stemmte er sich gegen das Hinterrad, mit aller Kraft, ein halblauter Anruf nur, und den: vereinten Bemühen von Mensch und Tier gelang es. Knarrend mahlte der Wagen weiter in dem tiefen Sande.
Nun war sein letztes Aechzen verhallt.
Still ward es wieder. Ganz still. Der Abendschein kam und goß sein Gold über die Rodung, lieber Boden undi Stämme. Das iit die Lust ragende Wurzelwerk warf seltsame, tiefe Schatten über den verwählten Boden. Als wären es die Geister des gestorbenen Waldes, ihrer Heimstätte beraubt, die nun hier kauerten; verlorene, dunkle Schemen. Wie eine stumme Klage lief es durch das -Zittergras, das im kühlen Abendhauch erschauerte. Und horcb — nun ein weiches, baugsüßes Singen fern vom Waldrand droben auf der oberen Grenze der Holzung — einer Drossel herbstliches Scheidelied. So lag zwischen den gefüllten Bäumen seines Waldes Henner von Grund, starr und stumm, wie sie selber.
Tiefer sank die Sonne, verblutete über dem Bergsaum. Die Dämmerung schlich mit leisen Sohlen durch die Stille. Weich breitete sie ihre Schleier über die Dinge. Was sie streiften, das sank saust in Schlummer. Da klang es aus der Ferne uuo kam allmählich näher. Ein glockenreines, friedvolles Geläut. Durch die Wirrnis des toten Waldes schoben sich hellbraune Flecken. Die Herde war es urrd mit ihr Tillmann, der Hirt. Langsam schritt er hinter seinen Tieren. Die in sich gekehrten Augen schweiften über das Bild der Verwüstung um ihn hier, uuo er nickte. Stumm Unb geheimnisvoll.
Doch nun ließ ihn ein Laßt von dem Leitstier vorn aufhorchen. Ein erschrecktes, kurzes Auf brüllen, und dann ein heftiges Schnaufen mit hochgeworsenem Köpf. Wild alänzte das Weiße im Augenwinkel des Tieres. Da kam Leben in den Alten. Schnell eilten die hageren Glieder hin zu der Stelle. Und nun sah er: dort vor den Füßen des Stiers ein menschlicher Körper. Regungslos —> ein Toter.
Langsamer tat Tillmann von Grund die letzter: Schritte, Und jetzt stockte sein Fuß. Der dort am Boden lag, im grünen Jägerkleid — er kannte ihn, nur zu gut. Hoch hätte er all sein Lebtag sein Haupt getragen, mit kälter Verach-- tuug an ihni vorbeigesehen, dem armseligen Hirten — und nun lag dieses Haupt doch auch in: Staube, wie alles! Erdgeborene.
Da nahm Tillmann von Grund den verschlissenen^ wettergeblichenen Hut vom Kopfe und faltete die knochigen Hände. Lange stand er, den Blick am Boden, bei dem Toten, und der Abendhauch spielte leise in dem spärlichen Granhaar. So hielt doch einer derer von Grund Trauerwacht beim letzten Herrn vom Mligen Hanse. Bis die Schatten des Abends immer tiefer wurden und die Tiere Tillmanns unruhig brüllten, heim verlangend.
Da trieb er ins Dorß und daun ging er den Weg hinab zu deni alten Herrenhause drunten im Grund. Zum erstenmal in seinem Leben klopfte er an, dort an dein gram verwitterten Steinportal. Und auch jetzt nicht für sich. Noch einer stand hinter ihm, ein dunkler, schweigender Gast, lind als der über die Schwelle trat, wehte es durch das Haus —, kalt und schaurig. Wie ein Hauch aus Modergrüsten.
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In der Halle hatten sie Henner von Grund aufgebahrt. Von jeher hatte sie mit angesehen, was von bedentungs-, vollen Ereignissen das Mlige Haus betraf, Freud' und Lew. Nun barg sie auch den dahingeschiedenen Herrn des Hauses zur letzten Steift unter seinem Dach.
Trotz der frühen NachmittaHsstunde war tiefe Dämmerung in der Halle. Nur der Schern der Kerze:: um den Sarg durchbrach sie, feierlich gedämpft.
Gedrängt voll war der weite Raum. Wohl kein Mann aus dem ganzen Rauhen Grunde, der noch rüstig genug war zum Weg hierher, war ferngeblieben. Hatten sich auch die Zeiten geändert, es war doch noch etwas wie ein unsichtbares Ba::d geblieben, das den Herrn vom Lldligen Hause verband mit den Ortseingesessene:: draußen in: Gau. Run gaben sie ihm auch das letzte Geleit, vereint mit den Dienstleuten des Gutshoses.
Der Altan, hinten in der Ecke, wo Henner von Grund zu Lebzeiten so gern gesessen, wer schwarz ausgeschlagen worden, wie eine Kanzel, und Pfarrer Burgmann stund jetzt dort. Mit mattem Glanz hob sich sein Greisenantlitz aus dem tiefen Schatten. Em ernster, weihevoller Duft von Lorbeer und Tcnrnengrün, vermischt mit dem Hauch der Wachskerzen wehte von der Bahre her, die zu Füßen des Altans stand. Davor saßen in der ersten Reihe der Stühle Eke und Eberhard von Selbach, nun die Herren in denk alten Hause.
Laut hallte Bnrgmanns Stimme über die TraUer- gemeinde hin. Aber wer näher znhbrte, der merkte wohl: es war nicht mehr die alte Kraft darin, die ehedem wie ein stürmender Waldbach sich grollend und donnernd uns sie ergossen. Wie eine Glocke schwang sie, die durch lange Zeiten ihren ehernen Ruf geschickt, nun aber den ersten Sprung erlitten. Tiefe Bewegung bebte, wenn auch verhalten, in der Brust des greisen Priesters. Sein getreuester Mitkämpfer für die Sache des Rauhen Grundes lag dort ans der Buhre. Als ob es die Sache selber sei
— so war es ihm. Und es klang das auch cui^ feitten] Worten:
„Ihr Männer vom Rauhen Grund, von nah und fern seid ihr hergekommen, keiner wollte znrückbleiben, und mit ernster Trauer siebt ihr vor diesem Sarge. Und das mit vollem Fug. Denn oer hier liegt, er war der eure!
Mehr denn vier Jahrhunderte steht dies alte Haus> trntzia und wehrhaft, als ein Wahrzeichen des Rauhen Grundes. Und ebensolange sitzt in diesen: Hanse das Geschlecht des Grunds, selber trutzig und wehrhaft wie sein Haus. Ein rechtes Herrenbeschtecht. Allzeit sind sie hoch- erhobene:: Hauptes über ihr Eigen geschritten — selbstherrlich und hart. Gar oftmals haben wir es verspürt^ auch an ihm, dem nun ein Stärkerer die Hand äufs Haupt gelegt hat. Manchen Strauß Huben wir ausfechten müssen mit ihm, manchen heiße:: Zorn haben wir auf ihn gehübt.
Aber dennoch, ihr Männer, er war der unsere! Heute> an seiner Bahre, fühlt qß auch der, der ihm Melleicht bei Lebzeiten grollend fern gestanden. Denn keiner, wie wir hier auch alle stehen, keiner, sag' ich, hat mehr unsere Heimat geliebt, denn er! Das war es, wus ihn mit unA verband, was ihn uns verbindet auch noch übers Grab hinaus. Liebe zur Heimat — sie ist uns das Teuerste, was wir haben. Darum ist uns auch der teuer, der diese Liebe hegt und pflegt wie wir selber. Ein deutscher Dichter
— kein Sänger aus unserem westfälischen Gau, aber dennoch ein kernig deutscher Maun, unserer Art wesensverwandt — hat es einmal gesagt in einem seiner schönsten Werke: „Der ist in tiefster Seele treu, der so die Heimat liebt!" — Ja, treu in tiefster Seele, wie rauh auch oft ihr äußereck Anstrich war, das wur er, der Tote da. Und, ihr Leute vom Rauhen Grund, ich frage euch: Was kann man einem Manne besseres nachrühmen als Treue?
So laßt uns denn auch ihm die TreUe halten, im Erinnern übers Grab hinaus! Treue um Treue — das! Wort hat ja von jeher gegolten hier bei uns im Rauheu Grund. . .
(Fortsetzung folgt.)
Aöolph von Menzel.
(Zu seinen: hundertsten Geburtstag, 8. Dezember.)
Bon Alfred Bratt.
Tie Wiederkehr des Geburtstages Adolph von Menzels rust in jedem Jahre voi: neuem mit aller Deutlichkeit das Bewußtsein ins Gedächtnis, daß mit Menzel eine der künstlerisch, kwturell und auch rein menschlich bedeutsamsten Persönlichkeiten des deutschen Kunst- und Gesellschaftslebens dahingegangcn ist. Ein Repräsentant jenes Deutschland, dessen geschichtliche und gesellschaftliche Entwicklung — in sich abgeschlossen — all das schuf, woraus unsere Heu-


