Ausgabe 
8.12.1915
 
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Die vom Rauhen Grund.

Roman von Paul Grabein.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Halten!" befahl Hemver von Grund, und er wartete still in seinen: Wagen, bis der Pflüger von oben her das Feld heruntergekomnren war. Nu:r erkairnte der aufblickend den Wagen vom Adligen Hanse und griff grüßend zur Diütze.

,,'n Tag, Stichler," nickte Herrner zu dem Alten hin. Der ivar in seinen Fahren. Sie hatten einander schon als Kinder gekannt.Nun doch noch bei der Arbeit^'

,^Fa das letztemal," und der Alte lehrrte sich auf den Pflnggriff. Ernst blickte er über die brainre Acker­erde hin.

Habt Fhr's dem: wenigstens gnt bezahlt bekommen?"

Wie man's nimmt. Es war wohl recht so, aber es hat mir doch in der Hand gebrannt, das Geld für meinen Acker."

Düster nickte Henner von Grnnd vor sich hin. Dann fragte er tveider:

Was werdet Fhr nun machen? Euch anderwärts an- kanfen?"

Der Alte am Pflug schiittelde schwer den Kopf.

Ne:: anfangen auf ntzeine alten Tage? Nein, Herr, das lohnt wohl niurnrer. Ich will zu inetuem Sohn ziehen. Der hat jetzt Arbeit gefunden, droben auf dem Werk. Frei­lich es ist andere Arbeit. Unsere Väter und Bäter-väter haben rrichts gewußt davon. Nun, es nrnßde wohl halt so kommen. Es ist bei allem nur ein Trost: man wird's ja nicht lang mehr mitanzusehen brauchen."

Und sein Mick glitt langsam zu den: Herrn vom Adligen Hanse. Der neigte leise sein Haupt. Einen Atomen t trafen sich die Augen der beiden in einen: (bimmen Verstehen. Dann gab Henner dem Kittscher ein Zeichen. Weiter ging es hin über das todgeweihte Gefilde, über dem ahnungslos eine Lerche froh schmetterrrd ihr Loblied sang.

Nun war der Wagen a:n Waldsaum angelangt. Henner ließ halten u:rd stieg ab. Schwerfällig kam er zu Boden.

Fahren Sie weiter. Ich will zu Fuß durchs Revier. Hinten am Fischbacher Weiher warten Sie auf mich. Ver­standen?"

Der Kutscher bejahte und fuhr davon. Henner von Grund aber ging quer über den Hang. Mühsam, Schritt um Schritt wand er sich durch Astwerk und Gezweig. Die abgetrennten Häupter der Waldriesen, die die Mordaxt gefällt. Im Sturz hatten sie die Wurzeln aus dem Boden gerissen. Tiefe Löcher gähnten, aufgewühlt wie im Todeskanttst. Vielfach war das Erdreich, der schwarze Waldboden mit den Wurzeln heraus­gefetzt worden. Gleich einer Brustwehr ragte er nun senk­recht auf. Dunkel dräuend, wie von Geschossen durchlöchert. Einem Schlachtfeld glich so der Hana. Und stieg es nicht

aus dem Moderduft der abgestorbenen Blätter noch wie ein bang verhallendes, letztes Seufzen?

Den Kops tief gesenkt, schritt Henner von Cttund dahin. Aber als er nun mitten drin war in dieser Wirrnis und jedem menschlichen Auge entzogen, stand er still.

In den: erloschenen Blick blinkte es, trüb und feucht. Da lag er nun, der Wald, der sein bester Freund gewesen war in seinein Leben. Was sollte er nun noch ans der Welt? Und eine Müdigkeit kam plötzlich über den Herrn vom Adligen Hause, daß er sich niederlassen mußte a uf einen der gefällten Stämme, schlaff in sich zusammen­gesunken.

So saß er mit geschlossenen Angen, und durch seinen Geist, den eine dämmernde Mattigkeit befallen, zogen all die langen, langen Jahre, die er zugebracht in Sommers-' und Winterszeit hier im Schweigen des Waldes. Immer werter zurück ging dies Erinnern, bis es sich verlor in un­gewissen: Grau. Ein schwernrüttges Sinnen befiel ihn. Wald und Mensch, Ncrtnr und Leben, tvar es nicht ein ewiger Kreislauf? Aus dem Dunkel kan: cs und führte wieder dahin zurück. Und keiner war, der hätte sagen können, zu welchem Ziele.

Lautes Peitschenknallen, Räderknarren und harte Laute einer Menschenstnmne rissen Henner von Grr:nd aus seiner Versunkenheit. Ein Wagen kam auf ihn zu, eine Holzfuhre. Dtühsan: ächzte der Karren durch den tiefen Sand des Wald- bodens. Doch nun saß er fest. Mit aller Kraft zerrte das Pferd, ein alter, abgetrieberrer Gaul. Er lag keuchend in den Strängen. Aber vergebens. Wilder und roher fluchte da der Main: neben ihm. Ein landfremder Geselle, offenbar drun-, ten vom Sperrenbau. Sein scharsklinchntdes Kauderwelsch Konnte Henner von Grund nicht verstehen, wohl aber seinen wutentbrannten drvheirden Blick. Ta erhob er sich von seinem Platz.

Zeit seines Lebens hatte er es nie geduldet, nie ruhig mitansehen könne::, daß man Tiere quälte. Und als sich jetzt der Mann nach einen: armdicken Ast bückte und damit ausholte nach dem angstvoll schnauberrden Pferd hin, trat Henner schnell ans dem Buschwerk hervor.

Halt!"

Mit Wenigem Mick hob er gebietend die Hcuch.

Einen Augenblick stutzte der Mensch, daim aber stieß er ein Wort hervor in seiner fremden Sprache, Unverstand-' lich für Henner von Grund, aber der freche Ausdruck seiner rohen Züge sagte genug, n:ü> abermals schwang er den Ast nach dem armen Tier.

Alles Mut schoß den: Herrn vom Adligen Hause zum Kopf. Das ihm? Auf seinem Grmrd n:tt> Boden? Und noch einmal loderte der wilde Jähzorn seines Geschlechts ii: ihm aus. Die Rechte n:it dem derben Eichenstock zuckte empor. Aber ehe sie niedersanste, ein Wanken, Schwanken, und vornüber fiel der schlvere Leib dumpf und hart.

Der Mann neben dem Pferd hatte sei:ren Knüppel fester gepackt. Bereit zu Abwehr ::nd Gegenhieb. Doch nun