Ausgabe 
6.12.1915
 
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Brutto Hochmuts Verhängnis.

Eine heitere Geschichte von Georg Müller-Heint.

Bruno Hochmut war in meinem Elternhause Freitischler. Das bedeutete, daß er, eins von den neun Kindern eines Kantors in der Umgegend, nicht genug Unterhalt von seinem Vater be­kam, um sich selbst beköstigen zu können. Ter lang aufgeschossene, linÜsch-höfliche junge Mann hatte sich durch das ganze Gym­nasium bis zur Oberprima schlecht und recht Hindurchgeschunoen. Nicht wissenschaftlich er war der Zweite, aber wirtschaftlich; Wie er mit seinen paar Mark väterlichen Zuschusses ausram, war eigentlich ein Wunder. Als Famulus der Schulbibliothek war er freilich im Besitze einer Freistelle: er hatte kein Schulgeld zu bezahlen. Außerdem gab er dreien meiner Kameraden in Unter­tertia Privatstunden. Davon beglich er seine Wohnung, ein arm­seliges Stübchen bet einer Lehrerswitwe im Dachgeschoß.

Zum kärglichen Abendbrot langten seine paar Groschen ge­rade noch, aber mit dein Mittagessen wäre es schlimm bestellt ge­wesen, wenn ihur der Rektor nicht Frettische verschafft hatte. An jedem Montag sah er selbst ihn zu Gaste, Dienstags Brmw bei Amtsrichters, Mittwochs in der Familie des MustkdirektorS, der eiitft gemeinsam mit Kantor Hochmut das! Konservatorium! besucht hatte, Donnerstags gings zum Konrektor, dem Verwalter der Schulbibliothek, den Freitag hatte sich Frau Kerstiner gewählt, eine Kammerratsioitwe, die sich durch Wohltätigkeit einen Platz in der sonst semitenfeindlich gesinnten Gesellschaft der rlernen Stadt erworben hatte, und Sonnabends, wo wegen des an diesem Tage üblichen Reinemachens kein Freitisch zu finden t gewesen war, hatten sich meine Eltern hierzu erboten. DaS ging auch! sehr gut; denn der Vater, der Sonnabends seine Predigt memo­rierte, wünschte ein für allemal an diesem Tage ein kräftiges! Essen; die wöchentlicheSintflut", wie' sie Mem Bruder, der Obersekundaner immer nannte, war bei mrs auf Dienstag ver­legt worden.

Der Freitischler verursachte uns wenig Beschwerden. Pünkt­lich viertel nach zwölf erschien er, machte seine verlegenen Ver­beugungen, schob dreimal seine Brille mit den Messingbügeln zurecht, saß und artig, sprach nur, wenn er gefragt wurde, und verabschiedete sich sogleich, nachdem der Vater hinter dem DankgebetMahlzeit!" gesagt hatte, mit festem Händedruck.

Wir Jungen fühlten ein Rühren in der Brust mit Bruno Hochmut, der die wandelnde Denntt war. So jeden Tag wo anders bei fremden Leuten essen, bei Gott, das hätte uns nicht ge­paßt. Und eS wäre gar nicht nötig gewesen, daß der gute Vater uns ab und zu ins Gewissen redete:Ja, Kinder, dankt Gott, daß Ihr die Beine unter Eurer Eltern gedeckten Tisch stecken könnt! Ihr habt daran kein Verdienst. Wer Ihr sollt Euch durch Bravheit und Fleiß dessen würdig zeigen!" Wir hatten uns dies bereits selbst schon hundertmal heimlich gesagt und auch danach gehandelt. So wirkte Bruno Hochmut unbewußt geradezu als Erzieher.

Er kam gern zu uns. Nicht nur, weil es bei unserer Mutter, einer ausgezeichneten Köchin, immer etwas Kräftiges zu essen gab, sondern, ich glaube, besonders deshalb, weil meine Eltern und wir Jungeir wetteiferten, ihn wie ein Familienglied zu be­trachten. Er wurde nie ausgefragt. Vater, mit seinem reichen Wissen und seinem gütigen Wesen, schlug bei Tisch irgendein fes­selndes Thema an, er liebte angeregte Tischgespräche, mir warfen ein paar interessante Fragen dazwischen, Mutter mit ihrem seinen Sinn für Humor sorgte mitunter für ein herzliches Lachen, und wenn das Thema zu einem alle befriedigenden Schluß ge­führt worden war, war dann gewöhnlich auch die Mahlzeit zu Ende.

Der Sonntag war für Bruno Hochmut der glücklichste Tag der Woche; jeden Sonnabend nachmittag machte er sich auf die Strümpfe, um seine Eltern zu besuchen. Da fuhr er nicht etwa mit der Sekundärbahn, sondern er lief die knapp drei Wegstunden bei Wind und Wetter, auch wenn ihm unsere Mutter ab und zu das Reisegeld durch uns Jungen zustecken ließ. Das sparte er sich lieber.

Es war wieder einmal Freitag abend und die Frage wurde erörtert, was wir morgen zu Mittag essen wollten. Ich fürs Leben gern Rindfleisch mit Gräupchen. Mein Vorschlag ging durch, und Mutterl versprach ihrem! Nesthäkchen, auch noch Blumenkohl an die Gräupchen zu tun. ^ r .,

Am nächsten Tag pünktlich viertel nach 12 Uhr stellte sich unser Tischgast ein. Wir setzten uns zu Tisch, während die Mutter noch mit den letzten Zurüstungen in der Kirche besch-üstich war. Mir fiel eine sonderbare Unruhe in Brunos Wesen auf. Seme Augen, die er sonst so fest auf den richtete, der mit ihm sprach, irrten beständig zur Tür, durch die jeden Augenblick Mruna nitt dem Servierbrett erscheinen mutzte. Auch rückte er verdächttg oft an seiner Brille. Selbst meinem Vater entchng diese Veränderung in Brunos Wesen nicht und er meinte: ^ ,

Sie wollen gewiß gleich nach Tisch Ihren Marsch rns Elternhaus antteten. Nun, wir werden sofort mit dem Essen beginnen."

Und schon hörte man den festen Tritt Minnas auf dem Vor­saal. Jetzt öffnete sich die Tür, Brunos Angen weiteten sich hinter der Brille. Mit Blicken ängstlicher Spannung verfolgte er Minnas

Bewegungen ant Anrichtetisch, so daß er sogar die Begrüßung meiner Mutter vergaß.

Pittervot stammelte er seine Entschuldigung; er war entschieden nicht bei der Sache. Nun begann das Essen. Mutter teilte auA und Bruno bekam, wie üblich, die besten Bissen.

Ach, bitte, nicht so viel, Frau Pfarrer!"

Wir horchten auf. Das war neu an Bruno. Er hatte ztt Mutters Freude immer einen tüchtigen Appetit.

Na nu, Bruno; einen Korb geben Sie.mir? Sie essen doch Rindfleisch mit Gräupchen gern, wie ich weiß."

Ja, Frau Pfarrer!" Er zückte -den Löffel; so hat Mucius Scävola seine Rechte ms Feuer gelegt.

Vater schlug ein Themä mr, das uns alle interessieren mußte: Die Berufswahl der Abiturienten.

Bon meinen Söhnen werde tc§, wie mir scheint, keinen in meinen Fußtapfen schreiten sehen. Man soll niemanden zu einem Berufe zwingen. Aber von Ihnen freitt's mich doch, lieber Bruno, daß ich einmal einen Kollegen an Ihnen bekomme.

Bruno wäre sonst über solches Lob wohl der Glücklichste aller Menschen gewesen; heute schlug nichts bei ihm an. Er stammetta seinSehr güttg, Herr Pfarrer!", aber daS war eine Floskel; sein Herz hatte daS nicht gesprochen.

Nun fiel es mir mit einem Mala auf, daß Brunos Teller gar nicht leer wrlrde. Gr machte zwar die Bewegung des Essens, aber der Löfiel kam immer wieder gefüllt von: Munde zurück; nur der Blumenkohl verschwand allmählich.

Bruno war entweder krank oder er hatte einen Kummer. Er dauerte mich; er gab sich alle Mühe, dem Men meiner M utter, die er, wie ich tonnte, geradein kindlich liebte, Ehre anKttun« Aber es ging einfach nicht. Ich wollte ihm Helsen und grübelte, eben, wie das anzustellen sei, da klang die Stimme meiner Mutter:

Nein, lieber Bruno, Sie zwingen sich heute, und das sollen Sie nicht. Ich habe auch schon Gerichte, aus dre nran sich immer ge­freut hatte, plötzlich nicht mehr essen mögen." Die gute Mutter, dachte ich, das war eine glatte Notlüge, um Bruno aus seiner un- erquicklichen Lage zu helfen.

Sie klingelte der Minna und trug ihr auf, die kalte Platte ünh Butter und Käse zu bringen. Dankbarer hat noch kern Mensch den anderer: angeschaut wie Bruno unsere Mutter L«i diesen Wortes

Mit einem herzerfrenenden Appetit ging er an den Kalbs- bratenaufschnitt und den Edamer. Inzwischen spann der Vater sein Theina fort. Auf einmal wurde er vor: der Mutter^ was sie ümjt nie tat unterbrochen. Es ließ ihr keine Ruhe; sie wollte wissen, tvas mit Bruno los war. Ihr grübelnder Sinn hatte sie auf eine Spur gebracht. Ganz diplonnttisch ging sie zu Werke.

Sagen Sie, lieber Bruno, was gab's denn am Sonntag bei Muttern zu esse::?"

Rindfleisch," kau: prompt hie Antwort, als hätte sich BruNp die ganze Woche nichts anderes zst merken gehabt als dies.

Und dazu?" f \ . >

Gräupchen!"

Und bei Rektors am! Montag?"

Reis.

Mit^Rindfleisch dazu. Nicht wahr?"

^8nd bei Amtsrichters?" s

Dasselbe."

Und wohl auch bei Musikdirektors?"

Nein; Gräupchen dazu."

Jetzt war es meine Mutter, die immer röter würde. Brutto, aber rückte Gor jeder Antwort dreimal an seiner Brille. Wir Jungens hatten vor Schreck mit Essen aufaehört. Der Vater aber nickte bedächttg, ein Zeichen, daß er angestrengt nachdachte.

Und bei Konrektors?" inqnirierte mtt einem halb neugierigen, halb ängstlichen Ton die Mutter weiter.

Rindfleisch mit Gräupchen," kam zögernd die Antwort.

Und gesterm?" Ganz aufgeregt klang die Frage.

Brmw wollte lächeln, aber es lvurde nur der .Anflug zu einer Grimasse: dann sagte er treuherzig:

Auch!"

Die Mutter scharrte den Vater m und wir Brüder uns gegen­seitig,Donnerwetter!" dachten wir,-der arme Kerl!" die .Eltern.

Dieses Geständnis unseres braven Freitischlers hatte zwe: Folgen: Ich mußte jeden Freitag nachmittag Bruno in der Schule fragen, was er in der Woche noch nicht gegessen h<ll>e. Und zum anderen: Wir beiden Brüderbüffelten" von Stmw an, daß Lehrer mtd Eltern staunten. Und wir wurden mihermlich brav. Wie danken wir's den guten Eltern, daß wir nicht als Fre:ttschler umherz:Hiehen brauchten. _ _ ^ '

Acht Jahre später n>aren wir alle be: Brmw Hochmuts Hoch­zeit. Es tvar eine fröhliche Feier. Aber am lustigsten wurde es doch, als der Vater, der das junge Paar getraut hatte, seme joviale Tischrede schloß: ,

Und darum, holde, iunge Frau, hüten S:e fich vor ^ Rindfleisch mit Gräupchen!" , . A . .. ...

Heute steht Brmw Hochmut schon se:t Monaten als Tvnswns- pfarrer im Felde. Sein Landesfürst hat ihn: eigenhändig d:e Tapferkeitsmedaillewegen mierschrockener Seelsorgerd:enste in vorderster Linie" an die Brust neben das goldene Kreuz, das Ab­zeichen seiner Würde, gehestet. Verhängnis seiner Jugend