Ausgabe 
6.12.1915
 
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DaS große Sterben hatte bereits den Wald ergriffen. Hoch hinauf an den umschließenden Bergwänden wurden m die Fluten steigen. Da mußte jetzt der Baumbestand in diesem Ueberflutungsgürtel fallen.

Auch der Waldbesitz des Adligen Hauses war hiervon betroffen. Als Henner von Grund das erste Anschreiben der Talsperrengesellschaft in dieser Angelegenheit bekam, bran­dete es noch einmal in ihm auf. Ein letzter Ausbruch seiner vulkanischen Natur. Sein Wald das war, als gänge es ihm selber ans Leben. Er raste in furchtbarein Grimm, lehnte jede Verhandlung in der Sache ab und drohte: wer seinen Wald auch nur zu betreten wagte, den würde er niederschießen wie einen tollen Hund! Man mußte so das Enteignungs­verfahren gegen ihii einleiten. Aber auch hier trieb er den Widerstand bis zum Aeußersten. Doch als es endlich kam, wie es mußte, und ihm aus behördliche Verfügung das Besitz­recht an dem betroffenen Waldteil entzogen wurde gegen eine angemessene Entschädigung, da brach Henner t>ou Grund völlig zusammen. Nun nrochten sie machen, was sie woll­ten ihm war alles gleich!

Aber als dann eines Tages ein seltsamer, dumpf hallen­der Ton von fernher durchs offene Fenster des Adligen Hauses scholl, hob der in sich zusammengesunkene Mann im Lehnsessel doch lauschend das graue Haupt. Das war die Holzaxt, die da oben ihr Mordwcrk begann. In seinem Walde. Und er zuckte zusammen, als träfe der Schlag ihn selber ins Mark.

Seitdem saß Henner von Grund so Tag für Tag so bei offenem Fenster und horchte hinaus, wie sein Wald starb. Und von Tag zu Tag verfiel sein mächtiger Körper mehr. Ein hilfloser, alter Mann, eine Menschenruine, lag da nur noch im Sessel. Ohne Zeichen von Teilnahme an seiner Um-

gebuim-

Nur in seinen Augen, tief eingesunken unter den buschi­gen Brauen, stand etwas, das schnitt Eke ins Herz, wenn sie ihn so still vor sich hinbrüten sah. Sie fühlte sich dem Onkel nahe wie nie in ihrem Leben. Aber wenn sie zu ihm trat und sanft hinstrich Über seine abgesallene Rechte, vor deren Gewalttätigkeit sie einst gezittert hatte, dann fuhr er aus in alter Barschheit.

So ging der Sommer hin. Doch eines Tages verstummte das dumpfe Hallen droben vom Walde her. Vergebens hob Henner von Grund den Kopf. Alles blieb still. Da lief ihm ein leises Zittern von den Mundwinkeln aus durch den langer:, grauen Bart. Tief sank er ihm zur Brust. Nun war es geschehen!

Diesen ganzen Tag hindurch war der Herr vom Adligen Hause für niemanden zu sehen. Auch Eke ließ er nicht vor sich. Um so mehr überraschte sie am späten Nachmittag ein geräuschvolles Treiben auf dem Hofe. Sie sah hinaus. Kall­mann hatte den Pürschwagen aus der Remise gezogen und spannte ein. Sie öffnete das Fenster:

Will mein Mann denn ausfahren?"

Nein, aber der alte Herr haben befohlen."

Wie mein Onkel?"

Verwundert blickte Eke eine Weile vor sich hin. Dann ging sie zur Tür. Sie wollte doch noch einmal'hinüber zu des Oheims Zimmer. Aber schon in der Halle kam er ihr entgegen, fertig zum Ausfahren, in seinem Jagdanzug. Seit mehr denn Jahresfrist hatte sie ihn nicht mehr so gesehen, und eine Besorgnis befiel sie.

Willst du wirklich allein hinaus, Onkel? Soll dich nicht lieber Eberhard begleiten? Oder ich, wenn es dir recht ist?"

Ach was Unsinn! Ich bin doch noch nicht solch Jammergestell."

Zornig reckte sich Henner von Grund auf. Aber die Joppe hing ihm schlotterig um den eingefallenen Leib.

Wie Eke noch zögernd stand, kam aus dem dunkeln Winkel unter dem Altan, seinem Lieblingsplatz, Teil hervor. Als er den Herrn in dem wohlbekannten grünen Jagdrock sah, lief er schweifwedelnd herzu und rieb den Kopf an seinem Knie.

Henner von Grund blickte zu ihm hinab.

Denkst wohl, es soll wieder hinausgehen wie früher? Was?"

Heftiger schlug der Hund mit der Rute und winselte voll Eifer. Da flog ein sonderbarer, wehmütiger Schein über Henner von Grunds finsteres Antlitz. Seine Rechte griff nieder und tätschelte dem Tier den Kopf.

Nein, mein Alter das ist vorbei."

Eke blickte überrascht. Noch nie, so lange sie denken konnte, hatte sie das je gesehen, daß der Onkel den Hund liebkoste.

Auch Tell brachte die Zärtlichkeit des stets gestrengen Herrn ganz außer Fassung. So ungestüm sprang er plötzlich an diesem hoch, daß er wankte. Doch da fuhr der alte, wohlbekannte Zornblitz unter den grauen Brauenbüschen hervor.

Pack dich du Lümmel down!"

Wie niedergeschmettert duckte sich der Hund zu Boden, ganz regungslos. Nur die Augen folgten bekümmert dem ungnädigen Gebieter, der jetzt, ohne einen Blick für ihn, mit wieder finsterem Gesicht zum Ausgang schritt. Auch Eke bekam keiner: Gruß mehr. So trat sie nur ans Fei: st er und sah, wie der Oheim mühsam auf den Wagen stieg. Nie war ihr seine Gebrechlichkeit stärker ausgefallen. Da wuchs die geheime Sorge in ihr.

Der Krttscher'aber sah jetzt fragend zu dem Herrn zurück.

Ins Revier!" '

Barsch kam der Befehl. Mit einem Ruck zogen die schoU ungeduldigen Pferde an. Und nun griffen sie weit aus vor dem leichten Wagen auf der ebenen Chaussee.

Da sandte Henner von Grund seinen Mick aus, hinüber zu den Bergwänden, die den weite:: Grund rings säumten. Etwas Aengstliches, Gespanntes lag in diesem Blick, und nun zuckte sein Auge zusammen. Kahl, bis fast zun: Drittel hinauf lagen überall die Hänge, die vordem dichtes Wald-, grün bedeckt, solange ein Menschen fuß hier wandelte üb^r die Erde des Rauhen Grunds.

Rasch schloß Henner von Grund die Augen. Fest preß- ten sich seine Lippen unter dem bebenden Bart zusammen^

Als er wieder aufsah, waren sie ein gut Stück weiter das Tal hinab. Drunten, wo der Fluß austrat, wurde jetzt auf der Höhe ein merkwürdig großes Gerüst sichtbar. Dunkel ragte es empor mit weit ausgestrecktem Arm.

Henners Eichenstock tippte dem Kutscher gegen die Schulter.

Was ist das da vorn?"

Ein Hebemast von der Sperrmauer, gnäd'ger Herr."

Grimmig fuhr es über Henners Stirn.

Wie ein Galgei:. Daran sollte man all die Kerls hängen den Bertsch vornweg!"

Und weiter ging die Fahrt. Still lag der weite Grund. Nur hin und wieder ein rollender Donner. Sprengschüsse aus den Steinbrüchen drüben. Oder das gellende Aufschril­len der Lokomotiven der Feldbahnen, die kreuz u:rd quer ihre weißen Dampfspuren an den dunkeln Berghängen end- lang zogen.

Unwillig wandte Heirner von Grund den Kopf. Aber da fiel sein Auge auf den Rain längs der Chaussee. Erst jetzt sah er es ja: wo bisher die schattenspendenden Kirschbäume gestanden, erhob sich nur noch eine lange Reihe niederer Stümpfe aus dem Boden. Traurige Stumn:el. Die Bäume alle schon abaehauen. Frucht würden sie doch nicht mehr tragen, wenn oie Wasser über ihnen waren, so hatte man sie wenigstens noch als Brennholz genützt.

Abbiegen rechts, den Feldweg hinauf!"

Rauh befahl es Henner, und alsbald trabten die Pferde auf dem weichen Sandboden dahin. Rechts und links behü­ten sich Aecker. Aber brach, unbestellt. Wozu sich auch! mühen? Man hatte ja seine Abfindung schon erhalten, nun mochte der Acker verkommcu In: nächsten Jahre war er doch schon verschlammter Seeboden, für immer abgeschieden von dem befruchtenden Sonnenlicht.

Nur auf einem Feldstück ging noch ein Pflug. Einsam! arbeitete hier ein alter Mann als einziger in der werten Flur. Düster hing Henners Blick an dem Acker. Einmal würde hier noch die Saat keimen, dann nimmermehr. U:ck er mußte all der Menschengeschlechter denken, die über diesen Boden hintern: Pflug gegangen waren, im Schweiße ihres Angesichts. Ji: Hoffen und Säen, in Mühen undi Ernten waren ihre Erdentage hingegangen, einer nach dem andern waren sie in den dunkeln Schoß der Erde zurück-, gekehrt, aber stets hatte dieser Boden wieder dem Sohjnl und Enkel sein täglich Brot gegeben, in Treuen; in allem Wechsel der Zeiten. Und nun schritt hier der letzte ihres Geschlechts über die Scholle der Väter wo würde der einmal sein müdes Hcurpt zur Ruhe legen? ,

(Fortsetzung folgt.)