Ausgabe 
6.12.1915
 
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Montag, den 6. Dezember

Die vom Rauhen Grund.

Roman von Paul Grabein.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

'Stark schritt Jke ans. Bald Mar sie ihm außer: Gesicht. Nun verlangsamte sich ihr Gang, aber peinvoll zuckten all die Eindrücke noch einmal durch sie hin;: der Aufschrei des Tieres, sein Blick voll Todesfurcht. Alle Qual der Kreatur, die das Leben grausam niederhetzt, chatte in diesem erschüt­ternden Blick gestanden.

Eke hatte noch nie ein Rech verenden sehen. Stets war ihr bisher bei ihrer sicheren Hand die Beute im Feuer zusammengebrochen. Ohne langes Leiden, tvie vom Blitz gefällt. Aber das heut' war schrecklich! Nie wieder wollte sie das sehen. Sie fühlte, ihre Hand würde zittern, im Er­innern daran jedesmal, wenn sie wieder die Büchse an die Wange legen wollte. Und Eke von Selbach, die, ohne je darüber nachzudenken, seit ihren Kindertagen die Aus­übung der Jago als etwas ganz Selbstverständliches be­trachtete, enrpfand es in dieser Stunde zum ersten Male: Das Weidwerk war etwas Rauhes Unweibliches. Da entstand ein Entschluß in ihr, und sie wußte, es war keine Augenblicksstimmung: nie wieder würde sie ein Gewehr zur Hand nehmen.

Aber auch mit diesem Entschluß kam das Treiben ihrer aufgestörten Gedanken noch nicht zur Ruhe. Anderes drängte heran, mit derselben unabwei suchen Gewalt.

Wie er ausgesehen hatte! Und der Ton seiner Stimme! Trotz all der Kälte er hatte ihr das Herz erzittern gemacht. Sie fühlte: dahinter barg sich ein schweres Leid. Ein Leid, das er trug um sie.

Da quoll es heiß und weh in ihr auf. Eine grüße Weichheit, in der sich ihr ganzes Wesen wohltätig löste, nach der künstlichen Erstarrung, in die sie sich selber ge­waltsam getrieben chatte. Sie lvurde sehend für all das Leid, das um sie herum war. Nicht sie allein trug bloß. Waren sie nicht alle, alle leidbeschwert, die um sie her waren, deren Pfade das Leben mit dem ihren sich chatte kreuzen lassen, in nnheilbringerwer Berührung? Gerhard Lerych, der nun einsam seinen Weg weitergechen mußte, aber auch ihr Mann daheim, der vergeblich die Hände nach ihr aus­streckte, beit es fror an ihrer Seite?

Und in dieser Stunde der Weichheit rang sich in Eke Von Selbach ein ehrliches Wollen empor. Konnte sie Eber­hard sein letztes Sehnen auch nie erfüllen, so wollte sie ihm doch Güte bezeigen, Märine um ihn verbreiten. Da trat ein stilles, klares Leuchten in ihren Blick, und stand noch darin, als sie dann wieder heimkehrte ins Adlige Haus.

Was bisher noch nie geschehen war in ihrer Eye, sie suchte ihren Mann in seinem Zimmer auf. Eberhard von Selbach saß an seinem Schreibtisch. Nun sah er auf, wohl etwas verwundert, aber ein gleichgültiges Hinblicken.

Doch sie trat zu ihm. Ihre Hand legte sich auf seine Schulter.

Eberhard" es klang eine weiche Güte aus ihrer Stimmeich weiß, ich habe manches an dir gutzumachen. Aber noch ist es ja Zeit. Und ich habe den besten Willen.^

Er antworte nicht gleich. Seine Rechte machte eine matte Bewegung ZU ihr hin, aber blieb dann doch auf dev Platte des Schreibtisches liegen. So sagte er endlich:

Ich danke dir, Eke du bist sehr gut."

Jedoch man hörte es den Worten an, wie er sie sich ab zwang.

Da stieg ihr ein leises Rot in die Wangen. Schweigend trat sie von ihm zurück und verließ das Zimmer.

Schwer ging sein Atem durch die Stille um ihn her. Dann stützte er den Kopf in beide Hände. So sann er lange vor sich hin, das Antlitz vergraben.

Endlich sah er wieder auf. Blaß, mit tief aufgewühlten Zügen. Zu spät! Er kam nicht mehr los von dem süßen Gift, nach dem er gegriffen, um sich das Gefühl seiner Än- samkeit zu betäuben. Nun fraß es ihm tief im Blut. Und würde weiter fressen, unersättlich. Seinen Frieden und den seines Hauses, bis alles zerstört war.

Er sah es kommen* klar bis zum letzten in dieser? Stunde. Dumpf hörte er es über seinem Haupte rauschen. Die dunkeln Schwingen des Schicksals, die ihn schon streiften. Da war kein Entrinnen mehr.

Und ein Mitleid beschlich ihn mit der Frau, die eben still von ihm gegangen war. Ihren wunden Stolz zu ver- bergen. Arme Eke! Warum hatte sie den Weg zu ihm nicht eher gefunden?

*

Die Monde kamen und gingen. IN ihrem Wechsel schritt das große Werk im Rauhen Grunde vorwärts, unaufhalt­sam. Schon wuchs die Sperrmauer empor, quer über das Tal hin. Ein ungeheurer Steinwall von erdrückender Wucht; wie von Zyklopen gefügt. Und man vermeinte das ungebär­dige Dröhnen und Schnaufen ihrer Arbeit zu vernehnien.

Dumpf krachten die Sprengschüsse von den fernen Stein­brüchen her und warfen rollende Donner von der Berg­wand zurück. Schrill kreischend surrten die Kabel, an denen, hoch durch die Luft, in ununterbrochenem Kreisen die Wagen der Seilbahn glitten und über die Baugrube ihre Stein-, lasten mit ohrenbetäubendem Prasseln fallen ließen. Loko­motiven gellten und schleppten keuchend endlose Wagen­züge mit Sand fort. Gewaltige, haushlohe Laufkräne, stäh­lerne Ungetüme mit seltsamen Greifarmen und Klauen, schoben sich hier- und dorthin, packten und schwenkten kolossale Blöcke herum, als wär's ein Kinder spie llzeug.

So wuchs und wuchs die Sperrmauer empor. Sticht lange mehr, und sie würde ihre Bestimmung erfüllen. Ein­mal noch würde sich der Ring des Jahres schließen. Wenn es dann wieder Lenz wurde, iamen die Wasser und taten ihr Werk der Vernichtung. Schon warf es seine Schatten über das Tal.