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Und bann standen sic alle draußen im eisigen Tezembcrregen, der halb Schnee, halb Wasser »vär.
„Acks was! Kragen hoch! Und nachher, »venn wir zurück sind, einen ordentlichen Schluck!" Daniit stapfte Hinrich Thedens voran. Er war bei Hauidurg zuhause und verstand nicht, »vie man über das Wetter so viel Worte verlieren konnte.
Hans Bollßardt. ix*r Thüringer, schwieg und folgte. Wie an etwas sehr Helles, sehr Fernes, dachte er an die rauhen, sonnr- oen Winter seiner Berge, an schnecbeladenc Wälder unter frost- klaeem Himmel. Wie einen Feind empfand er die trübe Fruchtigkeit des niederen Landes, einen schleick)enden Feind, der ihm all seinen Frohsinn stahl.
Zwei andere schlossen sich noch an. Und so ging cs fort in den grauen Tag hinaus.
An Ausschieben war ja nicht zu denken. Wenn man zum Fest überhaupt einen Daum l)aben -wollte, so mußte man ihn sich eben lwlen. Von der dritten Kompagnie hatten sie heute hertelephoniert, daß sie noch ein paar junge Tannen geschlagen hätten. Wer noch welche davon haben wolle, könnte kommen. Das halten sich die von der ersten Kompagnie natürlich nicht zweimal sagen lassen; denn wo sie selber lagen, gab cs nichts als Pappeln an der Chaussee und gebeugte Weiden den stillen, kleinen Bach entlang. Ohne Weihnachtsbanm aber ging es doch nicht. Ta ivar seiner, der darauf verzichtet hatte. Und »vcnn man sich auch lns ans die Haut duvchweichen lassen mußte — das »var eben klicht zu ändern.
Vonv-ärts!
Zum Sprechen freilich verging den vieren bald die Lust. Jeder hatte gerade genug mit sich zu tun, um gegen den Wind anzu- kämpscn, der über die kahlen Hügel dahcrpsiff witb einem die faheu Tropfen nur so ins Gesicht schleuderte. Aus Küstenwache komtte es nicht schlimmer sein. Man fror bis aus 'die Knochen. Auch mit der Deckung war es manchmal faul bestellt. Alber znm Glück besland offenbar beim Feinde wenig Neigung, in dcm^chand- wetter scharfe Ausschau zu halten.
Ta plötzlich liest der Sturm etwas nach. Es gab erst eine kurze Pause, daun noch eine. Tann flaute er ab. Nur die Wassergüsse fielen noch iniablüssig aus das regcnsatte Land, in dem da und dort breite Pfützen ansblänkerten.
„Weihnachtsloetter!" spottete eine Stimme. Ein Mann von der dritten Kompagnie stand mit einem Male vor ihnen.
„Wollt euch wohl eine Tanne holen? Kommt man mit!"
*
Wie ein Traum! von Häuslichkeit und Geborgensein war der kurze Aufenthalt in dem engen, aber trockenen Fuchsbau der Ka- meraden gewesen. Tazu der kräftige Trunk, der einem inwendig so schon heiß machte!
Tann wieder hinaus in die frostige Nässe.
Ter Wind hatte sich nun ganz gelegt. Man brauchte sich nicht mehr gegen ihn zu steunnen und schritt leichter aus. Tazu war es inzwischen dämmerig geworden, und die vier konnten sorglosev zugehen.
Schliestlich liest auch der Regen nach und löste sich in perlenden Nebel auf.
Immer schemenhafter wurden die Gestalten der Männer, lvie sie im Grau des unsichtigen Nachmittags vorrücktcu. Je zwei hatten einen Tanncnbauin gefaßt. Sie hielten ihn niedrig mit hörenden Armen. Dann und lvann schleiften die Zlveige an der Erde, das; es aussah. als Urnen es schleppende Decken von Bahren, die über das verlassene Land getragen wurden.
„Halt! Es ist nun schon so dunkel, dast wir wohl gefahrlos den Rrchtweg nehmen können."
E-chweigcud folgten die anderen. Hinrich Thebens hatte recht. Nur bald ir:S Warme.! Nur bald in die enge Behaglichkeit, die tm llntcrstaird auf einen wartete, wo die kleine Petroleum- lampe vom Balken herab über Tisch und Schemel leuchtete und wo trockener Tabak war.
Ta wieder ein „Halt!"
Was gab es denn?
Tie beiden Hintermänner wurden ungeduldig: „Wozu stehen wir hier? Haben wir nicht schon Wasser genug im Schuh?"
m f ,n &“ — Pause — — „wir sind hier bei den»
Gräbern!"
„Ach so!"
r ... ^ i l £ uoch ui der tiefen Dämmerung, die traurige,
stillen Lmgcl. Längst lutttc der Sturm ihnen die Kränze entführt Zu 'urcgtbarer nackter Oede starrten diese letzten Nulu'stättcn di Uebcrlebenden an.
„Hier liegt Karl Brandes," sagte der Hambergcr langsam nitd eine Hand brach einen Zweig aus der Tanne, die er trug und legte ihn sorgsam über das kahle Grab.
„Und hier Paul Wendel," fügte der Thüringer bei. „Der so! auch was haben!/ Und auch er griff in die dichten Nadeln uni brach emcn Zweig ,iir ben loten Kameraden.
meldeten sich auch die beiden anderen: „Und hier lieg eru tZrennd von mir!" „Und da!"
„Und der ist auch einer von uns!"
'sie hatten es gar nicht nötig, sich hcrabzubeugen, um im zu nehmenden Dunkel die Inschristen zu eutzissern. Sie wußten aus )o, wo leoer lag. Der war ein Landsmann von einem der vier der sogar cm Torsgenosse gewesen. Vergessen war seiner.
„Und die sind von der dritten Kompagnie," sagte einer. „Denen ihr Grab sokl auch nicht leer bleiben."
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„Habt ihr sic?"
. , Der Aufenthalt auf dem Jricdhos der Gefallenen hatte ihnen doü- Zeit gekostet, und cs war schon spät, als sie endlich zurückkamen.
„Habt ihr sie?" rief man sie aus dem Unterstand an.
Und dann waren sie hinutcrgekrochen und hatten die Bäume nachgczerrt. Merkwürdig war das gegangen. Und dann war das Licht der Lampe darauf gefallen. Ja, und dann hatten die andern, die daheim geblieben waren, gelacht und gelacht, und das Höhnen »rollte lein Ende nehmen.
„Das sollen Weihnachtsbäuine sein?" „Nette Bescherung!" „Besenstiele sind das!"
Ta hatten Hinrich Thebens und Hans Bolkhardt und die andern beiden zum erstenmal ihre Bäume wieder angesehen und toaren sehr kleinlaut geworden. Mit zwei prächtig gewachsenen, prangenden Tannen waren sie drüben aufgebrochen. Mit zwei mageren Stecken, an denen nur da und dort noch ein einzelner Zweig in die Luft starrte, standen sie nun da.
„Ihr Helden !" „Euch schicken mir auch bald wieder!" „Ihr habt euch schön reinlegcn lassen!" Das flog ihnen nur so von allen weiten an den Kops.
„Es waren aber wirklich schöne Bäume," wehrte sich der ^hurmgcr. „Ihr hättet sie nur sehen sollen!"
„Wir sehen sie ja! Wunderschön sind sie!!" „Tic Franzosen haben euch »vohl Löcher hineingeschosscn, ja?"
„Nein, aber — —" begann der Hamburger und stockte wieder und sah seine Begleiter hilflos an. Tie schwiegen auch wie auf den Mund geschlagen.
Ein Musketier, dem die 'Sache zu dumm wurde, stieß den Thüringer mit dem Ellbogen in die Seite: „Red' doch ein Wort!"
Ta begann der. Sehr langsam kam dann die ganze Wahrheit heraus. Tenn Hans Bolkhardt, der sonst so zungenfertig war, sprach heute sehr ungeschickt. Aber seltsam — keiner unterbrach ihn mehr. Vor aller Augen standen plötzlich die einsamen Gräber, auf denen kein Schmuck, keine Blume, kein Blatt mehr gewesen »var, die ganz leer, wie verwahrlost da gelegen hatten. Und sie begriffen mit einem Mal: recht hatten die vier getan!
Kein Lachen ivar mehr zu hören, kein spöttischer Blick streifte mehr das karge Grün der arg geplimderten Bäume, als der Erzähler zu Ende war.
. Eine Pause entstand. Niemand konnte die Worte finden, die er suchte. Verlegenes Männerschweigen.
Ta schob der Musketier, der vorher den Thüringer zum Reden aebrackst hatte, langsam eine Hand in die Tasche und zog einen Tabaksbeutel hervor, und langsam ging er auf die vier zu und bot erst Hinrich Thebens an und dann Hans Bolkhardt und dann den beiden letzten.
Und da brachte nock) einer Tabak zum Vorschein. Und noch einer. Und alle boten an. Und die vier verstanden, daß dies Anerkennung bedeuten sollte. Und sie griffen zu.
Ta waren gar keine Morte mehr nötig.
Das Uriegrbiible.
Bon Käthe Röse-Strang.
Sie wohnten weit hinten im Erzgebirge, in einem stillen, »veltcntrückten Dörflein.
Bis zur letzten Stunde hatte das Weib geschasst — und jetzt, nach langen, schweren Stunden, hielt sie das im Arm, »vorauf ie sich schon lange gefreut hatte.
„Das Büblc!"
Und sah's nicht ganz aus »vie der Vater?
Wie schab, daß er nicht dabei war. jetzt eben — — und das große Büble sehe kunnt — wie würd er sich sreie!
So schrieb das Weib mit steifer, ungelenker Hand — dem Fernen ein Briefle, kurz und bündig:
„Es ist ba— — das Büblc."
Bald stand das arbeitsam? Weib wieder aus. sie mußte halt leißig schaffen, um das Geschäft zu hallen.
Bei dem leeren Webstuhl des Mannes stand jetzt das Bübic,
und wenn das fleißige Weib aufschante-so sah es grab
m die blauen Augen — und die waren grab so »vie die des Vaters.
Sie mußten alle helfen, die fünf anderen Buben, die ihr der liebe Gott noch geschenkt hatte, damit man ja recht sparsam cbte, um den Vater bei seiner Heimkehr zu erfreuen. Sie Parten sogar das Holz, das der Warnt* gekauft bitte, ehe er iu den Krieg ging — und holten sich znm brennen Reisig aus min Walde.
..Gelt mai Büble," er soll's gut habe, der Vater."
Und weil»! dann mal ein Feldbricf kommt . . g'eicbwi? an wen . . . sic lesen ^hn doch alte im Tors.
Das sind die Siegesblälier des Dörfchens, das nicht einmal eine eigene Kirche hat. Da läuten leine Glocken . . . aber daheim, inr Kämmerlein, da sprechen sic mit ihrem Herrgott so
ganz einfach:
„Nur net den Meiuigcn! lieber Gott!"


