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ihn bald immer tiefer cinspann mit feinem verführerischen Bann. Und er floh sein eigenes Haus, mehr und mehr.
Grie empfand diese Einsamkeit als eine Wohltat. Iw bex diähe ihres Mannes bedrückte sie etwas wie ein Schuldgefühl, trotzdem sie sich immer wieder laut zurief: Er hatte iii gewußt, was ihn erwartete. Wer in den stillen Stunden durchwachter Nächte mußte sie es sich bekennen: Es war doch auch in ihr das tiefe Sehnen des Weibes. Nur dem, der den Namen ihres Gatt 'u trug, war es nicht beschieüen, es zu stillen. Aber ein anderer war da, wenn ihr das Schicksal den gelassen hätte —!
Das war eS, was aus Ekes Stolä lastete. War Las nicht schon wie ein trübender Anhauch der Sünde?
Um sich selber zu entfliehen, hatte sich Eke mit ernster Hingabe wieder ihrem wohltätigen Wirken gewidmet. Es füllte sie ganz aus. Nur dann und wann trieb sie es einmal auch wieder hinauf in die Berge. So war alles wie früher, als sie noch Mädchen war. Oft erschien es ihr selber wie eilt Traum, daß sie Frau sein sollte, wenn sie so allein durch den Wald schweifte. Erst die Heimkehr in das dunkle, graue Haus drunten erinnerte sie an die Wirklichkeit-. Hart und grausam.
Auch heute war wieder ein Tag, wo Eke von Selbach für Stunden ganz der Gegenwart entflohen war. Mit dem Jagdgewehr über der Schulter war sie durch den Forst gestrichen. Die Kaninchen machtet: viel Schaden droben an der Wiese. Der Oheim ließ sich ja nur feiten noch blicken in seinem Revier, und auch ihr Mann kautn noch, seitdem ihn seine Geschäfte immer häufiger nach Köln riefen. Da hatte sie einmal gründlich aufgeräumt unter den Schädlingen. Kallmann, der sie begleitete, Halle den gehäuften Rucksack mit der Beute schon mit hinabgenotnmen. Sie selber war in- dessen noch etwas im Revier geblieben. Sie liebte es, den Abend anbrechen zu sehen im schweigenden Forst. Das gab der Seele Frieden, und danach trug sie jetzt so manchmal ein sehnendes Verlangeti.
Gedankenverloren schritt Eke am Waldsaum hin. Es war an der Grenze des Reviers. Quer durch die Wiese neben ihr lief die. Jenseits begann die Gemcitldejagd, deren Pächter seit dem Tode des alten Reusch Gerhard Bertsch war. Leise begannen schon die Schatten durch den Forst zu schleichen. Kern Vogellam mehr unter den hohen Tannen. Draußen über der Wiese stand bereits schwer das geheimnisvolle Licht vor der Dämmerung.
, . verloren glitt ihr Blick über das sattgrüne, inehr als kniehohe Gras. Aber da weitete sich plötzlich ihr Auge, und angewurzelt stand ihr Fuß. Tort — mitten in der Wiese der rote Fleck! Kein Zweifel, es war ein Bock. Jetzt warf er auf, sicherte einen Moment, mißtrauisch nach dem Holz auyend, doch äste mm ruhig weiter, den Kopf wieder tief im weichen Gras verborgen. Aber Ekes scharfes Auge hatte genug gesehen, das selten schwere Gehörn erkannt. Der ganz alte Bock war es, der stets hier oben stand, aber auf der: selbst der Onkel so oft vergebens gegangen war. Und nun lief er ihr hier im Zufall über den Weg!
Das Weidmannsblut fing da an in ihr zu pulsen. Ein schnelles Abschätzen: gut hundert Meter. An sich nicht zu Mel. Aber es war kaum noch Büchsenlicht, und sie hatte nur die Kugel im Lauf. Doch ganz gleich — die Gelegenheit fern nicht wieder.
Vorsichtig nahm sie das Gewehr von der Schulter, entsicherte und machte fertig. Aber das leise Knacken, kaum hörbar, war doch durch die Abendstitle gedrungen. Sofort war der Bock wieder auf seiner Hut, ein blitzschneller Blick und er hatte ,ie erspäht. Mt großen Flüchten wollte er ab- £?2 en ' hrnnber ws Nachbarrevier. Doch schon peitschte der Schuß durch das Waldesschweigen. Ein wilder Satz nach PJJF 1 ' r berichlagen, und der Bock war verschwunden im men Gra e Gleich zwar tauchte er wieder auf. Aber ein ;l? T *! er v u V, r wll Kopf und Hals, als schwämme
£1 bcc .Grasflut. So arbeitete er sich langsam hin
über zum Holz hin.
c?« lhu uur krank geschossen. Die 5nrgel hatte^die Hinterlaufe gelahmt. Wie ärgerlich! Sie
ri Ct v!- °r 1t ? jer - freilich — das Zwielicht.
Voch alsbald, wie sie den weidwunden Bock sich so binschlev-
r C * n '^^leid. Sie suchte in ihre,:, Patronen- gürtet obwohl sie wußte, dcp! da m nichts mehr steckte. Das Tier! Nun wurde es sich hin^uälen, drüben im Holz, irgertbiro in der a^ckung. Wer weift, wie lange noch. Bis es elend► einqing. Oder die Wüchse kamen.
Unschlnslig ging sie auf den Bock zu, der bei ihrer An
näherung seine Anstrengungen vermehrte. Angstvoll traten ihm die dunkel glänzenden Lichter ljervor. Ratlos blickte sie um sich. Was sollte sie beim nur machen? Sie bereute jetzt lebl)ast den voreiligen Schuft. Der hitzige Jagdeifer war mit einem Mal verflogen. Sie sah nur noch ein armes, leidendes Tier vor sich.
Jetzt brach es drüben im Holz. Wie unter herannahenden Tritten. Sie wandte den Kopf hin, und selbst der schwer- kranke Bock Verhielt und sicherte nach der neuen Gefahr.
Ein Mann trat dort ans dem Wald ins Freie. Beim ersten Blick erkannte sie ihn. Ihr Herz schlug auf: Gerhard Bertsch.
Auch er stutzte, »nie er sie gewahrte. Doch nun traf sein Auge den Bock, der beim Anblick des zweiten Bedrängers mit einer verzweifelten Anstrengung die Mchtung seiner Flucht äiidern wollte.
Bei seinen qualvollen Bemühungen runzelte sich Bertschs Stirn.
„Haben Sie denn keine Patronen mehr im Laus?"
Rauh klang es zu ihr hin.
„Nein — ich habe mich ganz verschossen."
Betz rückt kam es von ihr zurück; säst beschämt.
Ein kurzes Besinnen bei ihm — er war zwar in der Jagdjoppe, hatte aber kein Gewehr bei sich bei seinem Abendgange durchs Revier. Daun warf er seinen Stock aus der Hand und griff entschlossen zur Tasche, wo er den ^Nickfänger wußte. Mit drei großen Schritten war er bei dem Bock und seine Linke packle das Gehörn. Nach einem kraftlosen Aufbäumeu ergab sich der Bock in sein Schicksal. Mer er stieß in Todesangst einen langhallenden, röchelnden Laut aus.
Eke schauerte zusammen. Wie tueim ein Mensch starb! Und sie schloß die Augen vor der entblößten Klinge, die schon nach dem Nackeii des Tieres zuckte, im Gnadenstoß.
Ein jähes Berstiunmen.
Als Eke scheu wieder aufsah, tag der Bock schon auf der Decke mit brechenden Lichtern. Aber die schlanken Läuse ruderten noch krampflj-ast durch die Lust.
„Das arme Tier!"
„■iiiur noch Reflexbewegungen. Er ist schon hinüber." Mit demselben rauhen Tou erwiderte er es und streifte die Klinge an einem Büschel Gras ab. „Mensck)eu haben es nicht so gut. Die leben weiter — auch mit durchschnittenem Lebensnerv."
. Da zwang es ihren Blick hin zu ihm. Zum ersten Male iah sie ihn seit jener Stunde des Abschieds und erschrak. Wie hager er geworden war im Gesicht, so scharf und finster die Züge. Und da an der Stirn die brennend rote Narbe! War das alles nur von dem kaum überstandenen schweren Unfall, oder —?
Unruhig begann es ihr in der Bimst zu pochen. Irgend em Wort suchte sie, einen Dank für seine Hilfe, ein Wort der Teilnahme für ihii, nach der ernsten Gefahr, in der er geschwebt. Aber die stehle war ihr wie zugeschnürt.
Da deutete er aus den Bock zu ihren Füßen. Starr und steif hatten sich jetzt die Läuse in die Lust gestreckt.
„Es ist vorbei. Soll ich iiyn Ihnen aufhüngen? Drüben an einem Baum, bis einer von Ihren Leuten kommt?"
Sein harter, kalter Ton, der jede persönliche Aniiähe- rung zwischen ihnen weit loeg ivies, gab auch ihr das Gleichgewicht wieder. Sie schüttelte das .Haupt und zeigte ans den kleinen Grenzgraben hinter ihnen ans der Wiese. ‘
„Der Bock siel in Ihrem Revier. Er gehört Ihnen."
Und mit kurzem, schweigendem Gruft ioandte sie sich ab, zurück in die eigene Jagd.
(Fortsetzung folgte
ttameraoeit.
Vorrvühnachtsskirze von An na Lahr (Friedenau).
. Spinne!" schimpfte der Thüringer, als er den Kops auS
dein Unterstand geschoben hatte.
„I^net's?" fragte eine Stimme hinter ihm ans der Tiefe „W dnsch-t!" UnwNllürlich zögerte er doch einen Augenblick ehe er sich lpeiter aus dem Schltipfloch reckte.
Naß, iraß mx heute die Welt. Und drinnen war cö so schön trocken. Wenn man dableiben könnte!
Mer da drängten die anderen fcf;ou nach: „Nun mach doch
Irir 'Ä?.."Ern '»ir ja doch! ' ,,*„■> sind
iric ja schließlich nicht!"


