wenig Stunden Erholung Und Schlaf Exzellenz« sich gönnte. Freilich — er war noch ein junger Mann; noch nicht einmal in den Jahren, die man „die besten" nennt.
Um Mitternacht hatte der Minister heute alles aufgearbcitet, was er sich für den Tag vorgemerkt hatte. Er griff nach seinem! bewährten „Umlegekalender" und schlug das heutige Blatt van hinten über, so daß die Seite für morgen sichtbar wurde. Da stand für den morgigen Tag als erster, dick unterstrichener Vermerk: „1915 — am 15. August, abends 8 Uhr, Wirtschaft zum Blauen «Adler, Nebenzimmer links!"
Ja, das war die Notiz, hie er gewissenhaft an jedem neuen Jahresanfang aus dem alten Umlegekalender in den neuen hin- überaerettet hatte.
Bor fünfundzwanzig Jahren hatte Exzellenz diese Verabredung zu — morgen getroffen.
Damals war man noch nicht Exzellenz, sondern erst Abiturient des Gymnasiums gewesen. Genau fünfundzwanzig Abiturienten waren sie damals, und alle hatten das Examen bestanden, keiner war durchgefallen. Lehrer, Direktor, Schulrat, die« ganze Stadt schien stolz und glücklich über diese stattliche Schar von tüchtigen Jüngern der Wissenschaft. Ter Wschiedskneipe folgte eine letzte, dann eine allerletzte, schließlich eine endgültig! allerletzte Wschiedskneipe. Und bei diesem „endgültig allerletzten" feuchtfröhlichen Zusammensein der fünfundzwanzigköpsigen Schar hatte er, der heutige Minister, der damalige schwärmerische Jüngling, sich erhoben und eine Rede geschwungen: „Ihr liebelt Freunde! Morgen ziehen wir hinaus nach allen Richtungen der Windrose. . . Was wird aus uns allen werden, wenn wir reise Männer geworden sind? . . . Möchte es nicht jeder vom andern wissen? . . . Nun wohl! So versprecht mir in die Hand auf Burschenwort . . ., heute nach fünfundzwanzig Jahren wollen wir hier in dem gleichen Saale alle wieder zusammenkom'men!^
Sie versprachen es. Mit Händedruck. Auf Burschenwort.
Tann sprach noch ein anderer: Heinz von Klausen, der. Mrllionärssohn aus Amerika, den seine deutschen Eltern herübergeschickt hatten, damit er deutsch erzogen werde. „Kommilitonen!" rief der liebe Junge, den alle trotz seines vielen Geldes gerne; hatten, „ich werde meinem Vater nach New« York schreiben, er soll einen Preis stiften. Einen ganz gehörigen Preis. Und den soll nach fünfundzwanzig Jahren derjenige von uns bekommen, der dann von uns allen der Tüchtigste geworden ist. Das war ein bißchen amerikanisch. Aber es gefiel allen. Und man Vereinbarte, daß der Kreis der Fünfundzwanzig dermaleinst nach einem Vierteljahr-Hundert über diesen Tüchtigkeitspreis fein eigener Schiedsrichter sein solle . . . -
Tie fünfundzwanzig Jahre waren vergangen.
Wer würde sich nun morgen als derjenige ausweisen können, der der Tüchtigste geworden >var? Nun, ein gewisser Leonhard Brode hatte es in seinem Heimatlande mit vierundvierzig Jahren zur Exzellenz, znm Finanzminister gebracht! Viel weiter konnte es in einem Vierteljahrhundert keiner bringen! . . Aber wür
den außer ihm sich noch andere aus dem Kreise jener Fünfundzwanzig an die Verabredung erinnern, die vor so vielen Jahren getrchfen war?
. Der Minister begab sich gegen ein Uhr zu. Bett, stand — wie er eS gewohnt war — um fünf Uhr früh auf unb faß 'Nit dem Glockenschlag sechs an seinen: Arbeitstisch, den die Früh- sonne eines Hellen Augnsttages freundlich beleuchtete. Tie Pausen für bte Mahlzeiten fielen für diesen Tag besonders kurz aus. Und vbends um dreiviertel acht Uhr gab Exzellenz dem Bureau- wef die Weisung«: „Wenn etwas Wichtiges einlänft — ich bin in der Wirtschaft zum Blauen Adler, Nebenzimmer links."
„Aber Exzellenz? In der Studentenkneipe?" i „Allerdings, lieber Bumann, tu der Studentenkneipe."
UtTt -acht Uhr hielt das Wtomobil des Ministers vor dein „Blauen Wler". Exzellenz wollte in das Nebenzimmer zur linken .Hand eintreten, aber cs war nicht leer; er ließ sich den Wirt in den Korridor rufen. Ter dienerte: „Ah . . . Exzellenz. . . welche, Ehre."
. „Schon -gut. Ich bat Sie heute früh telephonisch, das Nebenzimmer hu reservieren — jetzt sind aber fremde Leute darin?"
„Verzeihung, Exzellenz! Das sind die Herren, mit denen Exzellenz verabredet haben."
. Es ergab sich, daß von den einstigen Abiturienten kaum emer Mehr beit andern erkannt hatte. Den Großen mit den blauen Augen, den glaubte Exzellenz trotz des entstellenden Voll- 6 -fit l U o er I e i m 5 l; n Cr trat an ihn heran: „Kennst du mich nicht Mehr? Ich brn Leonhard, Brode. Und du bist natürlich Heinz von Klausen, der Millionärssohn aus New.York?"
Wer der Angeredete antwortete lächelnd: „Tut mir leid. Ich hin Fritz Unger."
Exzellenz besann sich: „Ach natürlich! Verzeih', lieber Unger. Natürlich, der Unger, der inimer Opernsänger in Berlin oder Wien werden wollte. Na, und bist dn's geworden?"
. "f*™- .?Acht ganz. Wer Pfarrer bin ich geworden. In einem reizenden kleinen Dörfchen im Odenwald.".
Nicht weniger als neun kamen in Feldgrau; Offiziere, die Urlaub erhalten hatten, Stabsärzte und Garnisondienstfähige. Vier andere Feldgraue hatten an den Wirt schriftliche Entschuldigungen Eingesandt. Zwei fehlten nnentschuldigt ttnd doch mit gutem
Grund; sie hatten den Heldeirtod fürs Vaterland gefunden. Von allen alten Kommilitonen. die noch lebten, halte keiner die Verabredung vergessen.
Zn den schriftlich Entschuldigten gehörte auch Heinz von Klausen, der Millionärsohn aus Nerv York. „Ihr lieben Freunde." so hieß es in seinem Briefe, „was tnt's mir leid, daß ich nickst kommen kann. Wer ich. bin Deutscher, bin Reserveoffizier, und da wißt ihr wohl: die Engländer lassen mich nicht über den großen Teich. Wer von Euch rvird der Tüchtigste geworden sein? Mein Vater fyrt sich vor fünfundzwanzig Jahren nicht lumpen lassen und dem zukünftigen Tüchtigsten damals einen „ganz gehörigen" Preis gestiftet, wie ich's von ihm verlangt hatte: ein Bündel amerikanischer Aktien, das — zum Gedächtnis der Zahl 25 — in Mark umgerechnet genau 25 000 Mark wert war. Damals! Inzwischen ist das Bündel mehr als das Dreifache wert geworden. Der Bettag ist bei unserem deutschen Bankhaus hinterlegt: sobald Ihr abge- sttmmthabt, wird er sofort an Euren Tüchtigsten ausgezahlt,.."
. „Ei, ei," sagte Fritz Unger, der Pfarrer, ,cha müßten wir dem Heinz von Klausen den Preis znerkennen, weil er den Preis so tüchtig verwaltet hat?"
„Nein," entgegnete Doktor Klemens Bachmann, der Stabsarzt,- der ,chmr mit neunzehn Jahren ein Pedant gewesen war, „der Preis ist nicht für eine einmalige tüchtige Handlung bestimmt, sondern sozusagen für die Tüchtigkeit einer ganzen Lebensleistnng^ Uebrigens: mir gehört er ganz geiviß nicht,. Ich bin nichts geworden als ein einfacher Schnupfen- und Rizinus-Doktor. Aber dem Amerikaner gehört er auch nicht."
. Man nahm nun Platz an dem langen Kneiptisch, wenn auch aus,die Veranitaltung einer regelrechten Kneiperei angesichts der ernsten Zeit verzichtet wurde.
Exzellenz Brode hielt eine kurze, feierliche Rede; er gedachte der feldgrauen Freunde, die gefallen waren und derer, die draußen standen. Er gedachte des lieben Freundes, der jenseits des Ozeans weilte, und machte dann der Tischgesellschaft den Vorschlag, Fritz Unger, der Pfarrer, sollte jetzt den Vorsitz übernehnien und zu prüfen versuchen, wem — als dem Tüchtigsten — der Preis vor allen gebühre^
Es kam, wie der Minister es erwartet hatte. Die Juristen urw die Aerzte, die Offiziere und die Professoren, kurz: alle einigten sich idahin, daß Exzellenz Brode den Preis verdiene. Wäre der Preis «eine silberne Bowle gewesen — mit Freude hätte der Minister ihn angenommen. Aber 80 000 oder 90 000 Mark? Selbst wenn er sie zu wohltätigen Zwecken verwendete, fühlte er sich innerlich nicht berechtigt, sie anzunehmen. Er war gewohnt, sich jede Frage genau zu beantworten; er sprach zu sich: „Was hält dich ab, das Geld zu nehmen?" Und fand die Antwort: „Ich brauche das Geld nicht, aber vielleicht ist unter, uns einer, der's braucht." Wer konnte der sein, der's brauchte? .Der Pfarrer hotte alle so woljU wollend und doch so gründlich ausgefragt — eS "schien allen finanziell gut zu gehen. Aber halt! gerade den Pfarrer, den hatte Niemand gefragt. Brode holte das Versäumte nach, vorsichtig und unauffällig, und er hatte bald genug herausgefunden, daß der Pfarrer gar kümmerlich lebte in dem kleinen Dorf im Odenwald; er hatte eine große Familie, der ehrwürdige Herr, zwölf Kinder; die fünf ältesten Söhne standen im Felde. Ost war Mangel und Not zu Gast in dem kleineii Pfarrhaus. Und doch war er heute! gekommen; denn er hatte es ja versprochen — vor 25 Jahren^
„Sag', Unger," tastete der Minister lveiter, „und deine Kinder'; wieviel Mädchen sind es? und wieviel Jungen?"
Die blauen Augen des Pfarrers blitzten vor Stolz, als er antworten durfte: „Jungens sind sie — alle zwölf!"
Da fuhr Erzellenz Brode auf und rief: „Freunde! Der Tüchtig,te ist gefunden! Jhni gehört der Preis! — ivas mir getan; haben, war Egoismus, Stteberei, Berechnung. Er hat deni Vaterland von uns allen den besten Dienst erwiesen. Er ist der Tüchtigste geworden: Vater von zwölf Jungens!"
Kein Einwand half deni lächelnden Pfarrer^
Er war und blieb der Tüchtigste.
Er wird, auch das viele amerikanische Geld gut und tüchttg verwalten. Er wird den' Armen reichlich geben, und wenn seine Attesten gesund heimkehren, werden sie ein Haus finden, wo das Glück wohnt und die Zufriedenheit.
Vermachtes.
* D c r S ch n e e i m S p r i ch w o r t. Diesmal schüttelt Frait .Holle gehörig ihre Betten ans. Die Landwirte freuen sich darüber, denn sie haben den Schnee gern. Sie sagen: „Diel Schnee, viel Korn," und im Vogtlande sagen sie sogar, rvenn es tüchtig schneit, „es schneit Brot!" Deshalb kann ihnen der Schnee garnicht zeitig genug kommen, denn „der Schnee ist für die Saaten, ,vas die Betten für die Menschen." Dieses Einhüllende und Wärmende werden hosfentlich teilioeise auch unsere tapferen Kämpfer draußen! im Felde cmvsindeil und ausnutzen, und deshalb möchten ioir ihnen wünschen, daß der Schnee lange liegen bleibt, wenn sie sich erst einmal darin cingebuddelt haben. Der Landmann ist darüber freilich anderer Ansicht. Er verspricht sich mehr davon, ivenn der Schnee immer wieder taut, damit das Schinelzwasser nicht mit einem Male wegläust, sondern allmählich in den Boden sickert DaS drückt er in der ihm eigentümlichen Weise aus: „Acht Tage dient


