Ausgabe 
1.12.1915
 
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Langsam kam Eberhard von 'Selbach wieder zu dem Oheim.

Nun?"

Lassen wir sie fahren i: sie will ja ein gutes Merk lün/'

Henner von Grund richtete sich in seinem Sessel auf.

Eberhard es tut nicht gut, wem: man den Frauen immer ihren Willen laßt. Sie wollen den Herrn fühlen."

Ueber des Neffen Züge zuckte es hin.

Verzeih', Onkel aber das sind Dinge, die ich wohl nur mit Eke abzumachen habe."

Mlerdings!" Henner von Grund lachte auf. Scharf Und bitter.Na, wie du willst."

Und er ließ sich lvieder im Sessel zurücksinken. Seine schwere, aber jetzt so unbeholfen gewordene Rechte trommelte zitternd auf der Armlehne.

Von der Halle draußen klang gedämpft ein Auf­schreien, dann lautes Jammern. Anne-Marie, das Haus­mädchen. Ein neuer Bote, der ins Haus gekommen, hatte näheren Bericht gebracht. Unter denen, die der Berg be­graben, tvar auch der Spieß-Engelbert, ihr Bräutigam. Eine Lebenshoffnung hatte die kurze Kunde zertreten. Fassungslos schrillte das Weinen herein.

^Schass' mir das Frauenzimmer vorn Leib!" grollte es vom Lehnstuhl auf.Soll rnarr das auch noch arr- hören?"

Schweigend ging Eberhard zur Halle hinaus, um das Mädchen mit einen: Trostwort hinwegznführem Aber da starrd schon Eke, jetzt in Hut und Mantel, neben ihr.

Komm, Anne-Marie wir wollen zu ihm."

Und wie sich der Arm der jimgen Frau um die Schul­tern der Niedergebrochenen legte und sie zum Ausgang ge­leitete, war etwas Schwesterliches in ihr. Als trügen sie beide gemeinsam ein schweres Leid.

So schritt Eke von Selbach aus dem Hause. Den Mann, der ihr ans der Tiefe der Halle mit dunkeln, tram rigen Augen nachschaute, traf kein Blick.

Der Wageil vorn Adligen Hause jagte durch den Tal­grund, flußabwärts zur Sperrmauer.

Leise weinte Anne-Marie von sich hin. Tränenlos starrte Eke von Selbach ins Leere. Aber ihre Hände hatten sich inein andergekmmpst.

Gerhard tot.

Immer rvieder sprach sie die beiden Worte im Geist vor sich hin. Ms würde ihr damit das Unfaßbare ver­ständlicher.

Tot er, der so ganz Leben gewesen. Kraft, über­schäumende, brandende Kraft. Ebensogut könnte der Fluß da versiegen mit einem Schlage, der doch eben in diesem Augenblick noch seine unerschöpflichen Unten brausend über das Wehr warf.

Gerhard tot.

Und mit einen: Mal begriff sie: Ihr war er gestorben. Ihr! Was war er denen da gewesen, die jetzt zu Hunderten um semen zerschmetterten Leib stehen würde::, nur der Gegenstand ihrer grausigen Schaulust? Was wußten sie Von ihm? Von den: verzehrenden Drang seiner ruhelos chaffenden Mannesseele, die doch im Innersten ein Sehnen rüg nach Stille. Was wußten sie davon, wieviel Güte ich barg hinter den: kühl abweisenden Lächeln, das sie stets nur an ihm sahen?

Ja, ihr tvar er gestorben. Mer sie, die einzige, die Mn gekannt sie hatte ihm den bittersten Schmerz seines Lebens zugesügt, in: Aufbäumen ihres gekränkten Franen- stolzes.

Frauenstolz! Wie ein bitteres HohUlachen gellte es in rhr ans. Was hatte sie denn damäls davon gewußt Hatte ihr jetzt die Ehe nicht ganz anderes angetan, tn Wahrheit chren Franenstolz mit Füßen getreten? Oder was war es arwers, wenn sie die Pflicht in die Arme eines ungeliebten Mannes trieb wie eine gekaufte Sklavin.

O die Scbmach! Glühend heiß brannten die blassen Wangen auf. Und die Hände ballte,: sich in ohnmächtiger Schau:.

Wie ein Haß schoß es ihr im Herzen auf gegen den Mann, der ihr diesen Schimpf angetan. Immer wieder Fühlte er denn nicht das Zittern der Qual des Abscheus in ihren wehrlosen Gliedern? Und den Toten dort hatte sie verurteilt, voller Empörung, weil er sie ar: sich gerissen im Ausbruch fernes Empfindens - er, dem doch ihre Liebe gehört hatte. I

Weh? ihrer unseligen Blindheit damals! Zürnte denn auch die bräutliche Erde dem brausenden Frühlingssturm'^ der sie mit wildern Werben umfing? In dieser Stunde^ wo er vernichtet am Boden lag, der so gar:z überschäumen-, des Leben gewesen, begriff sie: nur seiner Natur hatte er gehorcht, seiner gewaltige,:, bergstrombraufenden Natur, in jener Minute. Mer sie, statt selig in diese heilige Wonne M versinken, hatte ihn Zurückgestoßen in ihrem! starren Mädchenhochmnt. Heute begriff sie voll den Wider-, sinn ihres .Handelns. Heute, wo die Ehe in ihr das Weib geweckt. Llber wo im Arm des Gatten ihr wach gerufenes! Sehnen nach dem andern suchte dem durch eigene Schuld Verlorenen.

Wie ein fahler Blitz zuckte dies Erkennen durch Ekes! Seele hin: Das war es, was sie von dem Mann an ihrer Seite schied, in einer n;t£ 3 U Überbrückenden Kluft. Wildi wollte es da in ihrem Herzen aufschreien. Aber der Laut erstarb, ehe er noch geboren. Und ungeweinte Tränen der Verzweiflung brannten in ihren starren Augen. So trug sie der jagende Wagen hin zu der Stätte, wo unter den Trüm- ment des Berges begraben lag, was einst das Glück ihres Lebens gewesen war.

Nun hielten die schau,nbedeckten Pferde am Steinbruch'. Eine dichte Menschenmenge umstand die Unglücksstätte. Von allen Weilern und Höfen, von den Haubergen und Feldern ringsun: war herzugerannt, was laufen konnte.

_ Schweigend teilte sich der Menschenwall, als Eke von Selbach mit dem neu aufjammernden Mädchen Durchlaß begehrte. So kamen sie unmittelbar an die Unglücksstelle ln-an. Die unversehrt gebliebenen Arbeiter waren dabei, das wüste Trümmerfeld aufzuräunren. Das losere Geröll, das die leichter Verletzten bedeckt hatte, war schon beiseite geschafft.

Bor der langen Kette der schaufelnden Leute stand eine kleine Gruppe mit Tragbahren. Samariter, unter ihnen Doktor Herling. Eke von Selbach trat auf ihn zu. Mit ernstem Gruß lüftete der Arzt seinen Hut.

Wen haben Sie bis jetzt geborgen? Beherrscht klang :hre Frage.

Dreiundzwanzig Leicht- und zwei Schwerverletzte."

Und wer sind diese?"

BergverwalterHannschmidt und Direktor Bertsch."

. ,,,Bertsch?" Wie ein Wanken ging es durch Ekes Gestalt. iJch denke man sagte mir doch, er sei unter den Toten!"

Ganz recht, man glaubte es zunächst, als man ihn unter dem Geröll herausholte, anscheinend leblos, mit zer­schmetterter Stirn. Aber er hatte zu seinem Glück etwas ab- setts gestanden. So war es nur eine Ohnmacht, und die Ver­letzung zwar tief, aber doch nicht tödlich. Soweit sich bis jetzt übersehen läßt, wird er ohne bleibenden Schaden davon­kommen. Mit dem Bergverwalter dagegen sieht's schlimmer aus."

uno oer Arzt bertchtete Wetter von e:ner schweren Rück- gratsverletzung bei Hannschmidt. Aber Eke hörte nicht mehr vsil- W:e wenn der Bergkoloß dort sie selber begraben und d:e Netter sie doch noch einmal befreit hätten aus der steiner­nen Gruft, so war es ihr. Er lebte, würde davonkommen, ohne ernsteren Schaden Gott, mein Gott! Und ihre Lip- pbn preßten sich ineinander, daß ihnen nicht ein Jubelschrei entfloh, h:er auf dem grausigen Ernteselde des Todes.

Doch da traf sie der ernste Blick des Arztes wie ein stummer.Vorwurf. Und scheu glitt nun auch ihr Auge hin­über zu dem wirren Chaos der Trümmer, von woher das Ausstößen und Schraben der Schaufeln klang.

Und die dort?"

,, Doktor Herling folgte ihren, Blick. Nun zuckte er leise d:e Schultern.

Nichts mehr zu hoffen. Wer dort liegt, der"

Und se:ne Rechte strich flach durch die Luft.

. E:n Aufschrei gellte neben Eke. So schrill, daß es ihr eiskalt ans Mark griff. Auch Doktor Herling fuhr herum.

(Fortsetzung folgt.) v

Der Tüchtigste.

Skizze von G u st a v H o ch st e t l e e (Berlin)'. '

Seine Exzellenz der Herr Minister Finanznrinister eincZ süddeutschen Bundesstaates war schon in Frieden szetten für- alle seine Untergebenen ein Vorbild des Fleißes gewesen; seit Beginn des Krieges übertraf der Minister sich selbst. Es> war erstaunlich, wieviel Arbeitsstunden der Tag für ihn hatte und wie