Mittwoch, den Dezember
Die Dom Rauhen Grund.
Roman von Paul Grab ein.
(Nachdruck verboten.)
(Fvrtstwmg.)
Stift und starr standen die Männer in der Schlucht des Stcinbruchs. Aber von dem Schlachtfeld der Arbeit, das Wieder einmal seine Opfer gefordert, stieg cks ans wie ein dumpf zitternder, brandender Aufschrei. Eine furchtbare Anklage, die hinanfdrang in den ewigen Aether empor zum Firmament, wo nach ewigen Gesehen, die Gestirne ihre Bahnen wandeln, majestätisch, aber ehern, kalt-
Wie ein Lauffeuer rannte die Schreckensknn.de herum im Raichen Grund: Ein entsetzlicher Unfall hatte sich ereignet am Steinbruch neben der Sperrmauer. Ein Bergsturz, der sieben Menschenleben gefordert batte — darunter Verwalter Hannschmidt und Direktor Bertsch selber. Lähmend legte es sich ans alle Herzen, und in manchen von ihnen, wo Pfarrer Bnrgmanns prophetische Worte noch in frischer Erinnerung standen, klang es mit einem geheimen Schauer: Hier hatte Gott gesprochen und gerichtet! Der frevelvolle Ucbcrmut, der seiner erhabenen Gesetze spottete und die Grenzen der Natur verrücken wollte —’ er hatte ein furchtbares Zeichen empfangen.
Auch ins Adlige Haus drunten drang die Kunde. Es war um die Mittagszeit. Man saß gerade bei Tisch im Eßzimmer, als. draußen von der Halle ein aufgeregtes Sprechen herausscholl. Henner von Grund schickte Anne- Marie hinaus. Was der Spektakel sollte? Aber nun kam sie wieder, ganz verstört.
„Na, was ist?" herrschte sie der Gutsherr an. „So red' doch, in Kuckucks Namen!"
„Ach, der Kallmann kommt eben — ein so schreckliches Unglück! —"
„Wo denn?"
„Unten im Steinbruck) — an der Talsperre."
Talsperre — Eke von Selbach spürte plötzlich einen dumpfen Druck in der Herzgegend. Ihr Blick hing an Anne- Maries Mund. Aber der war wie gelähmt. Dort im Steinbruch arbeitete auch der Spieß-Engelbert, ihr Bräutigam.
„Es ist aus dem Mädchen ja nichts her aus zu.br in gen. Ich werde mal selber draußen Nachfragen."
Eberhard von Selbach sagte es und ging zur Halle.
Nun kam er wieder. Langsam und schweigend. Und — .Eke von Selbach erzitterte — sein Blick suchte sie.
Dann sprach er:
„In der Tat, ein sehr schwerer Banunfall. Biele Verletzte und sieben Tote. Darunter leider auch Direktor Bertsch."
Und er trat zu seiner jungen Frau, mit einer-besorgten Bewegung. Aber Eke von Selbach blieb starr und aufrecht in ihrem Sessel. Nur jeder Blutstropfen war aus ihrem Antlitz gewichen..
„So — der Bertsch auch? Na —"
Grimmig kam es Henner von Grund von den Lipven. Er hatte keine Ursache, ihm nachzutrauern.' Nein, bei Gott nicht!
Leise beugte sich Eberhard von Selbach zu Eke nieder. Seine Rechte legte sich sanft auf ihre Schulter. Aber unter dieser Berührung erwachte sie aus ihrer Starrheit. Sie erhob sich von ihrem Sitz. Unvermittelt. Fast wie ein Abschütteln seiner Hand war es.
„Was willst du, Eke?"
„Ich muß hin."
„Zn der Unglücksstätte?"
Nur ein Nicken. Sie war schon zur Tür und zog an der Klingel.
„Was sollst du da?" ^
Henner von Grund sagte es, mißbilligend. Aber sie wandte ihm ihr Antlitz zu, immer noch tief blaß, aber voll beherrscht. [
„Du hörtest doch, Onkel - - viele Verletzte."
„DaS ist kein Anblick für Frauen."
„Es gibt schlimmeres als das."
Hart klang es, aber ein Beben schwang in dem Ton.
Von draußen, aus der Halle, kam Kallmann. Da be- fahl sie:
„Anspannen — und meinen Verbandskasten mitnehmen!"
Durch Henner von Grunds zusammengesunkene schwere Gestalt im Armsessel ging ein Ruck. Eine Blntwelle überflutete seine Stirn. Er warf den Kopf zu dem Neffen herum.
t„Was ich zu sagen hatte — ich wÜßt's. Aber du bist ja ihr Mann."
Eine Röte flog auch über Eberhard von Selbachs Züge. Langsam ging er zu seiner Frau hin. In seinen Augen stand ein Bitten:
„Willst du wirklich fahren, Eke?"
„.Ich sagte es ja."
„Aber — wenn ich dich nun bitte? Der Anblick des Schrecklichen ist am Ende doch zu viel für deine Nerven."
„Ich bin ihm gewachsen. Sei ohne Sorge."
„Eke," — er dämpfte seine Stimme, daß sie nicht mehr bis zu dem Onkel am Tisch drüben klang — , „es ist auch wegen des Geredes der Leute. Wenn dich die Selbstbeherrschung verließe!" >
Sie verstand seinen ernst mahnenden Blick. Aber die Entschlossenheit in ihren Zügen war nur noch starrer, und so erwiderte sie:
„Ich bleibe standhaft. Ich Iveiß, was ich dir schuldig bin."
Aber eine kälte, fremde Stimme war es, die er vernahm. Da trat er zurück, still und ruhig wie immer, NEnn sie auf ihrem Willen beharrte. Doch es zuckte ihm schmerzlich um den Mund. Sie achbete es nicht. Ohne noch ein Wort verlief sie das Zimmer.


