Ausgabe 
29.11.1915
 
Einzelbild herunterladen

740

stellt. Das Bild zeigt eia »ou blondem Gelock umgebenes Mädcheu- 0"'^,Hängt das Bild über mein Bett," sagt der eine der Land-

ftürmer.^ ^^hl verliebt in das Mädchen," spotten die andern.

Ehrlich gesagt: ja!"

Wie kommt denn das?"

Das-Bild sieht meinem jüngsten Töchterchen sprechend ähn­lich."

Und die drei Landstürmer stellen sich um das Bild herum und betrachten es mit umflorten Blicken. Jeder hat ein Kind daheim . . Und bald sitzen alle drei am Tisch. Sie haben

-ihr Taschenbuch 'hervorgesucht und kramen aus den Ecken che kleinen Photographen hervor, die von der Heimat, vom -Heim erzählen. Wovon die drei in dieser Nacht >vohl geträumt haben r

*

Es ist morgens nur halb sieben Uhr. Da reckt sich ans einem der Betten des Wohnzimmers eine lange Gestalt empor. M, richtig! Die beiden andern Kameraden sind draußen aus Posten. Um acht Uhr kommen sie zurück, er dagegen mrrß erst unk nenn Uhr aufzielwu. Da heißt es die Stube fegen und bcu Ofen Heizen. Rasch in die Kleider und Kaffee geholt. Nach dem kargen Frühstück geht es an die Arbeit. Ter Fußboden wird ein­gesprengt und scnrberlich gereinigt. Freilich, eine Hausfrau würde noch manches aus den Ecken und unter den Betten hervorholen, aber so genau geht es hier nicht zu. Nun kommt die schwere Arbeit: den Ofen anheizen! Papier, dünne Holzstückchen darüber uub dickes Holz Unaufgelegt Rasch flackert das Papier auf, einzelne der dünnen Holzstückchen fangen Feuer, und befriedigt schließt er die Ofenklappe. Aber er wartet vergeblich auf das liebliche Knistern. Wie er so nachdenklich vor dem Oien sitzt, öffnet sich die Tür, die beiden Kameraden treten ein und brachen in ein schallendes Gelächter aus.

Ja, ja," sagt der eine,das Schriftstellern ist doch leichter als das Feueramnachen!"

Auch das Ofenheizen will gelernt sein, das sieht der Schrift­steller ein, der jetzt als Land stur nrinann im Felde steht. Die kundigen Hände der andern haben den Ofen bald in Schwung gebracht: der dampfende Kaffee wird geholt und sendet ver­lockende Düfte in das Zimmer.

Ta ... ein mehrmaliges Klingelzeichen . . . Alarm . . . Die Hände lassen die Kafseeschale sinken und greifen nach Helm und Gewehr. Und hinaus geht es in den frisch-kalten Morgen . . .

Der Andreastag.

(30. November.)

Andreas, lieber Schutzpatron,

Gib mir doch einen Mann!

Räche doch jetzt meinen Hohn,

Sieh mein schönes Alter an?

Krieg ich einen oder keinen? Einen."

So beginnt das LiedTer beständige Freier", das nach einem Fliegenden Blatt" von -Achim v. Arnim und Clemens Brentano in der Sammlung alter deutscher LiederDes Knaben Wunder­horn" veröffentlicht worden ist. Das dem 16. oder 17. Jahr­hundert angehörende Gedicht weist eine in der damaligen Zeit beliebte poetische Spielerei ans, dieEcho" oderWiederschall" genannt wurde und die, wie der angeführte Vers zeigt, in dein Wiederklang der letzten beiden Silben einer jeden Strophe bestand. In den beider! folgenden Strophen des Liedes zeigt sich das Echo" von einer weniger liebenswürdigen Seite, denn bte Stro­phen endigen folgendermaßen:

Oder sucht er mir allein.

Und sonst keiner zu gefallen? Allen."

Jst's ein Witwer? Ist er alt?

Ist er hitzig oder kältlich? Aeltlich."

Das Lied bezieht sich auf das bekannte Orakel in der Audreas- nacht, das noch vielfach in der dem Gedenktag des dlpostels An­dreas (30. November) vorausgehenden Nacht, bei uns besonders aber in den ländlichen Gegenden, im Schwünge ist. In Ostpreußen legen sich junge Mädchen Haferkörner und Leinsamen vor dem Schlafengehen unter das Kopfkissen, und sie sprechen dabei: Hafer und Lein, ich für dich,

Heiliger Andreas, ich flehe dich,

Lasse im Traum erscheinen Mir den Liebsten meinen."

In Schlesien wenden sich die Heiratslustigen an den Heiligen mit folgendem Versleiu:

Herzelieber Andreas!

Gib mir zu erkennen, lvie ich heaß,

Gib mir zum Augenscheen (schein).

Welcher soll mein Liebster seen."

Anderswo heißt es :

Andreas, heil'ger Schutzpatron, hör' mich, gib mir einen Matt«, llnd laß mich im Traume sehn, ob er häßlich oder schön,

Ob er geistlich oder weltlick, ob jung ist oder Mich.

Heil'ger Andreas, steh mir bei, dgß ich s seh im Konterfei."

Urn das Gewerbe des zukünftigen Mannes zu erfahren, gieße» die Mädchen am Andreasabend Blei durch einen Erbschlüssel in kaltes Wasser oder schlagen das Weiße eines Eies hinein. Zieht man ein gerades Scheit ans dem Holzhaufen, so ist der zukünftige Gatte schlank, zieht man ein krummes, ist er bucklig. In Brunnen und Quellen sieht man in der Andreasnacht das Bild des Zukünftigen. Wenn man Hering ißt und dann träumt, jemand stille einem den Durst, so heiratet man diesen. Zählt man Späne und ist die Zahl gerade, so bekommt man einen Junggesellen, ist sic ungerade, eine» Witwer. Mle diese und ähnliche Bräuche der Andreasnacht tverden aber nur von unverheirateten Angehörigen des weiblichen Ge­schlecktes, der jüngeren sowohl als auch ganz besonders der älteren Semester, ausgeübt. Die gelehrte Forschung behauptet, daß dev heilige A' dreas, der schon früher der Gütigste der Heiligen genannt wird, hier in der Volksanschauung den altgermanischen Freyr, den Gütigsten der Götter, vertritt, der den Ehen Vorstand und alH Schutzspender verehrt wurde. Eine andere Erklärung knüpft an den Namen des Apostels Andreas an, der griechiscUn Ursprun­ges ist und von dem Worte au er, andros (Mann) abzu- leiteu ist. Es ist immerhin möglich, daß das Mannesorakel der Andreasnacht sich im griechischen Sprachgebiet entwickelt hat und dann im Gefolge der christlichen Religion zu uns gekommen ist.

Vstchertijch.

- Deutscher Wille Ul u n fl wart). Zweites No- vemberhest. (Verlag von Georg D. W. Eallwey, München. Kriegsausgabe zum ermäßigten Preis. Vierteljährlich 3 Mcrrk.l Das Heit, das in seiner Stiinmung dem Totenfest enisvricht, wird eingcleitet durch einen Gedichtzyklus von Ferdinand AvenariuS »Zum Totentag". Der erste Aussatz, von Karl Heinrich, spricht vonunserm Willen zürn Leben" Darin wird das ernste Thema vom Sterben der Völker, vom Geburtenrückgang, das uns schon vor dein Kriege beschäftigte, iin Hinblick auf die Gegenwart erörtert. Darin führt Professor Paul Natorv seine Aussatpeihe über das Thenia Krieg n,id Frieden weiter. In einein größeren Beitraa überVolkstnm-Deiilschtnin" beschäftigt er sich nnt demWesen* des Deutschtunis und silcht ihm seine»i Platz in der weltgeschicht- licheii Entwicklung zu bestiminen. Tiiina von Waldkampf behandelt die beiden großen Gruppen der politischen Betätigung der Frau in einern Allfsatz überFrauenbewegung" unb ..nationale Frauen­arbeit". Hermann Utlinann berichtet über feine Beobachtungen hinter der östlichen Front in sehr anschaulichen Darstelliingen Polen, Juden, Deutsche", UeberSoldatengräbcr und Kriegs­denkmäler gibt Professor Oskar Strnad an der Haiid einiger Zeickmmgen praktische Vorschläge, er sucht darzutun, welcher Art dw künstlerischen Gesichtspimklc sind, d,e bei der Euichtung von Gräbern oder Denkmälern beide sind ja ihreni Wesen nach ver­schieden in Betracht konnnen.

D e r T ü r in e r (Kriegsausgabe). Heraiisgeber: F. E. Frhr. v. Grotthuß. (Stiittgart, Greincr & Pieiffer.) Ans dem Jiihalt des ersten Tezeinberheites: Bulgarien 1915. Von Ernst K. Miink

(Sofia.) Aus den katalaumsckeu Feldern. Von P. Mahler. Mehr nationales Verantworillchkeirsgefühl! Em Mahnruf an die deutschen Frauen. Von Trude Barth.^redipicatk«^ Der Erzpwat. Ein antiker Vorläufer John Aulls. Von Gustav Ste;enbach-Frei- burg i. Vr. Das geistige Frankreich im ersten Kriegsjahr. Von Dr. M. Ritzenthaler. Die Ungarn unb ihr Staat. Das russische Kmservapsttum. - Ein Ehrentag der deutschen Jugend.

- Das rumänische Problem. Der Handelskrieg mit England.

Soldatengrab niid Kriegsdenkn'. ck. Bon Karl Storck. Zu

Menzels hundertstem Geburtstag. Von Karl Storck. - Türmer« Tagebuch: Der Krieg. A»cf der Warte. Kunstbcilagen, Notenbeilagen. _

Lcherzrätsel.

Ich hatte Um noch nie gesehen.

Doch ivar er inir genau bekannt.

Ich wlißte iiicht, lvie mir geschehe«!,

Als er so dräuend vor lnir stand.

Das eine iühlt ich nur beklommen:

Vor dieseii! Gast entflieht mein Glück."

Und doch hat er mir nichts genommen,

Er ließ sogar etwas zurück.

Gering mit' war des Fremden Gabe,

Doch bleib' ich ihrer eingedenk!

Nun sagt, ivaS ,var das iür ein Knabe,

Was war sein Danaergeschenk?

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rätsels in voriger Nummer! Talk, Talg.

Schctstleltung: Atlg. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen UniversitärS-Buch- und Clemdruckerei. R. Longe, Siebe»