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Prustenden Winde überließ und ihnr noch laut lachend cin „Hui!" nachrief.
Ein breit im Fenster lehnender blonder bildhübscher Bursche fing den Raub mit einer verwegenen Biegung seines gesamten Oberkörpers ein und übernahm nun seinerseits das Schwenken mit dem weißen Fähnlein, bis der brausende Zug den Blicken der drei Mädchen entschwunden war. —
Werner Straus selb, der die Brust und seine Mütze voller Blumen hatte, besah sich nun unter lebhaftem Geneck seiner Fahrt- genossen in aller Ruhe das duftige Beutcrstiick. Und da die schneeige Werse äußerst appetitlich war und obendrein ein sehr feiner Tust dem zierlichen Gewebe entstieg, steckte Werner seine eigene, wenn auch, weniger zierliche Nase hinein und verdrehte zum Ergötzen aller Anwesenden so possierlich schmachtend die Augen, daß zuguterletzt ein regelrechter Kampf um das Tüchlein entstand und daß es schließlich sogar Werners überlegener Kraft bedurfte, das reich bestickte Fähnchen nicht etwa in lauter Fetzen zurückzuerhalten.
Rings um das Tüchlein zog sich ein Kranz- von Vergißmeinnicht und- es war wirklich so allerliebst und reizend, daß Werner es au erster Stelle seiner SamUilung zarter Erinnerungen cin- züv erleiden beschloß.
Erst am Mend, als er trotz ausgiebiger Müdigkeit auf dem harten Strohsack nicht sogleich einzuschlafcn vermochte, schlug ihm das Gewissen. Er stellte sich mit großer Lebendigkeit das gertenschlanke Mädchen vor, bei dem er in der Hast der Fahrt nicht hatte feststellen können, ob eigentlich die roten Lippen lockender gelacht hatten als.die blendend weißen Zähnchen oder umgekehrt. Auf jeden Fall war das frische junge Geschöpfchen unzweifelhaft von größtem Liebreiz, gewesen und es war nicht einznsehcn, warum es sein Tüchlein nicht zurück und einen Gruß dazu haben sollte. Weil es ja leider mehr nicht sein konnte, sagte sich Werner bedauernd.
Und da Werner nun in allen Dingen, die zweierlei Geschlecht angin^en, allermindest geschickt genannt werden mußte, machte ihnr! auf diesem Gebiet ein Feldzugsplan weiter keine große Schwierigkeit. Er wußte ja den Namen des Städtchens, durch das sie in eben jener Stunde gefahren ivaren, und so setzte er ganz einfach unter das Wort „Batisttüchlein" die Bitte um die Adresse der Besitzerin in die Zeitung, da er der rechtmäßigen Eigentümerin das kleine Heiligtum wieder Hüstelten möchte. Darunter schrieb Werner tn a JI € . r Offenheit seine genaue feldgraue Adresse.
Die Folge dieser edlen Handlung war, daß der Eroberer der wnßen Fahne fünf Päckchen Liebesgaben, zehn Ansichtskarten und drei Briefe erhielt.
Das iüberstieg mm an und für sich recht erheblich den erwarteten Erfolg, und wenn Werner Stransseld trotzdem niedergeschlagen war, geschah das lediglich, weil eben just der eine und erwarteto Brief ausblieb.
Denn Liselotte kämpfte inzwischen einen harten Kampf. Sie war nämlich nicht nur den Namen nach eine Tochter aus gutem Hause, sondern sie war auch von sich selbst aus ein zartbesaitetes kleines Mädchen und hatte sich ihres plötzlich entbrannten nnge- bandigten Uebermutes hinter der Bahiischranke schon weidlich geschämt.
Als dann gar die dicken Lettern in der Zeitung standen, an l^r Stelle, die nun einmal jedes Mägdelein aus einer leicht verzeihlichen Neugier alltäglich einsieht, war der Schuldbewußten w plötzlich, lind in einer solch strömenden Welle das Blut in die Wangen geschossen, daß es ein großes Glück war, daß Mama draußen in der Küche eigenhändig den Puter mit vorbereiten half,
der Herr des Hauses anr nächsten Tage seinen alljährlichen' Ehrentag hatte.
Aber nun war natürlich guter Rat teuer. Wenn maii erst siebzehn Jahre alt ist und einem ferner durch eine ganze Reihe von Jahren immer wieder gesagt wurde, was sich schickt und was sich mcht schickt, dann versteht es sich beinahe ohne eigenes Zutun von selbst, daß man auf eigene Faust nichts unternimmt, was im Leisesten nach einem Abenteuer aussehen könnte.
Wenn sich also Liselotte nach einer langen baiigen Woche dennoch entschloß, ohne Manias Vorlvissen cin paar zaghafte Zeilen ans ern Briefblatt zu. zittern, war es eben ihre Rechtfertigung, daß es sich wirklich nur ein Tuch handelte, an dem Ln Schäfer vernähe vier Wochen ununterbrochen gestickt hatte, und daß es eine Schande lvar, so viel Mühsal in einem einzigen unbedachten Augenblick davonflattern zu lassen.
An Werners blitzende Blauaugen bei dieser Rechtfertigung Nicht zu denken, gab Lieselotte sich die größte Mühe.
Und jedenfalls — das Brieflein plumpste in den Kasten.
Was war es für ein dummes Brieflein und welch cin knappes?
Mer Werner war Kenner. Und das Dumme nnb das Knappe gefiel ihni am allerbesten. Er stteichelte die unsicheren Buchstaben mü> fühlte mit geschlossenen Augen ein solch wohliges Erzitterii, als sei er selbst diese kleine Lieselotte, die sicher ini allerersten nur' fußfreien Kleide saß.
Und da Werner ,nun ein bißchen einen leichten Sinn hatte, uchessen durchaus kein leichtsinniger Mensch war, setzte er sich hrn und schrieb wenn auch nicht gerade zitternd — ein io zartes Feldpostbneflcm, wie es sicher nicht aus vieleiri Gran geschrieben wird.
Und schwerlich wird nun jemand annehmen können, daß es Bewaiidtnis hatte. Im Gegenteil, hier begann in Wahrheit erst dav Spiel, aus dem später ein solch hübscher Ernst
werden sollte, biifj auch ein wirklicher Kuß in der kleinen Geschichte vorkommt.
Bis dahin freilich hatte es iwch einen langen Weg. Aber eines Tages bl,eb Werners Antwort aus, und wenn man mit nur achtzehn Jahren mitten ans der frischesten Gesundheit an Herzcns- rangen sterben könnte, wäre Lieselotte in größerer Gefahr gelvesen als d"r leichtverwundete Werner.
Man h-t t ja ein tiefches und heiligstes Geheimnis, sonst hätte Werner sehr lercht die gütige Pflegerin bitten können, die Feder! buimat für ihn zur Hand zu nehmen. Aber was hätte die feine stüte Frau wohl sagen sollen, lvenn es in der Anrede Lieselottes hieß und ans der Adresse Lu Schäfer.
Es war nicht anders, Ln Schäfer wurde zur Dritten im Bunde ernannt. Und rveil es nun einmal heraus ist Md also auch ans?- geklärt werden muß, soll hier offen stehen, daß diese Maßnahme lediglich der Einfachheit halber getroffen war.
Lu s Manla war moderner als Lieselottens. Lu durste eigene und unkontrollierte Post empfangen. Was in diesem Fall — es muß zugegeben werden'— einen füllen Nutzen hatte.
Wie hätte es sonst geschehen können, daß Werner und Lieselotte
ouiem häßlichen, regnerischen und stürlnischen Herbstabend unbehelligt in -Lchäsers ausgedehntem Garten auf und ab gingen und weder von dem Regen noch von dem Sttirm etwas merkten!
Zaghast war Lieselotte zwar auch jetzt noch und Werner hatte den rechten Arm noch in der Binde, aber zuguterletzt duldete Lieselotte, daß er den linken nahm.
Sie hatte ihm auf seine flehentliche Bitte und zwar jetzt mit allem Vorbedacht das bewußte Tüchlein mit den Vergißmeinnicht silr immer und ewig znrückgegeben und konnte sich seinem Tank nicht entziehen.
Wenn nun aber jemand denken sollte, daß Werner stürmisch zu Werke ging, dann hat man sich doch in seinem Naturell geirrt.! Denn er zog Lotte er kürzte den Namen ab — so be Huts asm lute möglich in eine triefende Laiibe, hob mit der linken Hand ganz ganz teile ihren gesenkten Kopf ans, sah ihr zuvor, so gut es di§ heremgebrochene Dämmerung gestattete, in ihre beide leuchtenden Augen Und küßte dann erst diese, bevor er mit einer großen Andacht ihren Mund küßte.
, Tann standen sie beide still und nun hatte auch der Regen ausgehürt.
. . Ter kräftige junge Bursche zog das am ganzen Körper bebende seine Mädchen an sich und begann zu flüstern von seinen Ettern, zii denen er auf der Urlaubsreife war. Und sprach von seinem Studium, und daß er wie sein Vater mit all seineu Interessen bei der Medizin sei und am liebsten aller Welt helfen möchte.
Und die kleine Lotte, die ein Herz hatte, als sei es aus purem Mitgesühl gemacht, spürte kaum, daß ihr unaufhörlich Tränen über die Backen liefen.
Aber auch Werner wurde es eigen weich und schwer, und dap er im letzten Abschied dem Mädchen die kleinen weißen Hände küßte, soll zu seiner besonderen Ehre gesagt sein.
Und nun gibt es schon den ganzen Herbst hindurch zwei Menschen mehr, die trotz peinlichster Pflichterfüllung an nichts denken als einer den andern glücklich und reich zu machen.
Seim Landsturm im Zelde.
Von Fritz Arens.
Ein rauher Herbftstnrm weht über die Felder und rüttelt an den Telegraphenstangcn, die wte schlanke Nadeln längs des Bahndammes stehen. Ter Herbst im Westen Frankreichs ist nicht so kalt wie bei uns, aber regnerisch! und unfreundlich. Das wissen nicht nur die Feldgrauen, die im Schützengraben liegen, sondern auch die braven Landstürmcr, die längs der Bahn Tag und eracht Wache halten. Besonders empfindlich macht sich der rauhe Wind hoch oben aus der Brücke bemerkbar. Hier steht ein Landsturm- mann, den Blick in die dunkle Weite gerichtet, und sinniert und träumt sich zurück in die Heimat zu Weib und Kind. Und er summt leise vor sich hin:
Bald ist es Friede,
Dann komm' ich> wieder!
Wischj^Dir die Träne ab Mit SandpaPier.
Es kommt ihm recht zum Bewußtsein, wie sich in diesen Worten Ernst und Humor paart. Da..., ist es nicht, als wenn ein Geräusch an sein Ohr dringt? Aufmerksam horcht er in die Ferne. Der Schall gedämpfter Schritte kommt näher. Der Landsturm- mann bringt^ das Gewehr vor imd rust laut in das Dunkel dev der Nacht: Halt! Wer da? Als Antwort kommt zurück, daß der Revisionsossizier da ist. Erleichtert atmet der Landsturmmann ans und erstattet die vorschriftsmäßige Meldung. Dann ist er wieder allein, weitab von seinem Wachlokal. Mitten in Feindes-' land, fern der Heimat, „..bald ist es Friede.." „Bald?.."
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In einem der Wachzimmcr wird gesägt und geklopft. Drei Landstürmer, die in diesem Zimmer einer Villa einquartiert sind, zimmern sich ein Wandrcgal zurecht, die essende Stelle ist gesunden, aber das Bild, daS dort hängt, muß weichen. Es ist ein einfacher, billiger Druck, cin Bild, das dem Geschmack des geflohenen Villenbcsitzers nicht gerade ein günstiges Zeugnis aus-


