Moiliag. den 22. November
Die VOM Rauhen Grund.
Roman von Paul Grabein.
(Nachbruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Was es lvar? — Kind, sie sprechen doch: wenn jes so klopft, dreimal! — in der Stunde stirbt eins int Hause."
„Ach, fängst du auch wieder an mit dem Unsinn?"
llnd enger zag Marga die Bettdecke um sich.
„Ich weiß nicht, Magri — es ist auch mit einermnäl so still geworden im Hause. Bis vor einer Viertelstunde noch dies Getobe drüben in der Gaststube, und dann mit eins wie abgeschnitten. Sie sind gegangen, alle miteinander ganz plötzlich. Und jetzt wimmert 'der' Hund da drüben so jämmerlich. Immerfort — hör' doch nur, wie er sich reut!"
Marga lauschte, und deutlich vernahm sie jetzt die leisen, langgezogenen K'tagetone. Da lief es kalt über sie hin.
„Ja — das hört sich wirklich ganz schauerlich am"
Und sie richtete sich vom Lager auf. Ihr Blick züchte in plötzlicher Angst das Antlitz der Greisin.
„Was sollen wir denn nun tun, Großmutter?"
„Den Mannes wecken."
„Der ist ja heute wieder in Köln geblieben."
„Daun teil Vater."
Marga nickte. Hastig erhob sie sich und hüllte sich in die notwendigsten Kleider: So eilte sie mit dem Sicht aus dem Zimmer. Doch gleich war sie wieder da.
„Großmutter — der Vater ist nicht in seinem Zimmer!"
„Nicht?"
„Nein! Als er auf mein Klopfen nicht antwortete, trat ich ein — aber sein Bett ist noch unberührt."
„Wo soll er denn aber nur sein?"
Ein Schweigen. Aus den dunkeln Winkeln des Gemachs, das nur die Kerze in dem Leuchter spärlich erhellte, kroch es an Marga heran. Aber noch einmal entwand sie sich, dem Grauen.
„Vielleicht ist er mitgegangen mit den andern?"
Die Reusch-Mutter schüttelte langsam das Haupt. Ein schwerer Ernst lag plötzlich auf dem alten Antlitz. Und nun erhob sie sich.
„Konnn!"
„Wohin denn?"
„Hinüber ins Gastzimmer, wo der Hund so heult."
„Großmutter — ich Hab' solche Angst!"
„Komm!"
Fast streng klang es. Da gehorchte Marga. Aber ihre Hand griff nach dem Arm der Blinden. Bebend drängte sie sich an die alte, hilflose Frau.
So schritten sie hinüber nach dem Gastzimmer und öffneten.
Noch Licht in der Hängelampe? Trotzdem kein Mensch mehr hier war! Und Margas Auae drang durch beit schwer
ren, bläulichen Tabaksdunst über die lange Tafel hin. Die Angst wich im Moment einem Ekel. Dieser kalte Dunst von Tabak und verschüttetem Wein, die Batterien von Flaschen, umgestürzte Stichle — wie widerwärtig das alles!
Doch nun ein Auswinseln und Scharren, hinten unterm Sofa. Diana kan: eilig hervorgekrochen und jetzt zu ihnen, hell aufheulend — wie um Schutz zu suchen.
Da fiel es Marga Neusch von neuem an. Eine würgende Angst. Ihre Augen, die sich jetzt an den Qualm gewöhnt hatten, richteten sich nach dem Sofa, in einem Suchen, einem grauenvollen Ahnen, und plötzlich krallten sich ihre Finger um den Arm der Großmutter.
„Was siehst du?"
„Der Vater! — Da — auf dem Sofa!"
Und sie warf den Kopf gegen die Schulter der alten Frau, um dem schrecklichen Anblick zu entgehen, klammerte sich zitternd fest an der schwachen Greisin.
Eine Weile stand die Blinde, ohne sich zu rühren. Dann sagte sie seltsam ruhig:
„Ich wußte es."
Und nun löste sie sich von der Enkelin.
„Führ' mich hin zu ihm."
„Ich kann nicht!"
„Bist du so feige?"
Da leitete Marga die Großmutter zum Sofa bin, die Augen starr weggewandt. Doch dann riß sie sich los, geschüttelt von Grauen.
„Ich wecke die andern!"
Und sie stürzte davon.
Die Blinde aber tastete nach den Händen des Toten, fand sie und legte sie übereinander. Dann stand sie neben dem Lager, stumm und unbeweglich, und dicht neben ihr der Hund. Still war er jetzt geworden. Und es war etwas! Ergreifendes in deni trauervollen Blick, den er auf den toten Herrn heftete. Wie wenn die gefangene Seele in seinem tierischen Leib den letzten Geheimnissen der Natur doch näher stand, als Menschenhochmut ahnte. Die Reusch- Mutter aber litt verstehend den armseligen Hund am Laaer des Toten. Sie hatte ihre mageren Finger gefaltet und die lichtlosen Augen niedergesenkt ans den Hingeschiedenen Sohn, als vermöchten sie ihn zu sehen.
Und sie sahen ihn auch. Als kleines, unmündiges Kind, das ihrem Mutterherzen und ihrer Muttersorge nahe gewesen — lange Jahre hindurch. Da bewegten sich ihre welken Lippen leise.
„Hannes."
Durch die Fenster des w üsten Zech ge wachs drang laut los von draußen der erste Schein des Tags. Fernher aus der Ewigkeit. Und er legte sich auf die fahle Stirn dort auf dem Lager wie eine ernste, feierliche Hand: Jetzt bist du mein!
*
Am dritten Tage darauf begruben sie den Reusch- Hannes. Es war eine große Angelegenheit für den ganzen


