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Rauhen Grund. Der Hirschwirt war ja weithin bekannt und angesehen gewesen Zeit seines Lebens. So gab ihm denn ein langer Trauerzug das Geleite, mit vielen schwarz umflorten Bannern. Voran die Griiine Gilde mit ihrem Hauptmann, Obersteiger Hannschmidt, und der Fahne. Freilich, der Ehrenvorsitzende, der Herr von Grund, war zu Hause geblieben. Er war ein guter Hasser noch übers Grab hinaus, und ec hatte es dem Reusch-Hannes nie verziehen, daß er ihm damals so iibel mitgespielt bei der Grubenver- schmelznng. Aber er harte doch einen Vertreter geschickt vom Adligen Hause, seinen Neffen, den Eberhard von Selbach. der noch immer dort zu Besuch war. Der ging jetzt, stattlich anzusehen in seiner Ofsiziersunsiorm, neben dem Hauptmann der Grünen Gilde mit im Zuge. Auf Hannschmidts anderer Seite schritt Gerhard Bertsch. Aber die beiden vornehmsten Gäste bei der Trauerseier hatten sich vorhin beim ersten Begegnen nur mit einem kalten, formellen Verneigen begrüßt. Ohne ein Wort. Nun sahen sie starr geradeaus, alle beide.
Es war überhaupt ein trübseliges Begräbnis trotz all der Ehren. Unaufhörlich rieselte der Regen nieder, während sich der Zug durchs Dorf wand. Unter dem gewölbten Dach der zahllosen Regenschirme anzusehen wie eine riesige, schwarze Schildkröte, die langsam den Weg entlang kroch. Dichter, weißgrauer Dunst lauerte int Tal und verschlang die Berge droben. Schmutzig, gelbgrau, hingen die Rauchfahnen an beit Kaminen von Christians glück, wo der Trauerzug vorbeiführte, auf dem Weg zum Friedhof droben ani Waldrand. Naß glänzten Holz und Eisen auf dem Werkplatz, an den Schuppen und Ladebühnen. So weit entfernt schienen alle Dinge in der dicken, feuchten Luft. Geduckt schlich sich der Rauch aus den Erzhausen vor den Rostöfen über den Boden hin und erfüllte die ganze Umgebung mit seinem ätzenden, säuerlichen Dunst. Ein dichter, weißer Schleier. Bisweilen verschwanden die Baulichkeiten des Werks ganz darin. Nur oben hingen, seltsam und unwahrscheinlich nach unten abgeschnitten, die dunkeln Umrisse von Kaminen und Kühlern wie frei in der Luft. Dumpf klang «us dem Dunst drunten im Tal, vom Unterdorf her, das Glockenläuten herauf, und als ernstes Echo antworteten die Trauerchoräle des Posaunenchors, mit dem die „Finen", die Brüder vom Gebetsvereiu, dem Toten das Geleit gaben.
Und dann war der Zug auf dem Friedhof augelangt. In langem Spalier stellten sich hier die Vereine mit ihren Bannern vom Kirchhofstor bis zur Leichenhalle aus. Eine Ehrenftraße, durch die nun, von der Trauerkutsche her, Pfarrer Burgmaun geschritten kam, au seinem Arm die alte, blrade Frau uus dem Hirschen, die Mutter des Reusch Hannes. Und hinter diesem Paar seine beiden Kinder.
Viele Blicke trafen Marga und ihren Bruder auf diesem Gange. Und nt manchen versteckte sich nur schlecht der Neid. E hatten nun nichts mehr zu sorgen! In Ruhe konnten sie verzehren, was der da vorn im Sarge zusammcngerasst hatte nt seinem Leben. Mocht' ein schöner Batzen sein'
Nun schritten die Leidtragenden mit dem Geistlichen auch vorn bet den Ehrengästen vorüber. Ein betroffenes Staunen stand in den Mienen Eberhard von Selbachs Er ha-tte nn Adligen Hanse schon manches gehört von Marga Reusch. Aber so schön hatte er sie sich doch nicht vorgestellt' ^hne zemanden anzublicken, schritt sie neben dem Bruder dahin. Stolz aufgerichtet. Aus dem düsteren Gewand, das ihre schlanke Gestalt eng umschloß, rauschte es knisternd auf bei jebcm Tritt. „Alles auf Seide gearbeitet!", flüsterte es irgendwo ans Frauenmuud. Hämisch und doch begehrlich.
Jetzt kamen die Vier gerade an Gerhard Bertsch vor- Starr hing sein Auge au dem Banner der Grünen Gilde, das ich vor dem Geistlichen salutierend senkte. In Margas GeUcht flog es wie ein Beben um die Nasenflügel Marmorblaß schimmerte ihr Antlitz unter dem dichten, schwarzen Schleier hindurch. Doch hoch trug sie ihr Haupt, von dem der Krepp hinten düster und schwer niederwallte, bis zu Boden fast.
, Wie eine Königin! dachte Eberhard von Selbach. Und sem Auge tnng an ihren schlanken Linien, bis sie in der Halle verschwunden war. Dann folgte er auch er neben dem Werksdirektor von Christiansglück, als erste des Trauer- gcletts
o Gerhard Bcrtschs Zügen stand jetzt wieder die alte Festigkeit, ^za, ein fast herausfordernd scharfer Zug. Was war das da eben gewesen? Während Pfarrer Burgmann rm Boruberschrciten an all den andern Vereinen bei der ge
senkten Fahne dankend geilickt, hatte er hier, bei ihm und Hannschmidt neben dem Banner der Grünen Gilde, kalt vorbeigesehen, als wären sie Luft. Und es war nicht unbemerkt geblieben. Von allen Seiten hatten sich die Augeii hergewandt — erstaunt, betroffen.
Zerstreut hörte Bertsch nur aus die Trauerzeremonie hin. Burgmann machte es auch kurz. Nun hatte er seinen Segen gesprochen. Die Träger, acht Kameraden des Reusch- Hannes von der Grüneil Gilde, nahten sich in ihren Schützen- uniformen und ergriffen die Bahre, um sie itach der Gruft zu trageii.
Nach dem Landesbrauch würden die Frauen dorthin nicht folgen. So trat denn Gerhard von Selbach als erster der Trailerversammlung zu den Hiitterbliebenen, um fein Beileid auszusprechen. Der Sohn Reuschs stellte izn den bcibeit Frauen vor. Jeder in der Halle blickte neugierig herüber, wie der Vertreter des Adligen Hauses sich nun vor Marga Reusch verneigte in seiner glänzenden Uniform. Tief und respektvoll. Und jetzt reichte sie ihm dankeiid die Hand, lieber das schöne, blasse Gesicht unter dem Schleier glitt es wie ein Hauch befriedigten Stolzes.
Auch Gerhard Bertsch gewahrte es, und zwei Falten gruben sich ihm tief um die Mundwinkel. Sie standen jetzt oft dort und gaben seiner Miene etwas Hartes, Verächtliches. Kurz wandte er sich ab und schloß sich Hannschmidt an, der mit der Grünen Gilde dem Sarge nachfolgte zur Gruft.
Alle waren sie jetzt dort versammelt in dem strömenden Regen, um die offene Gruft, neben der der Sarg stand. Zunächst der Bahre die Fahnen mit den Abgeordneten der Vereine. Hinter dem Banner der Grünen Gilde zwölf Mann unter Gewehr. Sie sollten dem dahingeschiedenen Kameraden die dreimalige Ehrensalve über das Grab feuern.
Nun öffnete sich eine Gasse in der dichten Menge. Pfarrer Burgmann trat an die Gruft. Trotz des eiskalten Novemberregens barhäuptig. Abermals senkten sich vor dem weißhaarigen, knorrigen Alten all die Fahnen imb entblößten Degen tief zur Erde. Schweigend überflog sein Auge die Reihe der bunten goldgestickten Embleme. Doch wie er nun an das Banner der Grünen Gilde kam, da flammten unter den weißen Branenbüschen plötzlich Zornesblitze hervor. Heftig reckte sich sein Arm gegen die Fahnenträger und seine beiden Begleiter aus.
„Ja — da steht ihr nun mit eurem Panier und trauert! Aber wird euch nicht der Boden zu heiß unter euren Füßen hier an diesrem Grabe? .Habt ihr dem da —" er wies zu dem Sarge hin — „nicht zum Tode verholfen? Zu einem unseligen Ende, unvorbereitet, ohne den Trost der Kirche — mitten heraus aus wüster Böllerei? Saufen — das ist eure ganze Kameradschaft! Daß ich es euch einmal sage, laut vor aller Welt, in die verrotteten Gewissen hinein. Und Gott der Herr hat euch das Zeichen geschickt, daß es euch Zurufe wie Posaunengeschmetter: Kehrt um! Ehe es zu spät rst — che auch ihr Hinfahrt in euren Sünden, gleich diesem hier!"
Atemlose Stille war eingetreten. Wie niedergeschmettert standen alle die Hunderte ringsum und starrten zu den Abgeordneten der Grünen Gilde bei ihrer Fahne hin.
(Fortsetzung folgt.)
Schwarz-Gelb.
Von R n d o l f M i ch a c l.
Ueber den polnischen Aeckern lag der Schnee in weiten Wellen.» Ter Wind faßte die paar Tannen und Büsche, daß sie zitternd und frößelnd die weiße Last abzuschnttcln suchten. Aber immer wieder deckte der leise Schnee sie zu.
Tann und wann hallte über die offenen Felder ein Schuß, vervielfältigt wie der Ruf in einer weiten Halle. Das waren streifende Patrouillen, die ans schwierigen Wegen das breite Borge! and c durchkreuzten. Oeslcrreicher und Deutsche lagen gemeinsam m diesem .Hügelland den Russen gegenüber.
Jetzt wurde das Schießen lebhafter. Sie hatten ein Ziel. Den Gegner sahen sie im Schatten durch das im Schneewirbel ver- schwrmmende Licht. Tann wurde es wieder stiller. Noch ein paar Schüsse, als hätten sie sich verirrt. Und dann das Schweigen
Ter österreichische Schwarmsührer Tübinger lag schon seit dein grauen Morgen mit seinen drei Mlann an derselben Stelle hinter ein paar zerzausten Tannen und wartete, der Schnee sollte Nachlassen und das Licht freier werden. Aber er tvartete umsonst ^etzt am Nachmittag mußte er in-it seinen Leuten häufiger schießen. Tenn oft sah er in der verwehten Ferne einen Russen über den


