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war urplötzlich dagewesen und dann, nachdem er mühsam das Daustor aufgeschlossen hatte, und sie sich langsam und schwer Mite Nacht gesagt hatten, weil sie sich nicht trennen und die Hände sich nicht lösen wollten — da endete es gerade so. wie vorher in dem dunkeln Zimmer. Woher sie auch kamen, immer endete es damit. Ms eines Tages auch diese jämmerliche Täuschung zerfloß, als eine Freundin sich verlobte und sie die beiden in dem Duft und der Wolke von Zärtlichkeit einhergehen sah, von dein sie mir träumte.
Und da fing die Marter wieder an. Kopflos und besin- nungsws ging sie umher, bis der tobende Heißhunger in ihr ich aufbaumte Und der Gedanke erwachte, um ihr Glück zu kämpfen.
wie? Mit wem? Erst wies sie den Gedanken, ihm rück- haltlos zu schreiben, mit Entsetzen von sich. Großer Gott, sie wurde sich doch nicht so erniedrigen. Und was würde er von ihr denken. Wenn er sie nicht lieble, würde er sie außerdem noch verachten. Uno selbst, wenn es noch so war wie früher, mußte ^ ue ia für ein ganz gemeines Geschöpf halten. Eine, die sich selbst anbot. Pfui, pfui.
Und immer wieder ging sie denselben Gedankenweg, bis es ihr zuletzt als das eftrzige Natürliche erschien, als die Probe darauf, daß sie alles in den Wirrd warf, autzrr ihrer Liebe. Und wenn sie dock) noch davor zurückschreckte, so sagte sie sich, daß ihr ganzes Enrpfindungsleben durch die Erziehung auf den Ehren- zuschnrtt verkrüppe t sei, daß die Befriedigung über den eigenen ^tolz eine Stunde^ lang, einen Tag lang, eine Woche lang wahren, und der Schrei des Elends ihr ganzes langes Leben Tag um Tag, Woche um Woche, Jahr um Ihr begleiten würde. Und fo schrieb sie unter tausend Vorsichtsmaßregeln, in erlisteten ungestörten Viertelstunden den Brief an ihn und war doch nie damit zufneden. Fand ihn Holzern, ungeschickt, nichtssagend, bis sie in Verzweiflung irgend einen der Versuche absandte.
Lieber Herr Doktor!
- b luuge Sie mir schon nicht geschrieben haben! Erst dachte ta^ es mußte doch jeden Tag ein Mief von Ihnen kommen Ich habe mrch ordentlich jeden Morgen beim Aufstehen darauf gefreitt. Tann fürchtete ich. Sie wären wohl krank. Man wartet f.'i ^hlledickdig auf einen Brief, und dann war es das natür- Uchfte Hindernis der Welt, das den andern vom Schreiben abhielt, und wenn es sich dann aiifklärt, muß man vor lauter Erleichterung über die eigene Dummheit lachen. Aber als keiner Ihrer Freunde einer Krankheit sprach, da fing ich an zu fürchten, daß ich mit irgend etwas, was ich Ihnen letzthin geschrieben hatte. Sie verletzt oder geärgert habe, und das wäre doch etwas, das muffen Sie wissen, was ich nie gewollt hätte. Denn immer, wenn ich an die Zeit denke, in der wir uns so oft gesehen und gesprochen und uns so gut vertrageii haben, ist es mir eine Einkehr in meine liebste Erinnerung. Ich laufe auch dies Jahr wieder Schlittschuh und tanze lind muliziere viel, und Dr. Mach iß so nett, wie er nur kann, und bemüht sich, es mich nicht empfinden zu lassen, daß ich vergangenes Jahr an einen anderen Partner gewöhnt war Aber er kann mich doch weder in den Eisrausch, noch in den Tanz- rausck oder in den Musikrausch wie nur die drei Ekstasen genannt haben, erheben, ^ch könnte Jchien eine Menge ..Kleinstadtgeschichten erzählen, aber vielleicht stehen Sie den Dingen, die unser Heben ausmacheri, jetzt ganz fremd gegenüber und wundern sich, daß Sie selcht einmal mitten in diesen feinen Fäden gestanden sind, die von einem dieser Menschen zum andern gehen. Und deshalb ftndc ich auch nicht den rechten Mut zum Plaudern. Sonst, wenn ich Ihnen schrieb, saßen Sie eigentlich immer leibhastig neben mir, und mir war's, als müßte ich nur von dem Miefbogen auf- schauen, um Sie zu sehen, und wir beide wüschen loslachen, über den Umweg den ich mache. Jetzt aber sind Sie weit fort, wirklich in einer anderen Stadt, und ich fühle beim Schreibeii, daß Sig mich nicht hören können, weder wenn ich zu Ihnen spreche, noch wenn ich lache. Auch, daß wir uns dies Jahr kein einziges Mal an den Hmrden gefaßt und wie toll den Eisplatz hinunter gestürmt sind keinen Walzer ganz durchgetanzt haben, und daß mir niemand mehr Isoldes Lrebestod vorspielt — trotz Dr. Mach.
Ich will von jetzt ab wieder auf den Briefträger warten, mit dem ich solange getrotzt habe. Oder nein —. schreiben Sic nur lieber postlagernd. Den Grund dafür nenne ich Ihnen ein andermal.
Herzlich die Ihre, svie immer
A n n e m i e.
Sie war mit dem Mief so unzufrieden und eigentlich ganz hoffnungslos, als sie ihn m den Postkasten tvarf. Sie hatte ihre deshalb gebeten, ihr postlagernd zu schreiben, weil sie ganz sicher sein wollte, daß der Mies, wenn er kam, in ihre Hände gelangte. Vielleicht hatte er ihr geschrieben und jemand hatte deil Brief unterschlagen - vor diesem Zweifel, der mit einer Unaufgeklartheit, die eni Schimmer einer Aussicht ihre Peili noch ätzender macht, wollte sie wenigstens sicher sein.
Er mußte den Mies in Yen nächsten Tagen haben. Sie nahm stch vor drei Wock)en lang nicht den Gang zum Posiamt zu machen. Sie wußte, wenn fie zwei-, dreimal enttäuscht sein würde, fände sie nicht mehr die Energie. zu hoffen. Und sie begann ihre Gedanken gewaltsam im Zaume zu lxüten. Denn bis jetzt immer, ff N" Abm Hang. Lustschlösser zu bauen, nachgegeben hatte, f 0 ™ T ^ ie r Wirklichkeit das Gegenteil, davon gebracht. Und jedes Mal, so oft sie sich darüber ertappte, träumend in feimst Armen unterziehen, erschrak sie bis völliger Verzweiflung
und tröstete sich nur im Hinblick darauf, daß sie noch durch so und so viele Tage Zeit habe, den unheilvollen Einfluß der Luftschlösser zu brechen. Und wenn sie in ihrem Innern die Gewißheit fühlte, daß alles umsonst sei, dann deckte sie diese Gewißheit zu mit tausend Gründen mrd eisernem Willen. Denn, wenn sie nicht an ihre Sache glaubte, wie konnte sie gelingen? Und Abend für Abend betete sie unzusammenhängend, leidenschaftlich und fühlte, daß ihr Gebet sich nicht aufschwingen wollte, daß die Seligkeit der Hingabe an Gott sie nicht erfüllungsverheißend durchdrang. Und Abeiid für Abend kämpfte sie mit Gott mft arideren Worten und anderen Waffen.
Tagsüber wurde ihr alles zum Zeichen; und wenn sie sich an irgend etwas mit allen Sinnen gehängt hatte, dann begann! ihr Herz vor der Entscheidung so rasend zu klopfen, daß sie, ohne es zu wissen, die Hände zu den Ohren hob, die Augen schloß und davonstürzte. Und werrn sie wirklich einmal glücklich die andere Seite der Straße erreichte, bevor die Droschke vor dem Laden mit dem blauen Firmenschilde vorbcigefahren war, oder eine frische Kerze beim ersten Anzünden beinahe verlöscht uud doch Wiede, zu Heller stetiger Flamme ausgebrannt war, so half das doch nichts, denn das nächste Mal sprach das Orakel wieder gegen sie. Und endlich kam der Tag. Sie wußte nicht, sollte sie früh, mittags oder abends gelien, so sehr war sie in den Kreis des Aberglaubens ein- gesponnen, an den sie sich mit all' ihrer Hilflosigkeit geklammert hatte. Aber schließlich mußte sie es ja so einrichten, daß sie unbeobachtet blieb und so sagte sie, sie müßte einen Msuch machen. Und bevor sie ging, im Drang alles an ungeschriebenen Satzungen erfüllen, badete siel, zog sich von Kopf zu Füßen frisch an und betete. Seit ihrer Kindheit hatte sie das Gefühl, daß ihr Gebet nicht erhört worden war, wenn man sie darin unterbrach, und sie wurde leichenblaß, als ihre Mutter ins Zimmer trat und etwas von ihr wollte. Aber dann sagte sie sich, auch das sei bloß ein Aberglauben und es sei Zeit, sich davon frei zu machen.
Während des ganzen^Weges zwang sie sich, an nichts z-i denken und in sich die Stimmung ruhiger Erwartung zu erhalten. Mer es war eine derartige Ansttengung, daß sie, als sie das Postamt erreichte, alle ihre Energie ausgegeben hatte, und nur wünschte, der Mief, den sie so leidenschaftlich ersehnt hatte, möchte nicht da sein. Sie war zu erschöpft für das Glück. Beinahe mit der Gewißheit, daß der Beamte den Kopf schütteln und dazu: „nichts" sagen würde, nannte sie am Schalter ihren Namen. Aber gleichmüttg reichte er ihr gerade den letzten hin. Da, da lag er. Und da sie den Brief, um den sie Tag und Nacht gerungen hatte, auf dem Schalterbrett liegen sqh, da wußte sie, noch ehe sie ihn in die Hand genommen hatte, an der plötzlichen Stille, die in ihr war, was sie darin lesen würde. So ftemd starrten die runden Buchstaben sie an. Sie konnte sogar lächeln, höhnisch lächeln, als sie das Wohlgeboren sah. Sie wußte, das schrieb er nur auf d.^bichgülttge Briefe. Sie hätte den Brief gar nicht öffnen müften. Mer dann zwang sie sich dazu. Bis auf den Grund wollte sie gehen.
geehrtes Fräulein Annemarie!" Wie das weh tat. Und Zeile um Zeile las sie in brennender Scham, und Wort ftir Wort drückte sich wie ein Schandmal in ihre Seele. Nach jedem Satz mußte sie abbreckfen und laufen, ganz blindlings laufen, als konnte sie den Dingen entfliehen, die darin standen. Und nahnr - ir ne ' rV 3 ^ ^der uns und ließ seine nichtssagenden Phrasen wie Rutenschläge ans ihr nacktes zuckendes Herz niedersausen.
„Sehr geehrtes Fräulein Annemarie!"
„Verzeihen Sie, daß ich Ihr liebenswürdiges Schreiben so lange unbeantwortet ließ. Es hat mir erst ins Bewußtsein gebracht, wie lange ich Ihnen schon eine Antwort schuldig war. Sie müssen mich aber wirklich entschuldigen, denn das Tempo des Lebens hier ist ein so rafches, daß man zur Korrespondenz gar keine Zeit behält. Jetzt weiß ich, was es heißt, zu leben. Die Ge- nüfse der Kleinstadt erkennt man erst in ihrer ganzen Beschränktheit, wenn man sich aus einmal, wie hier, Kunst und Geselligkeit in gigantischem Stil gegenübersieht. Ich könnte Ihnen Bünde über beides schreiben, wenn ich die Zeit dazu hätte, und Ihnen die schriftliche Ueberlieferung auch nur den leisesten Reflex der Wirklichkeit geben könnte. Das Eine brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen : daß es Ihre liebenswürdige Persönlichkeit war, die mich das Dasein in der Kleinstadt immer mit guter Sttmmung er-
un fr ^aß ich Ihnen dankbar bin, daß Sie mit so viel Pietät meiner gedenken. Es wird mir inimer eine große Freude sein, direkt von Ihnen über Ihr Wohlergehen zu hören — nur müssen Sie mit mir als Korrespondenten etwas Geduld haben — und auch das war mir eine herzliche Genugtuung, daß gerade Tr. Mach es ist. der sich Ihnen so voll und ganz widmet. Er nt ein lieber guter und tüchtiger Mensch, der sicher sehr gut« Karriere macheu wird, und Sie werden das selbst sehr bald finden, wenn Sie ihn vorurteilslos nehnien. Behalten Sie lveiter in guter Erftmeruttg Ihren Sie
freundschaftlich grüßenden
Tr. M. Lehr."'
Als sie den Brief in die Tasche steckte, rvar sie ganz ruhig.
Es schien ihr, als wäre überhaupt alles ruhig — — die Men-
scheu — — das Leben - der Nuß, an dem sie stand — —
alles, alles. Sie konnte garnicht begreifen, warum sie sich nur vorher so aufgeregt hatte. Nur nach rückwärts schallen durfte fie nicht! da fing irgend etlvas in ihr an, mit dumpfem Schmerz


